Innovation 03.09.2010, 19:48 Uhr

Die Weisheit der Massen nutzen

Das sogenannte Crowdsourcing, also der Rückgriff auf das Wissen der Masse, ist eine Chance für Forschung und Entwicklung. Doch Prozesse müssen gut moderiert und die richtigen Fragen zur Beantwortung gestellt werden. Die Entscheidung, was letztendlich richtig ist, kann die „Crowd“ dem Ingenieur allerdings nicht abnehmen.

Wen soll man fragen in seiner Not? Das Leck in rund 1500 m Tiefe am Bohrloch von Deep Water Horizon zu stopfen, hat die Manager von BP nachweislich über einen langen Zeitraum überfordert. Doch wenn schon die eigenen Leute scheitern, wer sollte es besser machen? BP hatte hierfür eine Online-Plattform eingerichtet. Hier konnte jeder seinen Vorschlag äußern, von dem er denkt, dass er die Wende bringt. 20 000 Vorschläge sind auf diese Weise eingegangen.

Die Weisheit der Massen für sich nutzen, um Probleme zu lösen oder vielleicht auch mit diesen Ideen ein Geschäft zu machen, ist spätestens seit dem enormen Erfolg der Plattform Wikipedia ein viel geträumter Traum. Denn vielleicht hat irgendwo am anderen Ende der Welt jemand die Lösung für mein Problem, ist der Experte auf genau dem Gebiet, den ich gerade suche. Vielleicht wusste er davon bisher nichts. Und vielleicht ist er dazu bereit, sein Wissen ohne Gegenleistung mit mir zu teilen.

In Boston, in einem kleinen Gründerzentrum, einem Inkubator, wie es so schön heißt, haben Christopher Chard, 26, und Ken Knoll, 25, diesen Gedanken kennengelernt. Die beiden Studenten des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Darmstadt haben dort ein Praktikum bei einer Unternehmensberatung absolviert. „In den USA ist Crowdsourcing ein ganz heißes Thema“, sagt Ken Knoll. Zurück in Deutschland machten die beiden Studenten Crowdsourcing zum Thema einer Studienarbeit. Ihr Professor spielte mit. Sie sollten in einem Crowdsourcingprozess ein Finanzprodukt entwickeln, bei dem Eltern für ihre Kinder Geld für das Studium zurücklegen könnten. Als Partner fand sich die Sparkasse Darmstadt.

Chard und Knoll suchten eine kleine Gruppe von 20 Freunden und Verwandten zusammen. In einem eintägigen Seminar sollten die Teilnehmer sich damit auseinandersetzen, wie Einzahlung und Auszahlung funktionieren könnten, welche Nebenleistungen die Bank anbieten könnte und wie das Produkt vertrieben werden könnte. Chard und Knoll waren überrascht, wie detailliert sich die Gruppe, von der niemand einen Bezug zur Finanzbranche hatte, mit den einzelnen Fragen befasste. Vor allem durch Nebenleistungen könne die Bank punkten, befanden die Teilnehmer. Günstigere Studienbücher oder Nachhilfe in bestimmten Fächern könne die Bank vermitteln und damit die Attraktivität des Produktes steigern. „Es ist wichtig, komplexe Fragestellungen in Einzelfragen zu untergliedern und die Diskussion in der Gruppe zu moderieren“, sagt Christopher Chard. Erst dann kann eine Gruppe, die Crowd, wirklich konstruktiv arbeiten und ist nicht durch die Komplexität gehemmt.

Die beiden Studenten werteten die Vorschläge aus, rechneten sie noch einmal durch und präsentierten der Sparkasse das Ergebnis. Ob es tatsächlich umgesetzt wird, wird derzeit noch geprüft. Allerdings stehen Chard und Knoll in Gesprächen mit dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) zu einem weiteren, weit größeren Projekt. „Wir denken, dass sich der Prozess auch im Internet mit viel größeren Gruppen umsetzen lässt. Bei denen bis zu 500 Leute gleichzeitig an einem Thema arbeiten“, sagt Ken Knoll.

Doch wie bewegt man jemanden dazu, sich Zeit zu nehmen für ein Ergebnis, das später ein anderer nutzt? Das nicht mal einem höheren Ziel entspricht, zu dem sich etwa Wikipedia verpflichtet hat, sondern schlicht, ein Produkt zu entwickeln, das auf dem Markt verkauft werden soll? Manchmal ist es einfach der Spaß, sich mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen. Vor allem diesem Faktor verdankt die australische Brauerei Brewtopia ihren Erfolg. Gründer Liam Mulhall stellte sich 2001 nach seinem alten Job als Softwareberater die Frage, wie es möglich sein könnte, mithilfe einer Community ein Bier zu entwickeln und eine Firma aufzubauen. Mulhall schaffte es, eine Gruppe von mehr als 16 000 Menschen für das Projekt zu begeistern. Aus dem Projekt heraus entstanden Biername, Geschmack, Farbe der Flasche, Layout des Etiketts, Preis und Vertriebswege. Und die ersten Käufer waren mit der Community auch schon vorhanden.

Ebenfalls von der Begeisterung für ein Produkt lebt das amerikanische Unternehmen Local Motors. Teilnehmer im Local Motors Netzwerk können Vorschläge für Autodesigns machen, die von der Community bewertet werden. Local Motors bietet dafür entsprechende Design-Werkzeuge. Nach dem Willen der Community wurden nun die ersten Wagen des Typs Rally-Fighter gebaut. Ein Fahrzeug, das wie eine Mischung aus Roadster und Paris-Dakar-Geländewagen wirkt. Um die Käufer noch mehr in den Prozess einzubeziehen, sind diese sogar für drei Wochenenden am Bau des Wagens beteiligt.

Funktioniert Crowdsourcing nur im Spaßbereich? Die amerikanische Plattform Innocentive veröffentlicht Fragestellungen, die sich auf einem großen Feld zwischen Mikrobiologie, Gesundheitswissenschaften und Ingenieurwesen bewegen. 200 000 Menschen gehören zu ihren Mitgliedern. Die meisten von ihnen verfügen über einen akademischen Abschluss. Es ist Neugierde, was hier die Menschen antreibt. Aber auch der Wettbewerbscharakter. Je nach Fragestellung werden mehrere Tausend Dollar Preisgeld für die Lösung ausgelobt. Für manch einen Teilnehmer aus Indien, China oder Russland ist dies ein erheblicher Anreiz.

Doch dass es sich um verstecktes Outsourcing von Unternehmensaufgaben handelt, bestreitet Georg Debus, Deutschland-Chef von Innocentive. „Die Verantwortung für die Umsetzung der Ideen verbleibt immer noch bei den Ingenieuren und Wissenschaftlern im Unternehmen“, sagt Debus. „Dadurch, dass Fragestellungen einer großen Öffentlichkeit publik gemacht werden, kann die Produktentwicklung beschleunigt werden. Weniger Arbeit ist damit aber nicht verbunden.“ Denn dann fängt die Auswertung an. Nicht jede Idee bringt das Projekt voran. Es ist nicht überliefert, ob eine der 20 000 Ideen zu Deep Water Horizon das Öl von BP zum Stoppen gebracht hat. HENNING ZANDER

Von Henning Zander

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