Innovationen 23.04.2010, 19:46 Uhr

China: Der Pirat wird zum Erfinder

China entdeckt seine eigene Kreativität. Das Riesenreich will seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) bis 2020 auf 2,5 % des Bruttoinlandsprodukts erhöhen. Das entspräche etwa der aktuellen Quote in Deutschland. Kaufkraftbereinigt investiert die Volksrepublik schon jetzt mehr als die Bundesrepublik. Peking fördert außerdem nationale VC-Gesellschaften und den Technologietransfer aus Universitäten. Das hat Folgen auch für hiesige Firmen.

„China“ und „Patente“ – wenn diese beiden Worte in einem Satz benutzt werden, dann geht es meist um den Diebstahl geistigen Eigentums. Das könnte sich aber bald ändern. „Immer mehr chinesische Firmen werden selbst Opfer inländischer Produktpiraten“, so Axel Stellbrink, Patentanwalt und China-Experte der Kanzlei Vossius&Partner, München. „Außerdem hat Peking erkannt, dass das Land mehr in den gewerblichen Rechtsschutz investieren muss, um sich wirtschaftlich weiterzuentwickeln.“ Das Ziel ist klar: Die Werkbank der Welt soll zum Hightech-Standort umgerüstet werden.

Große Schritte sind bereits getan. Die Statistiken jedenfalls sind beeindruckend: 2004 war die Zahl der Patentanmeldungen von In- und Ausländern beim nationalen Patentamt SIPO (State Intellectual Property Organization of the People“s Republic of China) etwa gleich groß – jeweils rund 65 000. 2008 ergab sich ein völlig anderes Bild: Während ausländische Anmelder ihre Aktivitäten „nur“ um 47 % ausweiten konnten, haben die Inländer ihr Engagement glatt verdreifacht.

Auch international erwacht der Tiger: „Beim Europäischen Patentamt nehmen die Patentanmeldungen aus China seit 2002 jährlich um rund ein Drittel zu“, so Stellbrink. Bei der World Intellectual Property Organization (WIPO) werde der Vorwärtsdrang des Riesenreiches ebenfalls registriert. „2009 wurde hier ein Anstieg von Patentanmeldungen aus der Volksrepublik um 29,7 % registriert.“ Damit sei das Land von Rang 6 (2008) auf Rang 5 der Länder aufgestiegen, die im Rahmen des Patent Cooperation Treaty (PCT) international Schutzrechte anmelden. In Deutschland gelten derweil andere Vorzeichen. „In Folge der Wirtschaftskrise sind die entsprechenden Anmeldungen hier um 11,2 % gesunken“, so Stellbrink. „Die Zahl der Patentanmeldungen allein ist zwar kein perfekter Gradmesser in Bezug auf die Innovationsfähigkeit eines Landes“, räumt der Maschinenbau-Ingenieur ein, „die Dynamik ist jedoch beachtlich.“ Außerdem steige der Anteil „exportierter“ Patente seit Jahren an. Gemeint sind solche Schutzrechte, die auch im Ausland angemeldet werden, die also die dortigen Qualitätsanforderungen erfüllen und dort für werthaltig erachtet werden.

Bei einem gezielten Blick auf die Branchen, in denen China Fahrt aufgenommen hat, kann so manchem Ingenieur in Deutschland schon Angst und Bange werden. Die fernöstlichen Erfinder drängen nämlich vor allem in die Bereiche Automobilbau, Elektronik, Telekommunikation und Umwelttechnologie.

„Solarpanele aus China erreichen zwar nur rund 80 % des Wirkungsgrades, den deutsche Hersteller versprechen – sie kosten aber auch nur noch die Hälfte“, so Stellbrink. „Für den Massenmarkt ist das interessant.“

Auch im Automobilbau droht Konkurrenz aus dem Reich der Mitte. „Die Zeiten, in denen Oberklasse-Fahrzeuge aus China aussehen wie ein Mix aus BMW und Mercedes, gehen zu Ende. Ich habe jüngst ein schönes Cabrio vom Band laufen sehen, das ein völlig eigenes Gesicht hatte – und sich nicht hinter europäischen Fahrzeugen verstecken muss.“

Branchenübergreifend wird in China laut Stellbrink immer wieder auf das Jahr 2003 verwiesen. „Bis dahin wurde kopiert.“ Dann hätten eigene Forschungen begonnen. „Nun werden erste Produkte marktreif – und viele weitere sind in der Pipeline.“

Weniger dramatisch bewertet die Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI) die Situation. Die dem Bundeswirtschaftsministerium zugeordnete GmbH stellt in einem Aufsatz fest, dass die Welle transnationaler Patentanmeldungen aus China von nur einer Hand voll Firmen losgetreten wird – darunter etwa Huawei und BYD.

