Kunststoffe 28.11.2008, 19:38 Uhr

„Wir wollen der Region etwas zurückgeben“  

VDI nachrichten, Rehau, 28. 11. 08, moc – Im oberfränkischen Rehau, nahe der tschechischen Grenze, hat sich aus einer ehemaligen Lederfabrik heraus ein weltweit operierender Polymerspezialist entwickelt – die Rehau AG. Kaum bekannt, ist das Unternehmen heute ein Top-Arbeitgeber für Ingenieure.

Selbst wer das Ortseingangsschild verpasst hat, weiß schnell, wo er ist. Überall im Ort Hinweise, Schilder, Werkshallen, auf denen ein Name prangt: Rehau.

Die Rehau AG ist eines dieser Unternehmen, deren Produkte man kaum kennt, denen man aber tagtäglich begegnet. Mountainbiker fahren Druckschläuche aus Rehau an den Hydraulikbremsen ihrer Räder, Häuslebauer setzen auf Fenster und Türsysteme aus Rehau, an vielen Möbeln kleben Kantenbänder aus Rehau, fast jedes deutsche Auto der Oberklasse fährt mit Stoßfängersystemen oder thermoplastischen Kotflügeln aus dem kleinen Ort in Oberfranken, Fassadenverkleidungen, Küchenmaschinen, selbst Beläge von Skisprungschanzen kommen von dort.

Die Rehau AG und der Ort Rehau sind nicht zu trennen. Das weiß auch Bürgermeister Michael Abraham. „Durch die Rehau AG sind wir als Stadt in der Lage, ein Umfeld anzubieten, das andere Gemeinden so nicht haben. Hier geht einfach mehr als in anderen Kommunen.“

Seit seiner Gründung im Jahr 1948 aus einer alten Lederfabrik heraus hat sich die Rehau AG vom Kunststoffverarbeiter zu einem Systemlieferanten und Polymerspezialisten entwickelt.

Drei Geschäftsfelder hat das Unternehmen heute – Bau, Industrie und Automotive.

In der Industriesparte werden etwa Lösungen für Kühlsysteme oder Schrankrolladensysteme hergestellt, im Bausegment Fenster- und Fassadensysteme und Anlagen zur regenerativen Energiegewinnung – von der Photovoltaik über die Geothermie bis hin zu Wärmepumpen. Aus dem Automotivebereich kommen Stoßfänger, aber auch intelligente Module für die Wasser- und Luftversorgung, vor allem für den höherpreisigen Automobilsektor.

Ein so stark differenziertes Angebot ist nicht ganz leicht zu managen, aber es hat auch seine Vorteile. „Die Flaute in einem Marktsegment“, so Rainer Schulz, Mitglied des Executive Board der Rehau-Gruppe und dort für die Technik und Produktion zuständig, „trifft uns zwar, aber meistens doch etwas weniger hart als andere Unternehmen.“

In den letzten Jahren ist das Unternehmen zwischen 5 % und 7 % jährlich gewachsen. 2008 und im kommenden Jahr dürfte es etwas weniger werden.

Gut 2300 Mitarbeiter hat die Rehau-Gruppe in Rehau selbst, 7000 in ganz Deutschland, weltweit sind es derzeit gut 15 000. Diese verteilen sich auf 170 Standorte in über 50 Ländern.

Im Inland macht die Rehau AG einen Umsatz von gut 1,3 Mrd. €, weltweit etwas weniger als das Doppelte und zählt sich damit zu den Top-Unternehmen seiner Branche.

Ein „erheblicher Anteil“ des Umsatzes fließt in Forschung und Entwicklung, genaue Zahlen lässt sich Schulz nicht entlocken. Wenig wird es nicht sein, denn an einem lässt Schulz keinen Zweifel: „Ein Unternehmen wie Rehau lebt von der Innovation.“

Die Zurückhaltung in Sachen Finanzen hat ihre Gründe: Das Unternehmen ist noch immer in Familienhand, wird von einem Executive Board geführt und hält sich dementsprechend zurück, was genaue Zahlen angeht.

