20 Jahre Einheit 01.10.2010, 19:49 Uhr

Die Kontinuität der Förderung ist entscheidend

In den neuen Bundesländern wurde ein dichtes Netz öffentlicher Forschungseinrichtungen aufgebaut – der regionalen Wirtschaft hat das jedoch nur begrenzt geholfen. Deshalb muss sich die Innovationsförderung in den neuen Ländern verstärkt auf die Bedürfnisse der mittelständischen Unternehmen richten, fordert der Technologieberater Herbert Berteit.

VDI nachrichten: Wenn Sie die Innovations- und Technologiepolitik in den neuen Bundesländern sehen, woran denken Sie eher – an blühende Landschaften oder an Mezzogiorno?

Berteit: Weder noch. Aber nach der Abwicklung der Unternehmen durch die Treuhand und der Abwicklung der Akademie der Wissenschaften verloren ja Tausende von Wissenschaftlern ihre Arbeit. Viele gingen nach Norwegen, Japan oder in die USA. Damit ging auch viel Ingenieur-Know-how für den Wiederaufbau Ost verloren.

Sowohl das Bundesforschungs- wie das Bundeswirtschaftsministerium hielten mit einer Reihe von Förderprogrammen dagegen.

Sehr schnell sogar. Die öffentlich geförderte Forschungslandschaft – von den Fraunhofer-Instituten bis zu den Hochschulen – hat durchaus die Qualität der öffentlich geförderten Forschungslandschaft in den alten Bundesländern.

Ungelöst ist das Problem der Industrieforschung.

Das ist richtig. Viele Unternehmen und Unternehmensverbände in den alten Ländern hatten ja nach der Wende darauf gedrängt, dass keine neuen Kapazitäten zu Industrieforschung in den neuen Ländern aufgebaut werden.

Wie ist die Lage heute?

In den neuen Bundesländern hat sich eine weitgehend mittelständische Industrie etabliert. Es gibt immerhin gut 3000 Unternehmen, die kontinuierlich Forschung betreiben. Dabei hat auch geholfen, dass der Bund spezielle Förderprogramme für Ostdeutschland aufgelegt hat, die mittlerweile in dem „Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand“ (ZIM) zusammengefasst sind.

Der damalige Forschungsminister Heinz Riesenhuber verlangte, dass die westdeutschen Unternehmen 5 % ihrer Forschung in die neuen Länder verlagern. Hat das gefruchtet?

Nein. Nehmen sie so ein eklatantes Beispiel wie Opel: Die modernste Fertigungsstätte des Unternehmens liegt in Eisenach. Geforscht wird dort aber nicht. Ähnlich ist es bei BASF in Schwarzheide, oder in der Mikroelektronik in Dresden. Diese Beispiele lassen sich beliebig ergänzen. Das hat zur Folge, dass in den neuen Bundesländern 85 % aller Industrieforscher in KMU beschäftigt sind, während in den alten Bundesländern gut 85 % aller Industrieforscher in Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern arbeiten.

Der massive Ausbau der öffentlich finanzierten Forschung in den neuen Bundesländern hatte auch zum Ziel, dass sich um die Forschungseinrichtungen Cluster von innovativen Unternehmen ansiedeln sollten. War das erfolgreich?

Vor allem das ZIM-Programm hat dabei sehr geholfen. Andererseits aber konnten viele der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in den neuen Ländern das, was die dort angesiedelten Forschungseinrichtungen lieferten, kaum absorbieren.

Was bedeutet das für die Innovationsfähigkeit der ostdeutschen Industrie?

Die Förderpolitik muss sich stärker als bisher auf die Stützung der KMU konzentrieren. Wir werden nicht mehr große Unternehmen bekommen, die mittelständische Struktur der Industrie in den neuen Bundesländern wird sich nicht ändern. Die innovativen Unternehmen sind noch immer Pflänzchen, die gestärkt werden müssen. Die Politik muss gemeinsam mit ihnen Perspektiven aufbauen. Förderung von Innovationen ist ja keine Subvention. Das sind Investitionen in die Zukunft.

Wo könnten diese Perspektiven liegen?

In der Mikroelektronik, der Optoelektronik, der Biotechnologie und der Spezialchemie. Auch der Maschinenbau hat sich gut erholt. Viele Unternehmen haben neue Märkte im Westen, aber auch ehemalige Märkte im Osten, zurückerobert. Doch die Kapitaldecke der ostdeutschen KMU ist sehr dünn. Deshalb ist die Kontinuität der Förderung entscheidend.

Derzeit wird viel über eine steuerliche Forschungsförderung gesprochen. Würde das den KMU in den neuen Bundesländern helfen?

Nein, das bringt nichts. Nicht für KMU und schon gar nicht für die KMU in den neuen Ländern.

Gibt es Indizien, dass gerade in den innovativen Unternehmen der Nachwuchs ausgeht?

Erste Anzeichen sind da. In Freiberg werden derzeit nur zwei(!) Gießerei-Ingenieure ausgebildet. Da werden für viele Unternehmen Probleme entstehen. Und wenn die Unternehmen die Löhne nicht angleichen, dann laufen die jungen Leute endgültig davon. Wir haben jetzt schon entvölkerte Regionen.

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken, wie steht es dann mit der Innovationsfähigkeit der neuen Bundesländer?

Die ostdeutsche Wirtschaft wird auch dann noch vorwiegend mittelständisch sein. Um etwa das Niveau von 80 % der Produktivität der alten Bundesländer zu erreichen, brauchen wir sicher noch zehn, wenn nicht gar 15 Jahre. Großunternehmen werden immer produktiver sein. Da können die neuen Länder nicht mithalten. Das bedeutet aber auch, dass der Solidarpakt mindestens bis 2019 laufen muss, dann sollte für weitere fünf Jahre noch einmal etwas draufgepackt werden.

Den weiteren Ausbau der Forschungsinfrastruktur halten Sie also für nicht notwendig?

Nein, die öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen treiben ja schon heute vor allem Forschung für andere. Es bleiben höchstens 10 % der Leistung der Einrichtungen in der Region. Bei den Unternehmen, die Forschungsleistungen anbieten, sind es gut 50 %. Das bedeutet andererseits, dass ein erheblicher Teil der Forschungsleistungen aus den neuen Bundesländern in anderen Regionen nachgefragt wird. Das ist auch ein großer Erfolg. moc

Von Wolfgang Mock

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