Forschung 22.03.2002, 17:33 Uhr

Das Geschäft mit der Angst werdender Eltern

Seit Monaten bestimmen Stammzellen die Schlagzeilen in den Medien. Im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen wären solche aus Nabelschnurblut ethisch unbedenklich zu gewinnen. Über Chancen und Risiken für die Medizin diskutierten internationale Experten jetzt auf einem Kongress in Bochum.

Die Geburt eines gesunden Kindes ist das glücklichste Ereignis im Leben einer Familie. Doch nicht alle Kinder kommen zum richtigen Zeitpunkt auf die Welt, manche werden gar viele Wochen zu früh geboren. „Diese Frühchen sind aufgrund ihrer Unreife sehr gefährdet und können schwere Schäden davontragen“, erklärt Prof. Arne Jensen, Direktor der Universitätsfrauenklinik Bochum. Stammzellen könnten vielleicht helfen. Am besten wäre in solchen Fällen eine Behandlung mit eigenem Nabelschnurblut, da dann das Immunsystem nicht rebelliert, sagt Jensen, der die Chancen solcher Zellen mit Fachkollegen auf dem Kongress „Stammzellen aus Nabelschnurblut“ kürzlich in Bochum auslotete.

„Die Möglichkeiten einer Gentherapie nach der Geburt sind derzeit noch sehr enttäuschend“, dämpft Prof. Wolfgang Holzgreve, Chefarzt der Universitätsfrauenklinik in Basel, die Erwartungen. Er befürwortet die Präimplantationsdiagnostik, die das werdende Leben noch vor der künstlichen Befruchtung auf mögliche Schäden hin untersucht. „Ich verstehe nicht, warum Frauen nach der strapaziösen künstlichen Befruchtung mindestens zehn Wochen warten sollen, bis sie erfahren, ob ihr Kind genetisch gesund ist, wenn dies schon im Reagenzglas völlig problemlos und schmerzfrei festzustellen ist“, so der Basler Frauenarzt.

Die Experten hegen allerdings die Hoffnung, dass Stammzellen einmal das Leid ihrer jungen Patienten lindern könnten. Die Nabelschnur ist voll von solchen Zellen. „Diese Stammzellen können wir direkt nach der Geburt der Nabelschnur entnehmen und für den medizinischen Notfall ein Leben lang aufbewahren“, erklärt Dr. Eberhard Lampeter. Er ist Geschäftsführer von Vita34, der ersten Blutbank für individuelle Nabelschnurblut-Proben in Europa. Das Unternehmen wurde im April 1997 in Leipzig gegründet heute ist es mit über 9000 Präparaten die größte privat finanzierte Blutbank in Europa. Zur Gewinnung der Stammzellen wird direkt nach der Entbindung das Blut aus der Nabelschnur aseptisch abgezogen und in flüssigem Stickstoff tiefgefroren.

„Die Chance, einem Kind und seinen Geschwistern diese wertvollen Stammzellen zu sichern, besteht nur einmal im Leben – bei der Geburt“, sagt Lampeter. Für 1800 ! bewahrt Vita34 die Proben bis zu 20 Jahre auf, für 3000 ! sogar lebenslang. „Ein optimales Geschenk für Großeltern zur Geburt des nächsten Enkels“, erklärt der Leipziger Geschäftsmann.

„Die Stammzellen aus der Nabelschnur können schon heute bei der Therapie schwerer Krankheiten eingesetzt werden“, verspricht Lampeter. Nicht ganz: Beim Sonderfall Leukämie, einer gerade unter Kindern verbreiteten Form von Blutkrebs, verbietet sich die Eigenblut-Transplantation, weil auch die eingelagerten Stammzellen den genetischen Defekt in sich tragen und unweigerlich zum erneuten Ausbruch der Krankheit führen würden.

Bei vielen anderen Erkrankungen aber gibt es bereits viel versprechende Ansätze einer Stammzelltherapie. Vor allem zur Behandlung von Krebs bietet sich Nabelschnurblut an, das nach Bestrahlung und Chemotherapie besonders schnell zur Blutbildung beiträgt.

„Sollten sich unsere Hoffnungen bestätigen, dann kämen wir aus einem enormen Engpass heraus“, sagt Prof. Peter Wernet, Leiter der größten europäischen öffentlichen Nabelschnurblutbank in Düsseldorf – und meint den eklatanten Mangel an geeignetem Spendermark. Denn die Transplantation von Knochenmark war bisher oft die einzige Chance für Patienten vor allem mit bösartigen Erkrankungen des Blutes – in Deutschland rund 4000 Fälle pro Jahr. Die Hälfte der Kranken wartet vergebens. „Ich unterstütze die private Einlagerung von Nabelschnurblut in öffentlichen Blutbanken“, erklärt Jensen. „Gegen eine Zuzahlung von rund 100 ! müsste das organisatorisch möglich sein.“ BETTINA RECKTER

Von Bettina Reckter
Von Bettina Reckter

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