Forschung 07.03.2008, 19:33 Uhr

Der Tresor des Jüngsten Gerichts  

Millionen Saatgutproben aus aller Welt sollen die genetische Vielfalt wichtiger Kulturpflanzen sichern helfen – für Jahrtausende.

Die Arche Noah sicherte in biblischen Zeiten von der Sintflut bedrohten Arten das Überleben, so die Überlieferung. Vorige Woche hat das moderne Gegenstück eröffnet: Auf der Insel Spitzbergen, rund 1000 km vom Nordpol entfernt, nimmt ein tief in den Permafrost-Felsen getriebener natur- und nuklearkatastrophensicherer Bunker Millionen Samenproben von Kulturpflanzensorten aus aller Welt auf, die von Kahlschlag, Klimawandel und Turbolandwirtschaft bedroht sind.

„Es ist der perfekte Platz, um Samen über Jahrhunderte sicher aufzubewahren. Wir wollen so den Rückgriff auf die Vielfalt der natürlichen Genressourcen sichern“, sagte Cary Fowler, Direktor des Global Crop Diversity Trust (GCDT). Die Treuhandorganisation leitet das Projekt im Auftrag der Vereinten Nationen und der norwegischen Regierung. Die hat den 6,3 Mio. € teuren Hightech-Bunker auf der zu Norwegen gehörenden Insel bezahlt. Auch Deutschland unterstützt das Projekt mit 7,5 Mio. €.

Der „Tresor des Jüngsten Gerichts“, wie Fowler gern den Samen-Safe nennt, liegt am Rande des Städtchens Longyearbyen. Eine aus dem Felsen ragende Betonnase markiert den mit einer schweren Stahltür und Bewegungsmeldern gesicherten Einstieg in die Unterwelt. Ein 5 m hoher und 120 m langer Tunnel führt ins Innere des Felsens. Am Ende des Ganges liegen drei Kühlkammern. Sie bieten Platz für insgesamt 4,5 Mio. Probenboxen. Sie beherbergen den eigentlichen Schatz: vakuumverpackte Aluminiumtütchen mit jeweils einigen hundert Körnern Saatgut. „Jede Probe stammt von einem anderen Feld oder einer anderen Farm“, berichtete Fowler.

Die ersten Sendungen mit Saatgut sind schon eingetroffen. Zum Auftakt brachte das Flugzeug Pflanzensamen aus über hundert Ländern der Erde, darunter Sorten von Reis, Mais, Weizen, Kartoffeln, Äpfel, Maniok, Wasserbrotwurzel und Kokosnuss.

Auch Deutschland hat Saatgut beigesteuert. Das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben schickte 2600 Samenmuster nach Spitzbergen, darunter Bohnen, Kichererbsen, Hafer und Gerste.

Kühlaggregate halten die Temperatur der Pflanzensamen konstant bei minus 20 °C. Selbst wenn der Strom ausfallen sollte, sorgt der Permafrost für Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. So könnten die Samen viele Jahre, vielleicht sogar Jahrhunderte oder Jahrtausende überdauern. Ein tiefgefrorenes Vermächtnis, das nur für den Fall entnommen werden darf, wenn andere Saatgutquellen erschöpft oder zerstört sind. „Die Hälfte der hier eingelagerten Samen stammt von bedrohten Arten und Sorten“, betonte Fowler.

Betroffen sind vor allem Wildformen und traditionelle Sorten. Sie benötigen länger für die Reifung und der Fruchtansatz fällt nicht so üppig aus. Das Manko machen sie aber oft mit einem höheren Gehalt an Vitaminen wieder wett. In einer vorwiegend auf Ertragsoptimierung ausgerichteten Landwirtschaft drohen sie jedoch buchstäblich von schnellwüchsigen Hochleistungssorten untergepflügt zu werden.

Nach Schätzungen der UN-Welternährungsorganisation gibt es an die 250 000 Samenpflanzenarten, von denen etwa 4000 der Ernährung des Menschen dienen. Davon decken zurzeit rund 30 Arten 90 % der aus Pflanzen gewonnen Nährstoffe ab, wobei Weizen, Reis und Mais die Hauptenergielieferanten sind.

Auch innerhalb der Arten hat die Vielfalt drastisch abgenommen und zwar seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts um 75 %. So werden gegenwärtig weniger als 10 % der ursprünglich zur Verfügung stehenden Kohl- und Erbsensorten angebaut. Bei Kartoffeln ist von einigen Dutzend Varietäten nur noch eine Handvoll handelsüblicher Sorten übrig geblieben. In Mexiko, der Heimat von Mais, fürchten Agrarforscher, dass es durch den sich ausweitenden Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zu Einkreuzungen mit dem Wildtyp kommt und dieser für immer verloren gehen könnte.

Doch gibt es auch Kritik an dem Projekt. Angesichts von weltweit 1400 Gen- und Samenbanken fragten führende Vertreter der Biodiversiätsforschung in einem offenen Brief an das Wissenschaftsmagazin „Nature“ nach dem Sinn des Vorhabens. Ihrer Einschätzung nach sei es eine bessere Investition, bestehende Banken stärker zu vernetzen und den Austausch von Informationen und Proben zu intensivieren. SILVIA VON DER WEIDEN

www.seedvault.no
www.croptrust.org

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