Forschung 06.07.2001, 17:30 Uhr

Auch die Naturwissenschaften haben ihre Unschuld längst verloren

Mit den auf Naturwissenschaftler und Ingenieure der Zukunft wartenden Aufgaben kann nur fertig werden, wer das Verhältnis von Wissenschaft, Technik, Gesellschaft, Natur und Kultur grundsätzlich neu denkt. So der Philosoph Walther Zimmerli, in einem viel beachteten Plenarvortrag auf der diesjährigen International Conference on Chemical Engineering. Im Folgenden ein Auszug.

Es ist eine eigene Sache mit Illusionen: Zum einen halten sie uns in falschen Meinungen gefangen, zum anderen können sie durchaus hilfreiche Funktionen haben. Die Desillusionierung allerdings tut zunächst einmal weh und zwingt uns dazu, mit lieb gewordenen alten Vorstellungen zu brechen.

Zur Zeit werden wir Zeugen eines solchen Desillusionierungsprozesses. Langsam hebt sich der zuvor durchaus hilfreiche Nebel einer Grundillusion, die uns bisher das wahre Verhältnis von Wissenschaft und Technik verkennen ließ. Die Zeit seit der Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft, und vordringlich die letzten anderthalb Jahrhunderte, waren geprägt von der Vorstellung, zwischen der reinen theoretischen Grundlagenforschung und der Technik gebe es keine direkte Beziehung, außer vielleicht derjenigen, daß diese die Anwendung von jener sei.

Die Grundlagenforschung wurde nach dem Muster der platonischen Ideenschau konzipiert und konnte deswegen auch im Wortsinne ‚rein‘ genannt werden. Im Bereich der Technik dagegen – so das Vorurteil – geschehe der eigentliche ‚Sündenfall‘ nicht nur trete hier die ‚Verschmutzung‘ der reinen Theorie durch die garstigen Randbedingungen der Realität ein, sondern sie sei es auch, die das Leben der Menschen und die außermenschliche Natur nachhaltig beeinflusse – und zwar nicht nur positiv.

Der Abschied von dieser grundlegenden Illusion der Abtrennbarkeit von Naturwissenschaft und Technik geschieht nicht ohne Geburtswehen. Zum einen regt sich immer wieder die gesellschaftliche Diskussion, sei es wie einst über Kernenergie oder heute über Gentechnik, therapeutisches Klonen und Stammzellenforschung. Zum anderen macht die sich hierin äußernde Erschütterung auch vor der grundlegenden Begrifflichkeit nicht halt, in der wir Wissenschaft und Technik zu denken uns angewöhnt haben. Weder Wissenschaft noch Technik sind noch was sie waren.

Wir erleben heute, daß der viel zitierte Satz von Francis Bacon „Wissen ist Macht“ sich in einer neuen Interpretation zu bewahrheiten beginnt: Nur davon können wir im strengen Sinne sagen, wir „wüßten“ es, was wir auch selber herstellen können. Die mit dem Siegeszug von Thomas Kuhns Idee eines „Paradigmenwechsels“ einhergehende wachsende Einsicht beginnt sich allgemein durchzusetzen: Selbst die wissenschaftliche Wahrheit kann nicht unabhängig von großen Leitvorstellungen, dem Denkstil einer Wissenschaftlergruppe und der spezifischen technischen Apparatur gedacht werden, die zu ihrer Validierung eingesetzt wird. Damit zugleich aber wird der Gedanke nahezu unabweisbar, daß es hinter dieser Struktur der Paradigmenwechsel noch längere Wellen gibt, die nun spezifisch das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Technik bestimmen.

Vor allem die Wachablösung der Physik durch die Biowissenschaften als Leitdisziplin hat es deutlich gemacht: Nicht nur die gesonderte Unschuld des wissenschaftlichen Experiments, sondern auch diejenige der Naturwissenschaft selbst ist nun dahin. Es gibt keine Ausrede mehr: Jedes wissenschaftliche Handeln ist strukturell bereits technologisch und unterliegt mithin den Anforderungen, die an ein verantwortbares technisches Handeln gestellt werden müssen. Dass nicht jedes Individuum in der Lage sein kann, die Folgen seines Handelns verantwortungsvoll vorherzusehen und zu bewerten, wissen wir seit den Diskussionen über Technikfolgenabschätzung allzu gut die Konsequenz daraus ist allerdings nicht die eines Freibriefs für Wissenschaft und Technik vielmehr folgt daraus, dass die Verantwortung von Wissenschaftlern und Ingenieuren dort, wo sie individuell überfordert wird, institutionell gestützt werden muß.

