Forschung 07.10.2005, 18:40 Uhr

Die Wahnsinns-Insel in der Ostsee  

VDI nachrichten, Riems, 7. 10. 05 – Das kleine vorpommersche Eiland Riems im Greifswalder Bodden ist ein weltweit anerkannter Standort für die Tierseuchenforschung. Hier ist das nach seinem Gründer Friedrich Loeffler benannte Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit zu Hause. In den Laboratorien rücken Wissenschaftler den Erregern vom Rinderwahn bis zur Vogelgrippe zu Leibe.

Segelschiffe schaukeln in der kleinen Bucht, die Sonne spiegelt sich im blauen Meer, grüne Landzungen machen Lust auf Urlaub. Friedlich schaut der markante Kirchturm des Fischerdorfes Gristow auf die Seelandschaft hinab.

Doch plötzlich endet die Idylle. Am Beginn eines schmalen, wenige hundert Meter langen Damms, der zwischen Gristower Wieck und Greifswalder Bodden auf eine beschauliche Insel zu führen scheint, warnen Verbotsschilder: „Tierseuchen-Sperrbezirk“ und „Zugang nur für Befugte“.

Die Seuchen-Insel, erzählten früher die Bauern im vorpommerschen Küstenland, als hier erste Forschungen zur berüchtigten Maul- und Klauenseuche (MKS) durchgeführt wurden, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts ganze Rinderherden hinwegraffte.

Viel geändert hat sich in der Wahrnehmung der Menschen nicht: In Zeiten von BSE und Rinderwahnsinn ist jetzt allerdings von Wahnsinns-Insel die Rede.

Nicht ganz zu Unrecht: Jede erkrankte Kuh wird auf dem schmalen Eiland analysiert. Denn hier steht das Friedrich-Loeffler-Institut/Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI).

Für Thomas C. Mettenleiter ging auf der Insel ein Traum in Erfüllung. 1994 fing er auf Riems an, zunächst als Leiter eines neu gegründeten Instituts für Molekularbiologie. 1996 wurde der gerade 38-jährige Chef des FLI, das damals noch Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere hieß (siehe Kasten).

„Ich habe einen der schönsten Arbeitsplätze Deutschlands“, versichert er heute beim Blick aus dem Fenster auf die weite See.

Doch er meint nicht nur die Landschaft. Schon immer hat sich der heutige Biologieprofessor vor allem für Viren interessiert: „Viren sind richtige kleine Kampfmaschinen.“

Diese Kampfmaschinen waren es auch, die 1910 den renommierten Greifswalder Mikrobiologen Friedrich Loeffler reif für die Insel machten.

Im Auftrag der preußischen Regierung suchte er nach Wegen, um dem Erreger jener heimtückischen MKS Paroli zu bieten. Zunächst experimentierte er in Rinderställen auf dem Festland, doch die Arbeiten mit den hochinfektiösen Viren führten immer wieder zu Seuchenausbrüchen in umliegenden Viehbeständen.

Also wurde 1910 sein Labor samt Versuchsanlagen nach Riems verlagert – die Geburtsstunde der ältesten virologischen Forschungsstätte der Welt.

Doch die Forschungseinrichtung ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Mettenleiter residiert in einem Bau, der seine Herkunft aus den 30er Jahren nicht verleugnen kann, die anderen Gebäude sind noch älter. Doch nicht mehr lange. Bagger und Abrissbirnen bestimmen derzeit das Institutsgelände. Die alten Gebäude werden geschliffen, eine gewaltige Baustelle entsteht.

Mehrere Gebäude und Stallungen sind bereits modernisiert und mit den nötigen Sicherheitsstandards ausgestattet, so dass hier schon Versuche mit hoch ansteckenden Viren oder mit Prionen – den mutmaßlichen BSE-Erregern – möglich sind.

Dazu werden Kälber gezielt mit Prionen infiziert, um einerseits Entstehung und Ausbreitung der Wahnsinns-Erreger im Körper zu studieren und andererseits Gewebeproben für bundesweite Forschungsarbeiten zu sammeln.

Meilensteine in der Tierseuchenforschung haben die Riemser Forscher schon immer gesetzt. Sie entwickelten und produzierten Hochimmunsera und Impfstoffe gegen MKS, aber auch gegen Schweinepest und die bei Hundehaltern gefürchtete Aujetzkischen Krankheit.

Auf Riems wurde auch entdeckt, dass sich Meerschweinchen vom MKS-Virus infizieren lassen und man so die aufwändigen Rinderversuche einschränken konnte. Dies brachte den Nagern eine ungewöhnliche Ehre ein: Auf dem Gelände der heutigen Riemser Arzneimittel AG steht das weltweit einzige Meerschweinchen-Denkmal.

Auch zu DDR-Zeiten florierte die Boddeninsel sowohl als Forschungsstandort, im verstärkten Maße aber auch als Produktionsstätte für Impfstoffe.

