Forschung 10.09.2004, 18:33 Uhr

Die menschliche Haut als Übertragungsmedium

VDI nachrichten, Weßling, 10.9.04 -Sie gehen zu ihrem Wagen, berühren mit den Fingerspitzen den Griff und schon springt er auf – ohne Schlüssel und ohne Funkknopf. Magie? Nein, eine neue Technologie an der Schwelle zur Marktreife. In den nächsten Monaten wird sie in einen Testwagen eingebaut, doch sie eignet sich für viele Anwendungen.

Stefan Donat ist stolz: „Dieses Versuchsfahrzeug ist in der Automobilindustrie schon ein erheblicher Schritt und wenn diese Tests überstanden sind, geht die Technologie in Serie“, erzählt der Mitgründer der Ident Technology aus dem bayrischen Weßling. Dort ist eine Entwicklung zu Hause, mit der Kinder vor Kreissägen geschützt und Mobiltelefone für Diebe unbrauchbar werden oder mit der sich die vergessene Handtasche im Restaurant wieder in Erinnerung bringt.
Eine Plastikkarte in der Jackentasche – nicht größer als eine Scheckkarte – übermittelt einem Empfänger im Auto, dass der Mensch in der Jacke berechtigt ist, einzusteigen. Das Signal sind elektrische Impulse. Das Kabel zwischen Karte und Fahrzeugtür ist die menschliche Haut. „Die Haut ist elektrisch leitfähig“, erinnert Donat an vergangene Physikstunden. „Der Mensch ist durch seine Zellstruktur ein Leiter zweiter Klasse und bei unserer Technologie wird das Signal vom Sender auf die Haut übertragen und verteilt sich über die gesamte Oberfläche.“
Ob die Plastikkarte im Schuh, der Hosen- oder Handtasche steckt, ist egal. Und auch, ob die Fahrzeugtür mit den Fingern, der Nasenspitze oder den Füßen berührt wird. „Für Demonstrationen in der Automobilindustrie verwende ich immer meine Notebook-Tasche“, sagt er. „Der Sender steckt in der Außentasche und dann habe ich sie entweder über der Schulter oder am Handgriff neben mir hängend oder unten zwischen meinen Füßen stehend. Und wenn ich mich mit der Hand dem Türgriff nähere, fordert die Industrie, dass 15 cm vorher die Daten übertragen werden müssen. Das erreichen wir.“
Wie nah der Nutzer an den Empfänger herankommen muss, hängt von der Anwendung ab. Beim Öffnen der Autotür sollen es 15 cm sein, aber ein Mobiltelefon würde den Diebstahl erst nach einer größeren Entfernung melden. Bis zu einem halben Meter reicht die elektrische Aura der menschlichen Haut. Donats Hand leitet einen 128 Bit Identifikationscode an das Auto weiter und damit besteht nicht die Gefahr, dass er versehentlich das des Nachbarn öffnet. Der Code selbst besteht aus nichts weiter, als einem elektrischen Wechselfeld, das die Haut mal positiv, mal negativ polarisiert.
Das System der Bayern arbeitet leistungslos. Nur ein Spannungspegel von etwa einem Volt erzeugt die Informationen, die permanent über die Haut huschen – solange die Karte in der Nähe ist. Was übrigens nach Überzeugung der Bayern völlig ungefährlich sein soll, denn die Signale seien schwächer als die körpereigenen des Nervensystems und würden nur auf und nicht in der Haut übertragen werden.
Und angewendet werden kann es überall, wo eine eindeutige Identifizierung hilft. In der umfangreichen Prototypensammlung bei Ident Technology liegt eine Spielzeugpistole, die nur vom Kartenträger abgefeuert werden kann und eine Bohrmaschine, die sich nur dreht, wenn der Nutzer unter dem richtigen Strom steht. Steckt der Sender in einer Schutzbrille, lassen sich entsprechend ausgestattete Werkzeuge nur nutzen, wenn die Sicherheitsvorschriften eingehalten werden, sprich: die Brille die Augen schützt.
Die Reihe der möglichen Anwendungen scheint endlos. Und ein Mobiltelefon mit Klau-Schutz dürfte sogar im Flugzeug mitfliegen, denn Überschneidungen mit anderen elektronischen Systemen gebe es nicht, betonen die Weßlinger. Bluetooth und Co. basieren auf Funk und spielen damit in einer ganz anderen Signal-Liga als ein einfaches elektrisches Wechselfeld. Das ist nicht nur fern vom immer häufiger auftretenden Signalsalat im Äther, sondern zudem noch äußerst praktisch, denn wer Ströme in der Größenordnung von 30 nA messen möchte, kann sich nicht noch mit Konkurrenzströmen herumschlagen.
Apropos Konkurrenz: Auch der Computerriese Microsoft hält Patente über die Datenübertragung via Haut. Aber das sei keine Bedrohung für die Ident Technology-Mannschaft. Im Gegenteil: „Dafür sind wir den Microsoft Leuten extrem dankbar, denn durch die Publikation des Patentes haben wir einen sehr großen Zulauf bekommen“, betont Donat.
Allerdings ist der Zwerg die entscheidenden Schritte weiter. „Fakt ist, bei uns gibt es eine Technologie, die funktioniert und die man vorführen kann. Und keine andere Firma, mit der ich gesprochen habe, hat eine Technologie, die funktioniert.“JO SCHILLING

 

  • Jo Schilling

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