Stahl 21.05.2004, 18:30 Uhr

Zulieferer eingezwängt zwischen Vormaterial und Endkunde

VDI nachrichten, Düsseldorf, 21. 5. 04 -Zulieferer aus der Blech verarbeitenden und Massivumformungsindustrie sind durch die Preiserhöhungen beim Stahl in ihrer Existenz bedroht. Unternehmen aus den klassischen Metall verarbeitenden Gebieten Südwestfalen, dem Sauerland und dem Bergischen Land zeigen, wie sie die schwierige Lage meistern. Sie sind eingeklemmt zwischen zwei Mahlsteinen – auf der einen Seite die großen Lieferanten von teurem Vormaterial, auf der anderen Seite große Abnehmer, hauptsächlich der Automobilbau.

Schwäbisch-schottisch geführt wird Hera, das Böminghauserwerk in Kirchhundem, im tiefsten Südwestfalen. Daher steht das Traditionsunternehmen der Drahtindustrie auf finanziell festen Füßen – „doch eine Lage wie jetzt habe ich in all den Jahren noch nicht erlebt“, sagt Hera-Geschäftsführer Thomas Schulmeister. Er fühlt sich mit seiner 63 Mitarbeiter starken Firma wie in einem „Sandwich“: Eingeklemmt zwischen Vorlieferanten, die die Preise für Blech und Draht in zweistelligen Prozentsprüngen erhöhen, und Kunden, an die Hera keine Preisaufschläge weiterreichen kann. „Ich habe erlebt, dass sich Kalt- und Warmband-Lieferanten nicht an die Verträge halten, die sie mit uns abgeschlossen haben“, klagt er. 5000 t Stahlprodukte kauft er für die Herm. Rahmer KG (Hera) in Kirchhundem jährlich ein. „Was will ich bei diesen Mengen verhandeln?“ fragt er.
Ähnliches tönt aus dem Sauerland: Dass seine Zulieferer vereinbarte Preise nicht einhalten wollen, hat Karl-Christian Wetzel aber noch nicht erlebt. Und trotzdem drohen der 30-köpfigen Belegschaft seiner Firma, der Hugo Sichelschmidt & Co. Metallwarenfabrik GmbH in Lüdenscheid, Kurzarbeit oder sogar Entlassungen. Wenn die Bezugsverträge mit den Stahlservice-Centern in den kommenden Wochen auslaufen, werden die nächsten Bleche kräftig teurer werden. Doch nur die wenigsten, so Wetzel, seien bereit, mehr zu bezahlen. „Nur einige Kunden sind einsichtig und akzeptieren, das wir Legierungszuschläge in Rechnung stellen“, berichtet er. „Aber das sind Kosten, die wir nur durchreichen.“
Die Firma Hugo Sichelschmidt ist in privater Hand, und die kann in schlechten Jahren damit leben, dass Gewinn ausfällt. 16 Jahre führt Wetzel das Unternehmen, doch jetzt sei es „fünf vor zwölf“. Sein Unternehmen sei derzeit wie ausgeliefert – seinen Lieferanten und den Abnehmern, die für die Automobilindustrie arbeiten oder Geräte für die Gas-, Mess- und Regeltechnik bauen. „Kauf oder stirb“ heiße es bei den Stahl-Service-Centern, und bei den Kunden wird ihm entgegen gehalten: „Die Preise sind nicht verhandlungsfähig.“
Große Marktmacht haben die kleinen Stahl verarbeitenden Zulieferer nicht: An keinen Kunden liefert Hera aus Kirchhundem mehr als 5 % seiner Baugruppen, Stanzteile und Drahtprodukte. 8 Mio. € Umsatz erwirtschaftete Thomas Schulmeister 2003, das Unternehmen profitabel. Nicht zuletzt wegen der hohen Eigenkapitalquote kommt er auch jetzt noch zurecht – doch für Schulmeister zeichnet sich eine Insolvenzwelle bei Mitbewerbern ab. Vor zehn Jahren noch zählte die eigene Firma 120 Mitarbeiter, die etwa dieselbe Menge wie die aktuelle Belegschaft produzierten. Und zum 1. Juli nimmt in Polen Hera Polski die Produktion auf.
Soweit ist Sichelschmidt in Lüdenscheid (noch) nicht. Dort erlebt Geschäftsführer Wetzel es als Zynismus, dass die Stahlkonzerne Rekordgewinne melden, während Mittelständler ums Überleben kämpfen. „Wir werden Aufträge nicht mehr bedienen können“, meint Wetzel, „weil wir die Arbeit nicht kostendeckend ausführen können.“
Am 18. Mai belegte die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer zu Hagen (SIHK) mit einer Umfrage, wie Unternehmen ihres Kammerbezirks aus der Metall-, Stahl- und Autozulieferer-Branche unter den stark gestiegenen Stahlpreisen leiden. 76,5 % der befragten 166 Unternehmer erwarten Ertragseinbußen. Zum Teil werde der Ertrag komplett aufgezehrt. Um bis zu 50 % ist laut SIHK für sie der Stahlpreis in den vergangenen sechs Monaten gestiegen. 72 % der befragten Unternehmen sehen sich von dem hohen Stahlpreis „stark betroffen“. 68 % haben Probleme bei der Beschaffung des Materials. Nur 21 % der befragten Unternehmen gehen davon aus, die Preissteigerungen in vollem Umfang an die Kunden weitergeben zu können. 51 % erwarten eine weitere Verschärfung der Situation.
Für Friedhelm Sträter, Sträter Stanzerei GmbH in Solingen, steckt die blechumformende Industrie in einer dramatischen Lage. „Tagespreise und ungesicherte Mengenkontingente beim Stahleinkauf lassen seriöse Kostenkalkulationen nicht zu.“ Sogar das Platzen des China-Booms würde die Situation nicht ändern. „Auf dem Tisch liegen schon die Preiserhöhungen des Marktführers Arcelor und anderer für das 3. und 4. Quartal.“ Laut Sträter bleibt nur ein Weg: „Die Kunden der blechumformenden Industrie müssen Materialteuerungszuschläge (Preis-Gleit-Klauseln) ihrer mittelständischen Zulieferer akzeptieren.“
Einer ist dabei schon recht fortgeschritten: Ulrich Galladé, Geschäftsführender Gesellschafter der Galladé- Gruppe, Witten. „Für meine Firmen kann ich sagen, dass wir nach langen Verhandlungen mit allen Kunden eine Lösung für den Materialteuerungszuschlag erarbeitet haben“, sagt er. Die Galladé-Gruppe bezieht und verarbeitet ca. 35 000 t Stahl pro Jahr. „Aber einige Endverbraucher sind noch nicht gesprächsbereit.“ Die Stahlindustrie habe aufgrund ihrer durch den großen Nachfrageboom starren Preishaltung nach dem Motto „Bezahl oder kein Material“ Probleme in der Lieferkette ausgelöst.
Als Vorsitzender des Verbands der Massivumformer, IMU, mit einer Produktion von 1,6 Mio. t/a, weiß Galladé, dass nicht alle Abnehmer einsichtig sind. „Ich rufe auf, sich an einen Tisch zu setzen. Die Versorgungsengpässe werden uns aufgrund der Nachfrage in China noch lange beschäftigen.“M. ROTHENBERG/KÄM

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