Therapie für Schlaganfallpatienten 20.08.2014, 13:41 Uhr

„Cross Border“-Transfer: Tastsinn-Training der Finger überträgt sich auf das Gesicht

Neue Forschungsergebnisse weisen den Weg für ein effektiveres Training für Schlaganfallpatienten mit Lähmungserscheinungen: Neurowissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Stimulation der Hand nicht nur Tastsinn und Motorik der Finger, sondern auch die Sinnesleistungen der Wangen und Lippen im Gesicht verbessert. Dieser Effekt des „Cross Border“-Transfers war bisher nur von Amputationen bekannt. 

Passive Stimulation mit dem Sensor-Handschuh verbessert nicht nur den Tastsinn der Finger sondern auch die Sinnesleistungen der Wangen und Lippen im Gesicht. 

Passive Stimulation mit dem Sensor-Handschuh verbessert nicht nur den Tastsinn der Finger sondern auch die Sinnesleistungen der Wangen und Lippen im Gesicht. 

Foto: RUB/Nelle

Ein verstärktes Training eines bestimmten Körperteiles nach einem Schlaganfall kann sich positiv auf andere Körperteile übertragen. Einen entsprechenden Nachweis hierfür lieferte Dr. Hubert Dinse von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) gemeinsam mit Kollegen vom Neuroscience Research Center in Lyon.

Die Wissenschaftler therapierten dafür drei Stunden lang den rechten Zeigefinger ihres Probanden mit einer vibrierenden Membran. Diese passive Stimulation sollte seinen Tastsinn wieder empfindlicher machen. Nach der Behandlung war der Proband in der Lage, die zwei nebeneinander liegenden Reize mit dem trainierten Finger besser zu unterscheiden als mit dem nicht trainierten Finger. Das Erstaunliche der Behandlung jedoch war der Trainingseffekt, der sich auf das Gesicht übertrug: So waren ebenso die Tastschärfe der Lippen wie auch der rechten Wange ebenfalls gesteigert worden.

Ähnliche Effekte wie bei einer Amputation

Dieses Phänomen der passiven Stimulation kennen Wissenschaftler bereits von Handamputationen. Die Gehirnregion, die zuvor noch für den Tastsinn der Hand zuständig war, ist nach einer Amputation quasi arbeitslos. Jedoch erhält sie aus der benachbarten Gesichtsregion neue Aufgaben und übernimmt diese nach einer gewissen Zeit ganz.

Dass dieser so genannte „Cross Border“-Transfer auch ohne Amputation auftritt und durch ein Training erzeugt werden kann, war den Forschern jedoch neu. Der Versuch mit dem Probanden zeigte den „Cross Border“-Transfer, nachdem Nervenzellen im Finger verstärkt stimuliert wurden. „Physische Gegebenheiten wie die Entfernung zwischen Hand und Gesicht sind dabei irrelevant“, erklärt Hubert Dinse.

Vollständige Repräsentation des Körpers im Gehirn

Im Gehirn ist der komplette Körper angelegt, der sogenannte Homunkulus. Eine Punkt-zu-Punkt-Zuordnung verbindet die sensiblen und motorischen Bahnen zwischen der Körperperipherie und dem Gehirn.

Beispielsweise ist die bewusste Wahrnehmung eines Schmerzreizes durch eine bestimmte Zellgruppe in der Großhirnrinde (Cortex) möglich. Sie befindet sich in einem genau definierten Hautareal im Gehirn und erkennt wo genau der Schmerz auftritt.

Therapie mit Stimulationshandschuh verbessert Tastsinn

Dass ein passives Training etwa nach einem Schlaganfall die Sinnesleistung wieder verbessern kann, zeigten die Forscher bereits mit einem von ihnen entwickelten elektrischen Stimulationshandschuh, der durch kurze Stromimpulse die Nervenfasern und das Gehirn des Patienten stimuliert. Schlaganfall-Patienten, die diesen Handschuh regelmäßig anwenden, können Reize wieder besser wahrnehmen.

Eine Therapie mit dem Stimulationshandschuh lässt sich im Alltag einfach einbauen. Er kann überall getragen werden, sei es beim Spazierengehen oder Lesen oder während des Kaffeetrinkens. Patienten mit Hirnschädigungen können somit in vielfältiger Weise durch eine Stimulation der Finger profitieren.

 

Von Petra Funk

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