Vom oberfränkischen Rehau aus werden die weltweiten Unternehmenstöchter der Rehau AG koordiniert, hier sitzen auch Forschung und Entwicklung. In der gesamten Rehau-Gruppe liegt der Akademikeranteil bei gut 10 %. Am Standort Rehau selbst sind es um die 15 %, in den reinen Verwaltungsabteilungen steigt der Anteil auf bis zu 35 %. Davon sind jeweils gut zwei Drittel Ingenieure.

In Deutschland allerdings wächst das Unternehmen kaum noch. Wachstum kommt vor allem aus den Märkten in Osteuropa, Russland und Asien. „Wir bauen deshalb zunehmend neue Vertriebs- und Entwicklungskapazitäten in diesen Märkten auf“, so Schulz. Das geschieht nicht zuletzt auch, um das Potenzial an Know-how und kompetenten Mitarbeitern vor Ort anzuzapfen. Und mit den Entwicklungskapazitäten wächst in diesen neuen Märkten auch die Produktion.

Dabei versucht die Rehau-Gruppe, in allen drei Geschäftsfeldern gleichmäßig zu wachsen. „Wir wollen die Dominanz eines Bereichs verhindern“, so Schulz.

Das klappt nicht immer und nicht in allen Märkten gleichermaßen. In der Gruppe insgesamt liegt derzeit der Bau mit gut 50 % am Umsatz vorn, der Automotivebereich folgt mit 30 %, dann der Industriesektor mit guten 20 %.

Das größte Wachstumspotenzial sieht Schulz auch in Zukunft im Bausektor, vor allem durch die Nachfrage nach regenerativen Energiesystemen.

Doch obwohl die große Mehrheit der Rehau-Mitarbeiter schon lange nicht mehr in Rehau arbeitet, ist das Unternehmen tief in der Region verwurzelt. So wurde eines der Werksgebäude zu einem Museum samt permanenter Kunstausstellung umgebaut, Sport und Kulturveranstaltungen werden gefördert und auf dem alle zwei Jahre stattfindenden Stadtfest ist das Rehau-Zelt regelmäßig eine der größten Attraktionen. Auch die Verbindung zu den Hochschulen der Region ist eng, das Audimax der Fachhochschule Hof heißt Rehau-Audimax.

„Wir wollen“, so Schulz, „der Region etwas zurückgeben.“

Nicht, dass es keine Probleme gäbe. Die Anbindung an den nächsten größeren Flughafen ist schwierig, der nahe Flughafen in Hof-Plauen führt eher ein Schattendasein, auch bei der Bahnanbindung, so Schulz, „wäre noch mehr Potenzial drin“.

So ist es auch nicht immer ganz einfach, die richtigen Mitarbeiter in den kleinen oberfränkischen Ort zu locken. Aber, so Personalleiter Malte Klindt, „ein wirkliches Problem war es bisher nicht“. Vor der Wende musste das Unternehmen zudem noch mit der Lage im Zonenrandgebiet leben. „Wir mussten uns halt immer ein bisschen mehr anstrengen als andere.“

Diese Erfahrung machte auch Martin Watzlawek, der vor einem Jahr mit seiner Frau nach Rehau kam und jetzt für das strategische Innovations- und Technologiemanagement zuständig ist. „Hier hat man sich einen Tick mehr um uns bemüht als anderswo.“

Im Unternehmen werden zudem Programme zur Förderung von Fach- und Führungskräften angeboten, wer will, kann auch mal drei Jahre in einer Niederlassung im Ausland arbeiten.

Wie das Unternehmen, so strengt sich auch die Stadt an. Jährlich investiert sie gut 5 Mio. € in ihre Infrastruktur, als nächstes ist die Sanierung des Schulzentrums dran. Die Stadtreinigung hat sogar einen speziellen Sonntagsdienst. Manche Bewerber, so Bürgermeister Abraham, „reisen ja schon am Sonntag zu den Vorstellungsgesprächen an, meist auch mit ihren Frauen. Da soll die Stadt gut aussehen“.

Diese Anstrengungen zahlen sich offensichtlich aus. Immer wieder hat die Rehau AG Preise eingeheimst, wurde von DaimlerChrysler und PSA Peugeot Citroën als herausragender Zulieferer ausgezeichnet und in einem deutschlandweiten Ranking zu einem der 25 Top-Arbeitgeber für Ingenieure gekürt. „Das Arbeiten“, so Schulz, „ist hier viel attraktiver, als es oftmals wahrgenommen wird.“ W. MOCK

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