Kernfusion 28.01.2011, 19:51 Uhr

„Die Mondlandung war ein vergleichsweise simples Unternehmen“

Seit Jahrzehnten gilt die Fusion als Hoffnungsträger in Sachen Energieversorgung, immer weiter wurde währenddessen ihre kommerzielle Nutzung in die Zukunft verschoben. Die enormen Kosten haben dazu geführt, dass sich viele Länder im Forschungsprojekt Iter zusammengeschlossen haben. Doch auch das leidet unter schleppender Finanzierung und organisatorischen Mängeln.

Die Kernfusion ist seit Jahrzehnten ein Hoffnungsträger der Energieversorgung. Bis 2018 soll nun ein Tokamak-Reaktor der neuesten Generation für 15 Mrd. € gebaut werden. Das internationale Projekt mit Namen Iter, das im französischen Cadarache entsteht, stellt dabei nicht nur eine riesige technische, sondern auch gewaltige finanzielle Herausforderung dar (siehe Kasten).

Die Kernfusionsforschung soll laut Auskunft der EU-Kommission frühestens ab 2050 kommerziell einsetzbar sein. Das Versprechen der Forscher ist gewaltig: auf der Erde Sonnenenergie erzeugen, um einen relativ umweltfreundlichen Strom zu gewinnen. Diese hohen Temperaturen sollen nun erstmals mit dem Experimentalreaktor Iter in Cadarache generiert werden. Dabei besteht die Herausforderung darin, Temperaturen von rund 100 Mio. oC zu erzeugen.

Das ist nicht ganz einfach: Weil die Sonne dank der Gravitation einen höheren Druck hat, reichen dort für die Plasma- und Fusionserzeugung niedrigere Temperaturen aus. Im Iter muss die Temperatur daher zehnmal höher sein als im Innersten der Sonne. Die für den Reaktormantel verwendeten Stähle enthalten Nickel, das durch den Neutronenbeschuss zu einem stark gammastrahlenden Cobalt-60 wird.

Auf einen Dauerbetrieb ist Iter allerdings nicht ausgelegt und daher für künftige Kraftwerksreaktoren ungeeignet. Auch ist die dauerhafte Entsorgung des strahlenden Materials ungelöst.

Physiker Heinz Smital von Greenpeace ist skeptisch: „Die Mondlandung war ein vergleichsweise simples Unternehmen, da man bei Raketentriebwerken sowie dem Schutz von Menschen in lebensfeindlichen Umgebungen bereits auf Erfahrungen zurückgreifen konnte.“

Falls Iter erfolgreich ist, soll im Anschluss der Prototyp eines operationellen Kraftwerkreaktors namens Demo gebaut werden, der Wärme in Energie umwandeln und frühestens 2050 kommerziell nutzbar sein soll. Für ihn gibt es aber bislang weder Beschlüsse noch Finanzzusagen. Smital: „Der Bau von Iter ist daher so, als ob man eine Brücke bauen würde, die nicht ans andere Ufer reicht.“

Die Planungshorizonte der Kernfusionsforschung seien zudem von „einem extremen Optimismus geprägt“, meint Smital. Zur dringend notwendigen Energiewende bis zum Jahr 2050 wird die Kernfusion daher nichts beitragen.

Dem gegenüber hält der Sachverständigenrat für Umweltfragen eine vollständige Energieversorgung auf Basis erneuerbarer Energien bis 2050 für sicher und wirtschaftlich.

Der Energietechnologien-Bericht listete übrigens die Ausgaben für die projektbasierte Förderung des Bundes im Energiebereich auf. Dabei wird offensichtlich, dass die Kernfusion bislang in Deutschland Mittel in derselben Größenordnung erhält wie die erneuerbaren Energien.

Für Smital ist jedenfalls der hohe Finanzbedarf der Kernfusionsforschung nicht zu akzeptieren, vergleicht man ihn mit dem Forschungsbedarf bei den erneuerbaren Energien, die schnelle Ergebnisse und Gewinne versprechen.

Dabei steigt der Finanzbedarf der Kernfusion stetig: Im letzten Jahr meldete das Iter-Management eine 1,4 Mrd. € große Finanzierungslücke für die Jahre 2012 und 2013. Finanziert werden soll diese Lücke aus dem EU-Haushalt: 460 Mio. € sollen aus der Forschung und 814 Mio. € aus der Landwirtschaft entnommen werden. Betroffen sind neben dem 7. Forschungsrahmenprogramm der EU die europäischen Programme Lebenslanges Lernen und Erasmus, das Innovationsprogramm für Kleine und Mittlere Unternehmen sowie die Energieprojekte des Konjunkturbelebungsprogramms.

Mitte Dezember vertagte das Europäische Parlament die Entscheidung über die Finanzierung von Iter auf März. Damit werden die Mittel erst verspätet, wenn denn überhaupt zur Verfügung stehen.

Zugleich warnt der SPD- Bundestagsabgeordnete und Haushaltsspezialist Klaus Hagemann davor, dass „die Kostenexplosionen bei europäischen Forschungsinfrastrukturen wie Iter auf 6,6 Mrd. € oder Galileo auf 5,3 Mrd. € nicht dazu führen dürfen, dass die Arbeit exzellenter Projekte wie die des Europäischen Forschungsrates (ERC), die weitere Erforschung alternativer Energie und der Energieeffizienz leiden.“

Hinzu kommen eklatante Mängel im Projektmanagement von Iter, die der Europäische Rechnungshof jüngst monierte.

Nun soll der spanische Projektträger für Iter, das Unternehmen F4E, nach Vorstellung von Bundesforschungsministerin Annette Schavan künftig nach den industrieüblichen Abläufen organisiert werden. Er müsse außerdem ein „klares Berichtswesen innerhalb der Organisation und zu den politischen Institutionen schaffen“. Das Projekt müsse außerdem nicht nur durch eine externe Firma begleitet werden, auch externe Wirtschaftsprüfer sollen beauftragt werden.

Darin sieht Klaus Hagemann eine „Mindestanforderung, die schnellstens auf europäischer Ebene umzusetzen ist“. Ein geordnetes Berichtswesen und mehr Transparenz bei Iter seien die unabdingbaren Voraussetzungen für das Projekt, doch die Vorschläge von Schavan seien allenfalls „halbherzig“.

CHR. SCHULZKI-HADDOUTI

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