Heute lässt man die gesamte Produktion wieder außen vor. „Das ist nicht unsere Aufgabe“, betont Mettenleiter, und er scheint ganz zufrieden damit. Denn den besonderen Charme der Arbeit auf Riems sieht er darin, „dass wir hier von der Grundlagenforschung bis zu Anwendung und Diagnostik eine sehr breite Palette abdecken können“.

Gut 240 Mitarbeiter arbeiten in den Labors auf Riems, insgesamt 500 sind es an allen Standorten im Bundesgebiet (siehe Kasten).

Mettenleiters Mannschaft besteht zu etwa zwei Dritteln aus früheren DDR-Teams und einem Drittel aus Hinzugezogenen. Mettenleiter sieht das als gelungenes Kapitel deutscher (Forschungs-)Einheit und schwärmt von der „sehr kollegialen, sehr offenen Campus-Atmosphäre“ auf der Insel.

In dem gut eingezäunten Institutsgelände werden die Abbruchteams wohl noch bis zum Winter arbeiten, fürchtet Mettenleiter. Sie reißen marode Altgebäude ein und schaffen so Platz für neue Labor- und Stallbereiche der Sicherheitsstufen L2 bis L4, der höchsten.

„Bis 2010 wird Riems zum zentralen Tierseuchenforschungsstandort Deutschlands und damit zum modernsten in Europa ausgebaut“, so Mettenleiter. Der Bund lässt sich das einiges kosten: 150 Mio. € fließen allein in die neuen Gebäude.

Schon heute konzentriert sich die deutsche Tierseuchenforschung im Wesentlichen in Vorpommern. Über 20 der 40 nationalen Referenzlaboratorien des FLI für anzeige- und meldepflichtige Tierkrankheiten sind hier angesiedelt, von MKS über Schweinepest und BSE bis zu Erkrankungen von Fischen oder selbst Muscheln. „Außer Bienenerkrankungen“, so Mettenleiter, „sind wir hier mittlerweile für alle deutschen Nutztierarten zuständig“.

Arbeitsschwerpunkte des FLI, das als außeruniversitäre Einrichtung etwa ein Fünftel seiner Forschungsgelder extern einwirbt, sind unter anderem Schweinepest, Geflügelpest, BSE und Herpesvirusinfektionen von Schwein, Rind und Fisch.

Und die Vogelgrippe? Mettenleiter hat die Frage schon erwartet: „Die ist Dauerthema bei uns, nicht erst, wenn sie mal wieder die Schlagzeilen füllt.“

Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Mensch übertragen werden, kommt ohnehin eine besondere Bedeutung zu. Denn es gibt „noch relativ wenig Informationen über Reservoirfunktionen von Wildtieren“, räumt Mettenleiter ein. Und das nicht nur in China, „auch hierzulande“.

Auf diesem Feld wird in den nächsten Jahren viel passieren, zumal die Erfahrung der letzten Jahrzehnte die Richtung vorgibt: „Seit es etwa keine Wildschweinepest mehr gibt, haben wir auch keine Hausschweinepest.“

So untersuchen die Riemser derzeit intensiv mögliche Übertragungswege der Influenza von Wildvögeln auf Menschen. „Wir werden sehr genau schauen, was in diesen Tieren alles vorkommt und was davon den Sprung auf den Menschen schaffen kann“, so Mettenleiter. Erst Mitte August hatte ein Riemser Team einen neuartigen Impfstoff gegen die Vogelgrippe erfolgreich im Experiment getestet.

Ohne Tiere kommt die Forschung auf Riems nicht aus. Um die Institute herum tummelt sich deshalb ein kleiner Zoo, Kühe, Wildschweine, Ziegen und Lämmer – Testobjekte für Langzeitversuche und Vergleichstest.

Verboten für Besucher sind die Sicherheitslabors. Hier wird mit hoch ansteckendem Material gearbeitet und wer hier hinein will, kommt um penibelste Sicherheitsmaßnahmen nicht herum. Alle Kleider ausziehen, dann in einen Sicherheitsanzug, auf dem Rückweg wieder auspellen, abseifen, umziehen¿

Um die Viren nicht aus den Laboratorien entfliehen zu lassen, arbeiten die Wissenschaftler in Unterdrucklabors und -ställen, filtern sogar die Raumluft und erhitzen selbst das Brauchwasser.

Heute ist so eine Insel nicht mehr nötig, um die Sicherheitsstandards zu gewährleisten, so Mettenleiter. Zufrieden scheint er aber dennoch mit dieser etwas abgeschiedenen Lösung. Und ab 2010 sei man auch wieder eine „richtige Insel“, schmunzelt er. Dann wird der Damm geöffnet, damit ausreichend Wasser in den flachen Bodden fließen kann. HARALD LACHMANN

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