Huawei ist ein führender Hersteller von Telekommunikationsnetzen der nächsten Generation und bedient heute 45 der Top-50 Telekommunikationsanbieter mit über 1 Mrd. Nutzern weltweit. Der Konzern wurde im vergangenen Jahr nur von der japanischen Panasonic Corporation übertrumpft, wenn es um die Zahl der PCT-Patentanmeldungen geht.

BYD gehört seit Jahren zu den größten Akku-Lieferanten der Welt. Bis 2025 will das Unternehmen der größte Hersteller von Elektroautos werden. Schon im kommenden Jahr soll ein Modell in den amerikanischen Markt eingeführt werden. Im Inland ist das Hybrid-Modell BYD F3 bereits jetzt das meistverkaufte Auto überhaupt – wenn auch nicht zuletzt aufgrund staatlicher Subventionen.

Die hohe Zahl nationaler Patentanmeldungen ist laut GTAI mit Vorsicht zu genießen. Die Gesellschaft zitiert eine Studie des Fraunhofer Instituts für System und Innovationsforschung (ISI), die zu dem Schluss kommt, dass nicht alle technologischen Aktivitäten in China „hinreichende internationale Wettbewerbsfähigkeit“ aufweisen. Vielmehr seien etliche Anmeldungen dadurch motiviert, dass sie die Türen zu subventionierten Hightech-Parks öffnen.

Laut GTAI ist die Innovationsbereitschaft von privaten Mittelständlern in China gering. Sie würden sich eher auf schnell realisierbare Gewinne konzentrieren. Langfristige Investitionen lägen ihnen aufgrund schnell wechselnder Geschäftsfelder fern. Außerdem fehle es oft an Finanzierungsmöglichkeiten.

An dem Mangel an Kapital arbeitet Peking allerdings bereits. Ministerien und Regierungsstellen können „Guidance Funds“ zur Unterstützung lokaler VC-Gesellschaften zur Verfügung stellen. Sie sollen der Konkurrenz aus dem Ausland, die noch für über 80 % aller Wagnisfinanzierungen zuständig ist, Paroli bieten.

Auch darüber hinaus ist die öffentliche Hand Chinas nicht geizig. Nach Angaben des Wissenschafts- und Technologieministeriums sollen jährlich 40 000 Firmen in Inkubationszentren rund um die Universitäten des Landes gefördert werden. Und Mittelständler, deren Produkte noch nicht international wettbewerbsfähig sind, werden im Rahmen der öffentlichen Beschaffung unterstützt.

Schon deshalb sollten deutsche Unternehmen den wachsenden Wettbewerb aus Fernost im Auge behalten. Noch schwärmen viele, wie schnell Geschäfte in China gemacht werden können. Doch die GTAI mahnt: „Wenn sich diese Geschwindigkeit auch auf die Schaffung einer innovationsfähigen Wissenschaft und Industrie überträgt, könnte ihnen das Schwärmen bald vergehen.“ S. ASCHE

Von S. Asche

Stellenangebote im Bereich Forschung & Entwicklung

Fresenius Kabi Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Kabi Deutschland GmbH Entwicklungsingenieur / Innovation & Development Engineer (m/w/d) Bad Hersfeld
B. Braun Avitum AG-Firmenlogo
B. Braun Avitum AG Entwicklungsingenieur Elektrotechnik (m/w/d) Melsungen
XENIOS AG-Firmenlogo
XENIOS AG Projektleiter R&D (m/w/d) im Bereich Neuproduktentwicklung Heilbronn
ADMEDES GmbH-Firmenlogo
ADMEDES GmbH Werkstoffwissenschaftler (m/w/d) Für den Bereich Technologie und Innovation Raum Pforzheim
Murrelektronik GmbH-Firmenlogo
Murrelektronik GmbH Senior Konstrukteur (m/w/d) Oppenweiler
KOSTAL-Firmenlogo
KOSTAL Entwickler für Leistungselektroniken (m/w/d) Dortmund
KOSTAL-Firmenlogo
KOSTAL Systemingenieur / Designer Elektromobilität (m/w/d) Dortmund
KOSTAL-Firmenlogo
KOSTAL Testingenieur für Elektromobilität (m/w/d) Dortmund
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Leiter der Gruppe Mechanical Design (m/w/x)
Adolf Würth GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Adolf Würth GmbH & Co. KG Chemiker / Chemieingenieur (m/w/d) im Bereich Forschung & Entwicklung Öhringen

Alle Forschung & Entwicklung Jobs

Top 5 Forschung

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.