Produktentwicklung 05.11.2010, 19:49 Uhr

Deutsche Firmen forschen verstärkt im Ausland

Wer als Unternehmer langfristig erfolgreich sein will, kommt um die Präsenz in wichtigen Wachstumsregionen kaum herum. Zunehmend verlagern deutsche Firmen dazu auch ihre Forschung & Entwicklung in „Emerging Markets“, wie China und Indien. Angemessene Personalmaßnahmen erweisen sich dabei als weitreichender Erfolgsfaktor.

Während sich einige Industrienationen nur langsam von der Wirtschaftskrise erholen, litten andere Staaten kaum unter Absatzrückgängen. Deutlich wird das z. B. am schleppenden Autoabsatz hierzulande und dem regelrechten Autoboom in den BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China.

Das geht z. B. aus einer Untersuchung der Unternehmens- und Managementberatung Boston Consulting Group (BCG) hervor. Es ist aber nur einer von mehreren Indikatoren für die ungleiche Wachstumsgeschwindigkeit zwischen den etablierten Industriestaaten und diesen vier Schwellenländern. Nun werden asiatische und osteuropäische Staaten auch als Standorte für Forschung und Entwicklung (F&E) entdeckt.

Laut einer Studie der Managementberatung Horváth & Partners findet der Ausbau von Entwicklungskapazitäten beim Maschinen- und Anlagenbau in den nächsten Jahren hauptsächlich in Osteuropa und China statt. Während die Entwicklungskapazitäten der befragten Maschinenbauer heute noch zu 85 % in Westeuropa angesiedelt sind, könnten es in 3 Jahren nur noch 74 % sein.

Viele der befragten Unternehmen planen, den F&E-Bereich in Osteuropa und China auszubauen. Als wesentliche Gründe für diese Entwicklung wurden Einsparungen bei Personalkosten, aber auch die räumliche Nähe zu den Kunden und Produktionsstätten identifiziert.

Zur industriellen Forschung im prosperierenden Ausland haben Prof. Holger Ernst, Inhaber des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar, sowie seine wissenschaftlichen Mitarbeiter Anna T. Dubiel und Martin Fischer nun wesentliche Erkenntnisse.

In dem Buch „Industrielle Forschung und Entwicklung in Emerging Markets“ lassen sie dabei Entwicklungschefs international operierender Unternehmen mit Erfahrungsberichten und Fallbeschreibungen zu Wort kommen. Die Autoren sind oder waren beim Aufbau von F&E-Standorten involviert.

„Die Ergebnisse unserer Studien zeigen, dass erfolgreiche Unternehmen vor allem auf drei Aspekte beim Aufbau von F&E in Emerging Markets achten: die Langfristigkeit der international orientierten F&E-Strategie, eine adäquate Personalpolitik, die insbesondere eine schrittweise Übertragung von Verantwortung für innovative Projekte auf den neuen Standort beinhaltet sowie eine effektive unternehmensinterne und -externe Vernetzung des neuen Standorts“, sagte Ernst gegenüber den VDI nachrichten. Bis zu zehn Jahre dauere es in der Regel von der Planung bis zum Betreiben eines vollwertigen globalen F&E-Standorts.

„Wichtig ist auch eine dauerhafte Unterstützung des neuen Standorts durch das Topmanagement“, verdeutlichte Ernst weiter. Ebenso bedeutsam sei die Auswahl eines geeigneten geografischen Standorts – räumliche Nähe zu den wichtigsten Märkten bzw. Kunden – und eine detaillierte Planung und Umsetzung des Standortaufbaus. Wichtig sei hierbei vor allem die Etablierung eines für den Aufbau des neuen F&E-Standorts verantwortliches Projektmanagements, das optimalerweise aus Managern verschiedener Funktionsbereiche bestünde.

Ein Erfolgsfaktor sei zudem die Rekrutierung und Beibehaltung lokaler F&E-Mitarbeiter. Ernst wies darauf hin, dass vor dem Hintergrund der allgemein sehr hohen Mitarbeiterfluktuation in Ländern wie Indien und China weitreichende Personalmaßnahmen zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren gehörten.

Eine geringe Mitarbeiterfluktuation sei auch in Anbetracht mancher weniger wirksamen Rechtssysteme zum Schutz des geistigen Eigentums förderlich. So sei es vor allem wichtig, einen betrieblichen Rahmen zu schaffen, in dem Mitarbeiter mit dem Unternehmen wachsen und sich stark mit ihm identifizieren können.

Das nun entstandene Buch biete dazu einen umfassenden Rundumblick auf dem Feld der Forschung und Entwicklung in Wachstumsmärkten. Es lässt den Leser teilhaben am Erfahrungsschatz initiativereicher Praktiker. L. WALLERANG

Buchtipp: H. Ernst/A. Dubiel/M. Fischer (Hrsg.): Industrielle Forschung und Entwicklung in Emerging Markets, 1. Aufl., Wiesbaden: Gabler Verlag 2009. 304 Seiten. 49,90 €, ISBN 978–3–8349–1340–1

Von L. Wallerang

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