Bionik 22.04.2005, 18:38 Uhr

Biologe mit dem Blick für Technik  

Vor Biologen haben Ingenieure grundsätzlich Angst“, lacht Werner Nachtigall am Telefon. Dass aus dieser Angstbeziehung heute eine Win-Win-Situation geworden ist, daran ist der Zoologie-Professor, der 2002 an der Universität des Saarlandes emeritierte, maßgeblich beteiligt. Nachtigall ist seit langem weltweit anerkannter Pionier der Bionik – einer noch jungen Disziplin, die auf Veranstaltungen wie der Hannover Messe oder der Weltausstellung in Japan gerade viel Beachtung findet. Bionik ist dabei für Nachtigall „kein Fach, sondern eine Denkweise.“

Im Mittelpunkt stehen die Erfindungen der Natur, die einen unerschöpflichen Vorrat an Konstruktionsprinzipien und Verfahren bieten, die als Vorbild für Lösungen technischer Probleme und neue Materialien dienen können. So steckt hinter dem Klettverschluss eine Frucht mit unzähligen Widerhaken, heften sich mit Unterdruck die Saugnäpfe vom Tintenfisch wie die Badematte an glitschigem Untergrund fest oder gehen selbstreinigende Fassaden auf den Lotuseffekt, das wohl bekannteste Beispiel der Bionik, zurück.

Laut Nachtigall gehe es bei der Bionik nie um eine Eins-zu-Eins-Kopie. Die Natur kann lediglich „Denkanstöße“ für Bauingenieure, Flugzeug- und Autokonstrukteure, aber auch Informatiker und Medizintechniker geben.

Die Wurzeln für Nachtigalls Vorliebe für Interdisziplinarität waren früh gelegt. „Schon als Schüler hat mich sowohl Biologie als auch Physik interessiert“. Schenkt man dem Zoologen Glauben, war es seine Unentschlossenheit, die ihn zum Doppelstudium trieb, das er zudem noch mit Chemie, Botanik und Geographie flankiert hat. Im Jahr 1959 promovierte er dann an der Universität München mit einer Arbeit über Schwimmkäfer und untersuchte deren Schwimmruder samt Schuberzeugung. „Das war technische Biologie und die Vorstufe zur Bionik“, erinnert sich der Wissenschaftler. Nach seiner Habilitation über Flugbiophysik leitete er seit 1969 das Zoologische Institut an der Universität des Saarlandes. Dort baute er sukzessive die Grundlagenforschung in den Bereichen Bewegungsphysiologie und Biostatik auf und gründete 20 Jahre später mit „Technischer Biologie und Bionik“ die einzige Studienrichtung dieser Art in Deutschland.

Der lebhafte 71-Jährige hat in den letzten 15 Jahren unermüdlich die Denkweise der Bionik samt Beispielen in 300 wissenschaftlichen Publikationen verbreitet. Dazu kommen über 30 Bücher, darunter auch Kinderbücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden.

„Ich bin getrieben von der Schreiberei“, bestätigt Nachtigall. Einmal durchdacht, mache das Aufschreiben eben kaum noch Mühe und somit gehe auch kaum Wirkungsgrad verloren, erläutert der Wissenschaftler mit reichlich Understatement. Dennoch: Als Nächstes steht kein weiteres Buch an. Nachtigall will neben seiner Funktion als Leiter des Bionik-Kompetenz-Netzes (BIOKON), das vom BMBF gefördert wird, die „stille Revolution der Bionik“ weitertreiben. Während die Industrie nur einige Knüller wie den Lotuseffekt kenne, gebe es rund 1000 „kleinere Dinge aus der Bionik“, die noch aufzuarbeiten seien. Einige davon, wie „Haftbänder, die unter Wasser kleben“, meldet Nachtigall nun zum Patent an. NIKOLA WOHLLAIB

Ein Beitrag von:

  • Nikola Wohllaib

    Freie Journalistin in Berlin. Scherpunktthemen: Telekommunikation, Medien, Medienpolitik.

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