Innovation 11.12.2009, 19:44 Uhr

Das 3M-Rezept für Innovation  

Der Multi-Technologiekonzern 3M ist bekannt für seinen Ideenreichtum. 30 % des globalen Umsatzes wird mit Produkten erzielt, die jünger sind als vier Jahre. Der Nettogewinn betrug zuletzt 3,46 Mrd. $. Jürgen Klingen, Chef der Material- und Prozessentwicklung in Deutschland, verrät die Geheimnisse dieses Erfolgs. VDI nachrichten, Neuss, 11. 12. 09, sta

Man nehme: Kreativität, Technologie und Kundenwünsche. So einfach ist das Innovationsrezept von 3M. Die Kunst besteht offenbar nur darin, die Zutaten immer wieder neu zu beschaffen. Wie auch das gelingt, erklärt Jürgen Klingen, Chef der Material- und Prozessentwicklung von 3M in Deutschland.

„Die nötige Kreativität bringen unsere Mitarbeiter schon von Haus aus mit“, so Klingen. „Darauf achten wir bei der Personalauswahl. Wir stellen nur Leute ein, die Spaß daran haben, stets über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken und Neues zu wagen. Wir geben ihnen nicht nur die entsprechenden Freiräume – wie verpflichten sie in gewisser Weise sogar dazu.“ Dahinter stecke die Philosophie des langjährigen 3M CEO William L. McKnight. „Er war davon überzeugt, dass Mitarbeiter, die ständig detailliert angeleitet und kontrolliert werden, irgendwann nur noch Dienst nach Vorschrift machen – und nichts darüber hinaus.“

Institutionalisiert wurden die kreativen Freiräume mit der „15 %-Regel“. „Jeder Kollege aus dem technischen Bereich darf 15 % seiner Arbeitszeit für Entwicklungen verwenden, die mit seinem eigentlichen Projekt nichts zu tun haben“, erklärt Klingen. „Wer beispielsweise an einem Klebstoff für Haut-Pflaster arbeitet, darf auch dahingehend forschen, ob seine Ideen nicht auch für die Fahrzeugtechnik interessant sein könnte.“ Kein Vorgesetzter dürfe ihn bremsen und Denkverbote erteilen. Auf diesem Wege entstanden u. a. die „Post-it“-Haftnotizen. „Manchmal werden aus den 15 % bis zu 100 %“, räumt Klingen ein. Aber auch das sei ok – solange die Abteilungsziele langfristig erreicht werden.

Zusätzlich angeheizt wird die „schöpferische Unruhe“ durch einen ausgeklügelten Personalentwicklungsplan. „Jeder Mitarbeiter wird jährlich vom Vorgesetzten und seinen Kollegen beurteilt“, so Klingen. „Zu den dabei verwendeten Kriterien zählen Erfindungsreichtum, Eigeninitiative und Ergebnisorientierung.“ Wer die Erwartungen nicht erfülle, werde geschult – oder im schlimmsten Fall entlassen.

Umgekehrt werden „High-Performer“ belohnt – nicht nur finanziell sondern auch ideell. „Wer sich regelmäßig durch Ideenreichtum hervorhebt, erhält zusätzlich zur Erfindervergütung auch Preisgelder und kann in den Circle of Technical Excellence oder gar in den besonders elitären Kreis der Carlton Society aufgenommen werden“, so Klingen.

Dass die Mitarbeiter mit dieser Mischung aus Freiheit und Leistungsdruck einverstanden sind, beweisen die regelmäßig vorderen Plätze von 3M in Wettbewerben, in denen die Zufriedenheit der Angestellten abgefragt wird.

Ein weiterer Kreativitäts-Generator sind die so genannten Tech-Foren. Darin unterrichten Experten aus den unterschiedlichen Unternehmensbereichen über den aktuellen Stand der Forschung. Eingeladen sind alle Mitarbeiter, die sich Input für ihre Arbeit erhoffen und den Rat von Kollegen einholen möchten. „Tech-Foren können entweder online oder auch in Form von Präsenzveranstaltungen stattfinden“, so Klingen.

Ergebnis sind häufig bereichsübergreifende Innovationen. Ein Beispiel ist der neue zweikomponentige Epoxyklebstoff, der mittels Induktion schnell aushärtet. Er kann u. a. das Punktschweißen in der Automobilindustrie ersetzen. „Der Vorteil liegt in der besseren Optik und der Reduktion von Spannungen im Bauteil“, so Klingen.

Entstanden ist der Kleber durch eine Zusammenarbeit von Forschern der Technologie-Bereiche Advanced Materials, Adhesives und Nanotechnology.

40 Kerntechnologien bilden inzwischen die Basis des 3M-Konzerns. Das Spektrum reicht von der Zahnmedizintechnik über die Opto-Elektronik bis hin zur Software-Entwicklung. „Unser Angebot umfasst inzwischen über 50 000 Produkte“, so Klingen. „Das geht weit über die Konsumer-Marken hinaus, für die wir bekannt sind – etwa Scotch-Klebeband, Filtrete Filterprodukte oder Thinsulate-Isoliermaterialien.“

Um den Erfolg auf eine immer breitere Basis zu stellen, wurde u. a. das Programm „Genesis“ ins Leben gerufen. Es stellt findigen Mitarbeitern, die Kapital zur Umsetzung ihrer Produktideen benötigen, bis zu 50 000 $ zur Verfügung. „Hier in Neuss wurde uns jüngst ein Förderantrag bewilligt“, verrät Klingen. „Die Mittel flossen ein in die Entwicklung einer innovativen easy-to-clean-Beschichtung für Fahrzeug-Felgen.“ Je mehr neue Produkte und Technologien zur Verfügung stehen, um so einfacher können den Kunden individuelle Problemlösungen angeboten werden.

Der Kunde ist König. „Uns ist sehr wichtig, neue Produkte und Verfahren stets gemeinsam mit den Kunden zu entwickeln“, stellt Klingen klar. „Nur wer die Bedürfnisse der Zielgruppe in Erfahrung bringt und befriedigen kann, wird dauerhaft erfolgreich sein.“ Aus diesem Grund müssten 3M-Forscher regelmäßig mit raus zu den Abnehmern. „Chemiker, die sich im Labor einigeln und ihr eigenes Süppchen kochen wollen, können wir nicht gebrauchen – egal wie gut sie fachlich sind. Unsere Leute müssen bereit sein, ihr Wissen teilen – nach außen wie auch nach innen. Wer diese Einstellung nicht mitbringt, wird nicht eingestellt. Innovation ist also vor allem Einstellungssache.“ S. ASCHE

Ein Beitrag von:

  • Stefan Asche

    Stefan Asche

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: 3-D-Druck/Additive Fertigung, Konstruktion/Engineering, Logistik, Werkzeugmaschinen, Laser

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