Forschung 24.10.2008, 19:37 Uhr

Die Hightech-Obsession blendet viel Innovationspotenzial aus

Bei der Förderung von Forschung und Entwicklung (FuE) setzt die Bundesregierung vor allem auf die Förderung von Spitzentechnologien. Damit, so der Dortmunder Wirtschaftswissenschaftler Hartmut Hirsch-Kreinsen, vernachlässigt sie das enorme Innovationspotenzial jener Industrien und Branchen mit geringeren FuE-Aufwendungen.

Der Fokus der Forschungs- und Innovationspolitik sowohl in Deutschland als auch in Europa richtet sich traditionell auf Spitzentechnologien und die Förderung von Forschung und Entwicklung (FuE).

Die grundlegende Annahme dieser Politik ist, dass sich im Zeitalter der Globalisierung und der sich verschärfenden Innovationskonkurrenz das hiesige Wohlstandsniveau vor allem über die forcierte Entwicklung von FuE-intensiven Spitzentechnologien erhalten lässt, dadurch Konkurrenzvorteile insbesondere gegenüber den Konkurrenten aus Niedrigkostenländern zu erzielen seien.

Konsequenterweise verfolgt auch die gegenwärtige deutsche Bundesregierung seit geraumer Zeit ein innovationspolitisches Programm, das als „Hightech-Strategie“ besonders auf die Förderung von Hochtechnologie-Sektoren abstellt. Genannt werden hier Technologiebereiche wie Nanotechnologien, Biotechnologien, optische Technologien, Mikrotechnologien und Informationstechnologien.

Noch weiter zugespitzt wird diese innovationspolitische Programmatik im diesjährigen Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation beim Bundesforschungsministerium, in dem eine noch stärkere Förderung von FuE-intensiven Spitzentechnologien als bisher gefordert wird. (Als Spitzentechnologien gelten solche, bei deren Entwicklung mehr als 7 % vom Branchen-/Unternehmensumsatz in FuE investiert werden.)

Dieser innovationspolitische Fokus wird vor allem mit der wachsenden Bedeutung von Spitzentechnologien und ihren im Vergleich zu anderen Technologiesektoren höheren Wachstumsraten begründet.

Indes, diese Prämisse wird keinesfalls den industriegeprägten Strukturen des deutschen Innovationssystems gerecht. Denn die vorliegenden Daten lassen kaum den Schluss zu, dass Deutschlands Innovationsfähigkeit zunehmend vom Sektor der FuE-intensiven Spitzentechnologie bestimmt wird.

So repräsentiert dieser Sektor seit Jahren konstant mit knapp 10 % der Beschäftigten nur einen kleinen Ausschnitt des Verarbeitenden Gewerbes insgesamt. Vielmehr zeigt sich die traditionelle Stärke der deutschen Industrie im Sektor der so genannten gehobenen Gebrauchstechnologien mit den innovativen Kernbranchen wie dem Fahrzeugbau, der Elektrotechnischen Industrie, dem Maschinenbau und der Chemieindustrie sie umfassen immerhin knapp 40 % der Industriebeschäftigten. Schließlich darf der große nicht-forschungsintensive „Rest“ des Verarbeitenden Gewerbes mit rund 50 % aller Industriebeschäftigten nicht einfach übersehen werden, dessen Position sich seit Jahren insgesamt gesehen nicht signifikant verschlechtert hat.

Damit wird deutlich, dass das deutsche Innovationssystem recht heterogene Strukturen aufweist und eine deutliche und bislang sehr erfolgreiche Prägung zugunsten der Weiterentwicklung und Perfektionierung bereits verfügbarer Technologien nicht zuletzt durch die intelligente Integration einzelner spitzentechnologischer Komponenten aufweist.

Mehr noch: Der Hightech-Fokus – die Konzentration auf die Förderung von Spitzentechnologien – blendet grundlegende Bestimmungszusammenhänge der industriellen Innovationsfähigkeit aus. So impliziert die Gleichsetzung von hoher FuE-Intensität, innovativen Technologien und Wachstum die Annahme, dass ein relativ eindeutiger Zusammenhang zwischen Forschung und Entwicklung, technologischen Innovationen und auf dem Markt erfolgreichen Produkten existiert. Folgt man hingegen grundlegenden Ergebnissen der Innovationsforschung, so lassen sich Innovationsprozesse kaum als ein solches sequentiell verlaufendes Modell – von FuE über Prototypenbau hin zu Anwendung und Markt – konzipieren.