Wäre die Geschichte dieser größten Desillusionierung in der Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik hier am Ende, würden daraus wohl wieder nur Appelle und Sonntagsreden resultieren. Aber das ist nicht so, sondern es fehlt noch ein entscheidender Schritt. Die an einer Modellierung der Zukunft interessierte Rekonstruktion der Vergangenheit sieht nämlich noch ein weiteres: Nicht nur die Chemie, sondern alle Natur- und vielleicht auch die Geistes- und Sozialwissenschaften durchlaufen in ihrer disziplinären Entwicklung die Stadien der analytischen und der synthetischen Wissenschaft.

Dies gilt auch für die ‚Life Sciences‘, die nun ebenfalls in ihre synthetische Phase eingetreten sind. Jetzt aber bemerken wir ein weiteres, das ebenfalls für alle Wissenschaften zu gelten scheint, wie sich erneut auch an den Biowissenschaften zeigen läßt: Nach der synthetischen Phase erreichen die technologisierten Wissenschaften einen Reifegrad, in dem sie selber nach Analyse und Synthese nun das Design neuer Stoffe vornehmen. Die Desillusionierung ist erst damit abgeschlossen. Nicht nur eine einzelne chemische Substanz kann nun nach Wunsch entworfen und hergestellt werden, sondern das gilt auch für einige Schlüsselbereiche des Lebens selbst. Die Natur wird zur Kultur, das Sein zum Design.

Das aber hat eine interessante Konsequenz, die besonders gut sichtbar wird, wenn wir eine andere Facette dieses globalen Wandels mit berücksichtigen: Die klassische Ökologie des dritten Drittels des vorigen Jahrhunderts wird immer mehr durch Nachhaltigkeitserwägungen ersetzt. Nachhaltigkeit aber ist eine Optimierungsfunktion über wissenschaftlichen, technischen, ökonomischen und sozialen Parametern. Und auf Dauer wird sich auch im Rahmen einer sich globalisierenden Welt auch die Kulturverträglichkeit hier nicht mehr ausschließen lassen.

Optimierungsfunktionen sind, bei Lichte besehen, Kompromißfunktionen das Optimum liegt dabei im Regelfalle nicht beim Maximum der einzelnen Parameter. Nachhaltigkeit als Optimierungsaufgabe wird sich, was die einzelnen Faktoren angeht, auch mit „zweitbesten“ Lösungen zufriedengeben müssen, sofern sie im Prozeß der Gesamtoptimierung relativ besser sind als die jeweiligen regionalen Maxima. Dass es sich auch hierbei um einen Fall von ‚Technologisierung‘ handelt, wird klar, wenn man sich des Anteils von Computerrechenzeit und Roboterarbeit vergegenwärtigt, der für den vorzeitigen Abschluß des Human Genome Projects verantwortlich ist.

Wissenschaft und Technologie sind auf dem Wege einer immer stärkeren gegenseitigen Durchdringung und Verschmelzung bis zu dem Punkte gekommen, an der sich der Einsicht nicht mehr ausweichen läßt: Naturwissenschaftler und Ingenieure sind zu Nachhaltigkeitsdesignern unserer Zukunft geworden. Nicht nur tun wir in Deutschland zu wenig dafür, junge Menschen für diese Aufgabe zu begeistern. Sondern es muß auch bezweifelt werden dürfen, ob unsere Ausbildungseinrichtungen diesen zukünftigen Designern der Zukunft, die für diese verantwortungsvolle Aufgabe erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln. Ich denke, daß wir von diesem Ziel noch weit entfernt sind.

Und so stehen wir am Ende der Rekonstruktion der Desillusionierungsgeschichte in Sachen Wissenschaft und Technik mit (fast) leeren Händen vor der Generation der jetzt bereits lebenden zukünftigen Designer der Zukunft.

WALTHER CH. ZIMMERLI

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