Was Fußballfans wirklich sehen 25.05.2013, 11:00 Uhr

Champions-Legue: Endspiel für die Wissenschaft

60 Anhänger von Borussia Dortmund und Bayern München stellen sich während des Champions-League-Finales in den Dienst der Wissenschaft.  Ziel der Studie ist es, Aufschluss über die Verarbeitung komplexer visueller Eindrücke im Gehirn zu bekommen.

Das Champions-League-Finale wollen Tübinger Wissenschaftler für ein Forschungsprojekt nutzen, bei dem es um die Verarbeitung komplexer visueller Eindrücke im Gehirn geht.

Das Champions-League-Finale wollen Tübinger Wissenschaftler für ein Forschungsprojekt nutzen, bei dem es um die Verarbeitung komplexer visueller Eindrücke im Gehirn geht.

Foto: UEFA

Die Tübinger Professoren Stephan Schwan und Markus Huff erwarten das Finale der Champions League am Samstag im Londoner Wembley-Stadion mit höchster Spannung. Nicht, dass sie sich gemütlich vor einen Fernseher setzen, um mit den Mannschaften von Borussia Dortmund und Bayern München mitzufiebern. Sie sehen das Ganze streng wissenschaftlich. Noch während des Spiels entwickeln sie einen Fragebogen, der 60 Probanden kurz nach dem Spiel vorgelegt wird. Darin sind Fragen denkbar wie: „Fiel nach dieser Szene ein Tor oder nicht?“ Die entsprechende Szene wird eingeblendet. Damit testen die Wissensforscher, wie höchst komplexe visuelle Eindrücke verarbeitet und gespeichert werden.

„So richtig freuen kann ich mich über das Spiel erst, wenn ich die Wiederholung sehe, sagt Psychologe Schwan vom Leibniz-Institut für Wissensmedien. Gemeinsam mit seinem Kollegen von der Universität Tübingen hat er einen Großversuch vorbereitet, um herauszufinden, welche visuellen Stimulanzien wichtig sind, damit Inhalte optimal verarbeitet werden und im Gedächtnis bleiben. Letztlich könnten dabei didaktische Methoden herauskommen, die komplexe Zusammenhänge etwa bei chemischen Reaktionen optimal vermitteln.

Für den Test, der in einem großen Saal der Tübinger Universität stattfindet, haben die Wissenschaftler jeweils 30 Anhänger der Clubs aus Dortmund und München eingeladen. Jeder sitzt vor einem Laptop, auf dem das Spiel zu sehen sein wird. 21 Plätze sind mit Eye Tracking ausgestattet. Kameras zeichnen jede Augenbewegung auf. Schwan kann sich vorstellen, dass die Fans gewissermaßen unterschiedliche Spiele sehen – je nach dem, welche Mannschaft sie unterstützen. „Beim Angriff einer Mannschaft schauen deren Fans möglicherweise vor allem auf die Stürmer, die anderen auf die Verteidiger“, mutmaßt Schwan.  „So viele dieser teuren Geräte sind noch nie gleichzeitig bei einem Test eingesetzt worden“, sagt der Psychologe. Das Teltower Unternehmen SensoMotoric Instruments stellt sie zur Verfügung.

Gedächtnistest nach einer Woche

Die übrigen Probanden müssen das Spiel, das sie sehen, in Abschnitte zerlegen. Das geschieht per Mausklick. Für den einen ist ein Spielabschnitt beispielsweise beendet, wenn ein Angriff abgefangen ist, für einen anderen erst, wenn es anschließend einen Torschuss gibt. Etwa 20 Minuten nach dem Spiel müssen die Probanden die Fragebögen ausfüllen, die die beiden Professoren in Windeseile erstellt haben.

Nach einer Woche werden die Probanden auf ihr Erinnerungsvermögen getestet. Drei Monate später wird das Spiel 60 neuen Kandidaten gezeigt, die den Spielausgang natürlich kennen. Durch Vergleich der beiden Ergebnisse wollen die Wissenschaftler herausfinden, welchen Einfluss Emotionen auf die Wahrnehmung haben.

Von Wolfgang Kempkens

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