Der Realität angemessen ist dagegen ein wesentlich komplexeres Verständnis von Innovationsprozessen. Beispielsweise werden Innovationen oft nicht durch neues wissenschaftliches Wissen und Forschungsanstrengungen, sondern insbesondere von praxisorientierten Anwendungsproblemen angestoßen. Typisches Beispiel hierfür sind die Entwicklungen im Bereich der Produktionstechnologie, die nicht selten direkt von spezifischen Anwendungsproblemen der späteren Nutzer angestoßen werden. Insofern verlaufen Innovationsprozesse oftmals in umgekehrter Richtung: Ausgehend von Anwenderproblemen werden Weiterentwicklungen vorangetrieben und die Ergebnisse von Forschung und Entwicklung werden auf den verschiedensten Entwicklungsstufen selektiv genutzt.

Das bedeutet vor allem auch, dass die relevanten Wissensquellen für Innovationen sehr unterschiedlich sind.

Die einen betreiben eigene FuE-Abteilungen mit entsprechendem Aufwand, kreieren auf diesem Wege neues Wissen und werden insofern als FuE-intensiv erfasst und als innovativ angesehen. Die anderen schaffen neues Wissen und Innovationen, indem sie in Netzwerken mit anderen Unternehmen kooperieren und an deren Wissen partizipieren, ohne selbst in FuE-Aufwand zu investieren. Mithin werden sie fälschlicherweise als nicht FuE-intensiv und als nicht-innovativ angesehen.

Dabei zeigt alle Erfahrung, dass kooperative Beziehungen zwischen Unternehmen in den letzten Jahren für industrielle Innovationen immer wichtiger geworden sind. Gerade das informelle Zusammenspiel unterschiedlichster Wissensformen und die Fähigkeit einzelner Firmen in einem solchen Netzwerk, dieses Zusammenspiel zu organisieren und voneinander zu lernen, sind vielfach die Voraussetzungen für Innovativität und ökonomischen Erfolg. Die Dynamiken und Synergien, die in solchen Innovationsnetzwerken anzutreffen sind, gehen in dem Fokus auf Spitzentechnologien weitgehend unter.

Darüber hinaus zeigt sich aber auch, dass erfolgreiche Innovationen gänzlich ohne Spitzentechnologie möglich sind. Praktische Kenntnisse und Erfahrungen etwa über Kundenerwartungen, über Möglichkeiten, das Produktdesign um den entscheidenden „Tick“ weiterzuentwickeln oder über den ebenso effektiven wie effizienten Einsatz neuer Produktionsanlagen, sind oft unverzichtbare Voraussetzung für den Erfolg von Unternehmen.

Schließlich ist zu betonen, dass gerade auch umgekehrt die Entwickler von FuE-intensiven Spitzentechnologien auf die praktischen Erfahrungen von kompetenten Technologieanwendern angewiesen sind, um anwendungsgerechte Neuentwicklungen betreiben zu können, ja um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Insgesamt bedeutet dies, dass die politische Förderung FuE-intensiver Innovationen allein keinesfalls ausreicht, um nachhaltige Wachstumsraten zu bewirken. Vielmehr variieren die Quellen, Typen, Nutzungsformen und Diffusionsprozesse von neuen Technologien und Wissen offenbar stark und erfordern bei innovationspolitischen Maßnahmen eine ähnliche Vielfalt. Daher kann keinesfalls davon ausgegangen werden, dass es einen innovationspolitischen „one-best-way“ mit dem Fokus auf Spitzentechnologien gibt.

Insbesondere die deutsche Innovationspolitik sollte vielmehr systematisch auf die spezifischen Besonderheiten des deutschen Innovationssystems eingehen und seine Breite, Heterogenität und spezifischen Wechselwirkungen verstärkt in den Blick nehmen. Der mit der Hightech-Strategie der Bundesregierung angestrebte Politikwechsel und eine verstärkte „missionsorientierte“ Innovationsstrategie zu Lasten einer „Breitenorientierung“ der Politik, so das eingangs erwähnte Gutachten, werden diesen Bedingungen nicht gerecht. Zugespitzt formuliert, Innovationspolitik, die ausschließlich auf FuE-Förderung abstellt, jedoch die Relevanz praktischer Erfahrungen und Prozesse technologischer Vernetzung zwischen den verschiedensten Sektoren übersieht, konterkariert ihre eigenen Zielsetzungen. H. HIRSCH-KREINSEN

Von H. Hirsch-Kreinsen

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