Wissenschaft 20.02.2009, 19:39 Uhr

Die Forscher-Sehnsucht nach Vernetzung  

Forscher-Communities sprießen wie Pilze aus dem Boden. Sie sollen die Recherche erleichtern, den internationalen und interdisziplinären Austausch beflügeln und auf lange Sicht das wissenschaftliche Publizieren revolutionieren. VDI nachrichten, düsseldorf, 20. 2. 09, ws

„Nehmen Sie sich bitte ein bisschen Zeit, um fünf Ihrer Kollegen oder Co-Autoren einzuladen!“ Der Aufruf folgt der Anmeldung bei ResearchGate.net auf dem Fuß. Kaum hat der Neuzugang sein persönliches Profil mit Vita, Publikationsliste und aktuellen Projekten erstellt, bietet ihm der Dienst Fachliteratur, Personen, die er kennenlernen sollte und Diskussionsforen, bei denen er mitmachen könnte.

Ijad Madisch, Mediziner und Informatiker aus Hannover, ging für einen Forschungsaufenthalt nach Boston, musste aber feststellen, dass die elektronische Post sich schlecht eignete, um Forschungsprotokolle zu aktualisieren und Papiere auszutauschen.

Madisch und Freunde ließen sich von Facebook und LinkedIn inspirieren und riefen 2008 ResearchGate ins Leben. Noch so ein soziales Netzwerk? Zunächst einmal es ist eines für Forscher, von Studierenden bis zu Professoren. Ausschlusskriterien gibt es bei der Anmeldung nicht, „aber die Plattform bringt nur Wissenschaftlern den Mehrwert über die reine Social-Networking-Funktion hinaus“, erläutert Geschäftsführer Sören Hofmayer.

Die Webseite soll nicht nur den internationalen, sondern auch den interdisziplinären Austausch beflügeln: So kann der Umwelttechniker einen Biologen für seine Algen-Biogasanlage sowie einen Statistiker für die Datenanalyse finden.

Als nützliches Instrument für den Forscheralltag preist „Science Blogs“ die Seite: „Hilfreich vor allem für Menschen, die ein neues Thema beackern.“ Die eigens entwickelte semantische Suchmaschine erlaube den Zugriff auf etliche Datenbanken wie Pubmed, Citeseer und IEEE. Es ließen sich ganze „Abstracts“ herunterladen, verwandte Artikel würden automatisch angezeigt. Es ließe sich auch feststellen, wer noch diesen Text verwendet oder an einem ähnlichen Thema arbeitet. Kennt man den Kollegen nicht persönlich, könne man ihn über ResearchGate ansprechen.

„Die Plattform ist nicht statisch, sondern wird laufend um neue Anwendungen erweitert“, verspricht Sören Hofmeyer. Wiki-Konzepte und intelligentes „Filesharing“ mit Terminabstimmung, Umfragen und öffentlichen Bewertungen sowie Kommentaren sollen das wissenschaftliche Publizieren von der Geheimniskrämerei befreien.

Natürlich gibt es Skeptiker: Wie stünde es um die Urheberrechte, die Qualität oder den Datenschutz? „Wir haben keine Antwort darauf, die müssen wir zusammen entwickeln“, heißt es. Immerhin hat sich das Netzwerk einen Aufsichtsrat mit prominenten Forschern gegeben.

Ebenfalls 2008 ist Mendeley.com an den Start gegangen, gegründet von zwei Doktoranden der Bauhaus-Universität Weimar und der Universität zu Köln. Als sie an ihren Promotionsarbeiten saßen, fehlte ihnen etwas, um die zahlreichen Dokumente im PDF-Format auf dem PC zu verwalten. Denn die teuren professionellen Lösungen wie EndNote konnten sich die jungen Forscher nicht leisten.

Victor Henning und Jan Reichelt entwickelten daraufhin zusammen mit Paul Föckler eine eigene Software: Sie extrahiert automatisch aus dem PDF die Metadaten (Autor, Titel, Jahr, Journal usw.), Schlüsselwörter sowie die zitierten Referenzen. „So wird innerhalb von Minuten eine persönliche, Volltext-durchsuchbare Datenbank erstellt“, erläutert Victor Henning.

Die Software kann kostenlos bei Mendeley.com heruntergeladen werden. Das Ganze hat eine soziale Komponente: Die Nutzer können ihre gesammelten Forschungsartikel und Literaturlisten untereinander austauschen. „Das macht Mendeley für mich sehr interessant“, so ein Blogger auf „Weissbier&Wissenschaft“: Man könne eine Online-Bibliothek anlegen und von überall her darauf zugreifen sowie gezielt Dateien für seine Freunde bereitstellen.

Mendeley.com: Nutzer können Forschungsartikel und Literaturlisten austauschen

Aus den persönlichen Literatursammlungen werden täglich neue Statistiken generiert, welche Themen und Autoren in welchen Forschungsfeldern gerade populär sind. Musikfans dürfte das Prinzip vertraut vorkommen: Mendeley.com hat auch ein Web 2.0.-Vorbild. Es will das „Last.fm der Wissenschaft“ werden. Die weltgrößte offene Musikdatenbank lebt vom „Scrobbeln“: Die Titel, die man sich auf dem PC oder iPod anhört, werden automatisch ins Internetprofil übertragen und können von anderen angehört, bewertet und weiterempfohlen werden. Dabei klettern sie höher in den Charts.

„Je größer unsere Datenbank wird, desto detailliertere Statistiken über Forschungstrends und die Leserschaft eines einzelnen Artikels können wir erstellen“, erklärt Henning. Gegenwärtig seien ca. 10 000 Nutzer weltweit registriert, rund ein Drittel seien Informatiker und Ingenieure. Über 200 000 wissenschaftliche Artikel sind erfasst.

Im Laufe des Jahres werde ein Empfehlungssystem dazukommen, das weitere relevante Artikel und Teilnehmer mit ähnlichen Interessen vorschlagen würde. „Wir verbinden zunächst Literatur und Daten. Daraus ergeben sich Verbindungen zwischen Wissenschaftlern, die sich noch nicht kennen“, beschreibt Henning den Unterschied zu anderen Forscher-Communities. Die anderen versuchten dagegen, „bestehende persönliche Verbindungen ins Netz zu übertragen“.

MATILDA JORDANOVA-DUDA

www.researchgate.net

www.mendeley.com

Von Matilda Jordanova-Duda

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