Blick in die Zukunft 12.11.2010, 19:50 Uhr

Denkmodelle für die globalisierte Welt

Ein Kongress in Hannover und Essen nahm den globalen Dialog mit aktuellen Themenfeldern auf. Im Fokus standen Klimawandel, Energie, Menschenrechte, Gesundheit und Zukunftstechnologien.

Die Sehnsucht Frischverliebter wird erhört: Ein Kuss ins Handy kann künftig Zeit und Raum überwinden und als feuchter Lufthauch aus dem Handy der fernen Liebe strömen.

Auch Roboter werden empathisch, erahnen Gefühle und folgen selbst undeutlich geäußerten Gedanken. Eine Welt künstlicher Nähe entsteht, prognostizierte letzte Woche auf dem Kongress „Our Common Future“ in Hannover, Wolfgang Wahlster, Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz.

Eine Welt, die Fortschritt auch an der Verbreitung der Kommunikationstechnologie misst. So konnte `Gbenga Sesan von der Paradigm Initiative Nigeria berichten, dass von über 152 Mio. Nigerianern bald jeder dritte Internet-User sein wird und 2 Mio. Facebook-User sein werden.

Ohnehin hat die afrikanische Dynamik mehr Drive als jene der Ersten Welt, wie der Göttinger Volkswirtschaftstheoretiker und Entwicklungsökonom Stephan Klasen erklärte: „Seit zehn Jahren wächst die afrikanische Wirtschaft schneller als die Weltwirtschaft insgesamt.“

Technik gilt als Basis des zukunftstragenden Fortschritts. „Technik muss uns selbst vor der Technik retten“, sagte Oxford-Professor Paul Collier schmunzelnd. Sie muss nachhaltige Energieressourcen erschließen und die kleinbäuerliche Landwirtschaft als Hoffnungsträger gegen den Hunger in der Welt unterstützen.

Oder sie muss gute, einfach handhabbare, auch in der Dritten Welt lokal zugängliche und bezahlbare Medizintechnik bereit halten, wie Philips-Manager Ottmar Edenhofer das Branchenziel in Hannover vorgab.

Ohne Berührungsängste diskutierten Wissenschaftler mit Forschern aus der Industrie oder Politikern sinnvolle Wege in die Zukunft. „Vieles kann nicht gelöst werden ohne die Industrie und ohne dass man sich auf neue langfristige Denkmodelle einlässt“, betonte Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, die zusammen mit der Mercator Stiftung den Kongress veranstaltete.

Drei Jahre suchte ein hochkarätiges Gremium nach den wichtigsten Herausforderungen der Zukunft. Gefunden wurden die Themen Klimawandel, Energie, Zukunftstechnologie, wirtschaftliche Entwicklung, Weltgesundheit und Molekularmedizin, Menschenrechte und globale Werte, Migration und Integration, Metropolis, Religion und Werte.

Und immer wieder legten die einzelnen Themenstränge Leitfragen frei, wie Konsensfindung mit der Bevölkerung oder Recht und Gerechtigkeit, Menschenrechte.

Für die Kongressreferentin Patience Mutopo, 32-jährige UN-Stipendiatin aus Simbabwe und Doktorandin am Institut für Ethnologie in Köln, bedeuten Menschenrechte auch Klimagerechtigkeit für die Dritte Welt, das Recht auf Land, Sicherheit, Migration – kurz: ökonomische, soziale und kulturelle Rechte.

Gerd-Axel Ahrens vom Lehrstuhl für Verkehrs- und Infrastrukturplanung der TU Dresden wies ausdrücklich darauf hin, dass der Fortschritt nicht allein technologischer Art sein dürfe, sondern die Bereitschaft zum Wandel auch in den Köpfen der Menschen stattfinden müsse.

Sein Wunschdenken ist es, den Autoverkehr in Großstädten um bis zu 60 % senken. Voraussetzung wäre, dass die Menschen in größerer Zahl als bislang auf Angebote wie Car-
sharing zurückgreifen. „Ein öffentliches Auto könnte zehn Privatwagen ersetzen“, so Ahrens.

In eine ähnliche Richtung zielte die Kritik von Fred van Houten von der Universität Twente. Die Menschheit sollte sich darauf konzentrieren, die Produktion von Überflüssigem einzudämmen, um sich auf die Herstellung von Relevantem zu konzentrieren. R. KUNTZ-BRUNNER/ws

Von R. Kuntz-Brunner/Wolfgang Schmitz

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