Forschung 13.07.2001, 17:30 Uhr

Das Stammkapital der Medizin von morgen

Vergangene Woche feierte Dolly seinen fünften Geburtstag. Beim Klonschaf war es erstmals gelungen, durch Übertragung des Erbguts einer ausgereiften Körperzelle in eine fremde Eizelle ein neues Lebewesen zu erzeugen. Heute hoffen die Ärzte, mit therapeutischem Klonen von Organspendern unabhängig zu werden

Die Nation ist gespalten: Quer durch alle Fraktionen finden sich Befürworter und Gegner der Stammzellforschung – und zwischendurch immer wieder Meinungsmacher, die mitreden wollen, ohne sich ausreichend über die biologischen Zusammenhänge zu informieren. Indes hat in dieser Woche der Nationale Ethikrat entschieden, frühestens im Dezember ein Votum dazu abzugeben, ob Forschung an humanen embryonalen Stammzellen in Deutschland verboten oder erlaubt sein soll.

Wahre Wunder erwarten sich die Verfechter der Gentherapie von diesen „Alleskönnern“ unter den menschlichen Zellen. Vor allem will man mit ihnen für bestimmte Patienten körpereigenes Ersatzgewebe produzieren, das dann im Falle einer Transplantation nicht mehr von deren Immunsystem abgestoßen wird, weil es sich nicht mehr um fremde Zellen handelt. Dies aber geht nur über das therapeutische Klonen mit embryonalen Stammzellen (s. Grafik).

„Einzelne Zelltypen wie etwa Haut-, Leber-, Muskelzellen oder Nerven lassen sich tatsächlich schon im Labor züchten“, weiß Prof. Jens Reich, Zellbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. „Komplette Organe aber wachsen noch nicht im Reagenzglas“, beschwichtigt das Mitglied des Nationalen Ethikrats.

Trotzdem machen die Forscher auch hier rasante Fortschritte. Wenn sie zuvor eine entsprechende Matrix anfertigen, können die angezüchteten Gewebezellen dieses Gerüst einfach überwuchern. „So bildete sich zum Beispiel ein Menschenohr auf dem Rücken einer Maus“, erinnert Reich an ein Foto, das vergangenen Sommer für Schlagzeilen sorgte.

Mit der embryonalen Stammzelltechnologie verbindet sich vor allem die Hoffnung auf eine neue Dimension von Therapiemöglichkeiten zur Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Multipler Sklerose oder Schlaganfall, aber auch von Diabetes, Osteoporose, Muskeldystrophie, Hepatitis, Leukämie oder Krebs. „Querschnittsgelähmte Ratten wurden durch neuronale Stammzellen geheilt – zumindest wurde die Lähmung teilweise überbrückt“, berichtet der Zellbiologe. Da regt sich bei vielen Patienten die Hoffnung auf baldige Genesung.

So schön die Ideen auch sind, so kritisch muss man sie doch unter dem Blickwinkel betrachten, dass dabei an befruchteten Eizellen im Frühstadium ihrer Entwicklung geforscht wird. Und hier scheiden sich die Geister, wann menschliches Leben beginnt und wann folglich diese Frühembryonen dem im Grundgesetz verankerten Schutz der Menschenwürde unterliegen.

„Dass individuelles menschliches Leben im biologischen Sinne bereits mit der Befruchtung beginnt, bezweifelt niemand“, bringt es Prof. Eve-Marie Engels vom Lehrstuhl Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Tübingen auf den Punkt. Die Kontroverse entzünde sich vielmehr daran, ob dem Embryo von Anfang an auch ein moralischer Status zukommt und welcher Grad der Schutzwürdigkeit sich darin begründet oder ob er nichts als ein „Zellhaufen“ ohne Lebensrecht ist.

Vielleicht aber ließe sich so manche Forschung genauso gut an adulten, also erwachsenen Stammzellen durchführen. Hier hätte die Ethiker wenig einzuwenden. „Ich möchte diese Forschung an erwachsenen Zellen auch gerne fördern“, sagt Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und selbst Genetiker, wendet aber ein, dass gleichzeitig die Embryonenforschung als Vergleich benötigt würde.

Derzeitige adulte „Laborrenner“ sind Stammzellen aus der Nabelschnur. Sie werden bereits zur Therapie einiger Krebsarten eingesetzt. In einem europäischen Projekt an verschiedenen Hochschulen ist es nun gelungen, Blutstammzellen – aus denen die roten und weißen Blutkörperchen und die Blutplättchen entstehen – zu züchten. Damit lässt sich die sonst sehr komplexe Transplantationstechnik erheblich verbessern. Zudem ebnet sich damit der Weg zur Züchtung von Stammzellen anderen menschlichen Gewebes.

„Wir haben festgestellt, dass das Blut einer einzigen Nabelschnur, also die Menge von 80 ml bis 120 ml, genauso viele Blutstammzellen enthält wie die 800 ml bis 1200 ml Knochenmark, die einem Spender normalerweise entnommen werden“, erklärt der französische Projektleiter Dr. Jacques Hatzfeld. Im Reagenzglas vermehrt, erhält man so genügend Stammzellen, um eine Transplantation beim Erwachsenen vorzunehmen.

Vor gut einem Monat gelang die erste Nabelschnurblut-Transplantation in Bayern. Ein leukämiekranker Junge, bei dem die herkömmliche Therapie nicht angeschlagen hatte, wurde erfolgreich mit dem Blut seines neugeborenen Bruders behandelt. Auch das schürt Hoffnung! BETTINA RECKTER

Hillebrand/Kanzerath/ Wachlin: Klonen. Stand der Forschung, ethische Diskus­sion, rechtliche Aspekte. Akademie für Technik­folgenabschätzung in Baden-Württemberg, Stuttgart 2001

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