Forschung 29.06.2001, 17:29 Uhr

„Als hätten wir aus der Vergangenheit nichts gelernt“

Der Bonner Neurologe Oliver Brüstle will als erster deutscher Wissenschaftler an embryonalen Stammzellen des Menschen forschen. Doch ein mögliches Moratorium für den Import solcher Zellen könnte das Vorhaben vereiteln. Derartige Pläne sieht er als Spiel mit der Hoffnung von Patienten auf Heilung.

VDI nachrichten: Was würde ein Import-Moratorium für die Forschung an embryonalen Stammzellen bedeuten?

Brüstle: Ein Moratorium hieße mehrere Jahre Stillstand für die Forschung. Als Konsequenz könnten wir erstens in Deutschland keine neuen medizinischen Therapieformen auf diesem Gebiet entwickeln. Zweitens hätten Patienten hier keinen Zugang zu Behandlungen, die im Ausland entwickelt werden. Drittens kämen wir möglicherweise eines Tages in die absurde Situation, auf Therapien zurückgreifen zu müssen, deren Entwicklung hierzulande verboten war. Das ist, als hätte man aus den Beispielen der Vergangenheit nichts gelernt.

VDI nachrichten: Welche Beispiele?

Brüstle: Bei gentechnisch hergestellten Arzneimitteln hatten wir vor Jahren eine ganz ähnliche Lage. Die gentechnische Produktion von Insulin war in Deutschland lange unmöglich. Wenn jemand heute forderte, deutsche Diabetiker sollten keine Chance haben, solches Insulin zu bekommen, klänge das absurd. Wir laufen erneut Gefahr, uns von einem wichtigen und viel versprechenden Gebiet der medizinischen Forschung abzukoppeln, ja sogar ein Forschungsverbot zu erlassen.

VDI nachrichten: Was erwarten Sie für die weitere Diskussion?

Brüstle: Ich hoffe, dass das Thema künftig verstärkt aus der Sicht der Kranken gesehen wird. Durch die Blockade dieser Forschung wird mit der Hoffnung von Patienten mit Parkinson oder Multipler Sklerose gespielt. Ihnen werden neue Therapie-Optionen verbaut.

 VDI nachrichten: Wie lange wird es dauern, bis erste Stammzell-Therapien in der Praxis einsetzbar sind?

Brüstle: Ich rechne mit fünf bis zehn Jahren, ehe überhaupt abgeschätzt werden kann, ob und wie gut embryonale Stammzellen beim Menschen klinisch einsetzbar sind.

VDI nachrichten: Kritiker der Embryonen-Forschung wollen die Fördermittel auf die Forschung an adulten Stammzellen konzentrieren, um so auf diesem Feld international Spitze zu werden. Ist das eine Alternative?

Brüstle: Bereits heute fließt der überwiegende Teil der Fördergelder in die Forschung an adulten Stammzellen. Hier gibt es auch keinen Konflikt. Es kommt jetzt darauf an, beide Bereiche systematisch und vergleichend zu untersuchen, um entscheiden zu können, welche Stammzelle bei welcher Krankheit die bessere Grundlage für eine Therapie darstellt.

VDI nachrichten: Plädieren Sie dafür, künftig auch in Deutschland embryonale Stammzelllinien zu gewinnen?

Brüstle: Wir begeben uns in Abhängigkeiten, wenn wir auf Dauer mit embryonalen Stammzellen aus dem Ausland arbeiten. Dann werden letzten Endes auch die Verfahren, die wir damit entwickeln, dem Ausland gehören. Etwas spitz gesagt, handelt es sich um eine kostenfreie Auftragsforschung mit deutschen Steuergeldern für ausländische Konzerne. Darum sollte mittelfristig der Boden bereitet werden, um solche Zelllinien auch in Deutschland an ausgewählten Zentren herzustellen.   LUCIAN HAAS

 

Die Potenz der Stammzellen

Jeder Mensch trägt Stammzellen in seinem Körper. Diese Zellen besitzen die Fähigkeit, sich zu verschiedenen Gewebetypen zu entwickeln. Stamm­zellen mit dem größten Entwicklungspotenzial bilden sich kurz nach der Befruchtung einer Eizelle. Diese embryonalen Stammzellen sind anfangs totipotent, aus jeder einzelnen Zelle kann sich noch ein kompletter Organismus entwickeln. Einige Tage später sind sie pluripotent, weil sie dann nur noch zu verschiedenen Gewebetypen weiterwachsen können.

Wenn sich eine Eizelle teilt, wachsen die Zellen in unterschiedliche Rollen hinein, bilden Bestandteile von Blut, Nerven oder Muskeln. Bei dieser Spezialisierung verlieren sie ihre Pluripotenz. Dennoch haben auch Erwachsene noch Stamm­zellen im Blut und im Gehirn. Doch diese adulten Stammzellen sind in ihren Entwicklungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Die Forscher hoffen nun, Wege zu finden, um erwachsene Stammzellen wieder in ein Stadium der Pluripotenz zu versetzen. Um zu verstehen, wie diese Reprogrammierung funktioniert, ist für sie die Erforschung der Fähigkeiten von ES-Zellen unverzichtbar.

Sollte es gelingen, auch aus adulten Stammzellen ganz unterschiedliche Gewebe wachsen zu lassen, wäre dies ein Durchbruch in der Medizin. Derlei Zellen könnten beispielsweise in der Bauchspeicheldrüse von Diabetikern zu Insulin bildenden Zellen heranzureifen. Im Herzen könnten sie Herzmuskelschwäche lindern helfen, im Gehirn würden sie Nervenzellen ersetzen, die durch Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose zerstört sind.

Tierversuche brachten bereits erstaunliche Erfolge. Dem Neurologen Oliver Brüstle gelang es beispielsweise, aus embryonalen Stammzellen von Mäusen Nervenzellen des Gehirns zu entwickeln. Mit solchen Zuchtzellen konnte er Versuchstiere heilen, die an einer experimentell erzeugten Multiplen Sklerose litten (s.a. Interview).  LUCIAN HAAS

Präimplantationsdiagnostik: Der nach künstlicher Befruchtung entstandene Embryo wird vor der Einpflanzung auf bestimmte Erbkrankheiten untersucht.

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