Stahl 21.12.2007, 19:32 Uhr

„Wir sind rund 30 Jahre zurück“  

VDI nachrichten, Galati/Rumänien, 21. 12. 07, swe – Der Stahlgigant Arcelor-Mittal saniert in Rumänien ein 1600 ha großes Stahlwerk aus den 60er Jahren. Die EU sorgt dafür, dass der Umweltschutz nicht zu kurz kommt. Denn alle großen Industrieanlagen in der EU brauchen eine so genannte IVU-Genehmigung. IVU steht für „Integrierte Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung“. Allerdings braucht das Stahlwerk erst in sieben Jahre moderne Techniken einzusetzen. Eine Modernisierung in vielen kleinen Schritten.

Die 350 000 Einwohner der rumänischen Donaustadt Galati leben neben einem alten Stahlwerk. Gebaut in den 60er Jahren, versorgte es den Südosten Europas mit Stahl.

Der Staub aus dem Werk störte Petruta Moisi kaum, als sie 1969 als junge Frau dorthin zog. „Ich gehöre zu der Generation, die erzogen wurde, stolz darauf zu sein, neben großen Industrien zu wohnen.“ Als Mutter änderte sie ihre Einstellung. Ihre Kinder waren wie auch viele andere Kinder oft krank.

„Umwelt- und Gesundheitsschutz war aber offiziell kein Thema“, erinnert sich die heute 61-jährige Moisi. Das änderte sich erst nach dem Fall der Sowjetunion und dem Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu. Auch Moisi wurde mutiger und gründete 1996 das unabhängige Umweltberatungszentrum Galati Ecocouncelling Centre Galati, kurz ECCG.

Im Stahlwerk begann die neue Zeit erst später mit der Privatisierung. Im November 2001 erwarb der internationale Stahlkonzern Mittal das Werk für 50 Mio. €. „Fast alle Anlagen waren in einem schlechten Zustand, viele Arbeiter demoralisiert und es fehlte Kapital“, sagt Direktor Augustine Kochuparampil. Ein Inder an der Spitze eines rumänischen Stahlwerks.

Der rumänische Staat steckt wenig Geld in Instandhaltung und Modernisierung. „Unser oberstes Ziel war damals, wieder Gewinn zu machen.“ Anlagen wurden modernisiert, Arbeitsabläufe effizienter gestaltet und die Zahl der Mitarbeiter von 28 000 auf 16 000 verringert.

All das sei erfolgreich gewesen, meint Kochuparampil. „Wir erwirtschafteten 2006 einen Gewinn von 40 Mio. €.“ Die Umstrukturierung ist jedoch nicht beendet, ergänzt der Technische Direktor Hans-Ludwig Rosenstock, eine Deutscher. „Wir sind im Vergleich zu Stahlwerken in Westeuropa rund 30 Jahre zurück.“

Mit Mittal, nach der Fusion 2007 mit Arcelor Arcelor-Mittal, kam auch der Umweltschutz. Das Unternehmen versprach, mit insgesamt 54 Maßnahmen Mensch und Umwelt bis 2006 besser vor schädlichen Emissionen zu schützen. Für rund 77 Mio. € wurden Gießhallen der Hochöfen eingehaust und Emissionen von Kohlenmonoxid und Stickoxiden aus Vorwärm- öfen der Walzstraßen gesenkt.

Das Unternehmen hat seine Zusage bisher nur teilweise eingehalten: Sieben Projekte müssen noch beendet werden. „Wir arbeiten daran“, sagt Werksleiter Kochuparampil. Aktuell wird etwa das Erzzuschlaghaus für den Hochofen 4 mit einem Elektrofilter ausgestattet.

Trotz aller dieser Bemühungen: Es herrscht Misstrauen in Galati. Viele fragen sich: „Ist dem Unternehmen zu trauen?“

Die regionale Umweltbehörde „Agentia Regionale Pentru Protectia mediului Galati“ schaut genau hin. Sie verweigerte dem Unternehmen im März 2007 die Genehmigung nach der EU-Richtlinie zur integrierten Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzungen (IVU). Jede große Industrieanlage braucht jedoch seit Ende Oktober 2007 solch eine Genehmigung.

Die Skepsis der Behörde hält Petruta Moisi für berechtigt. „Mittal hätte viel mehr tun müssen.“ Die Luftqualität habe sich bisher nicht merklich verbessert.

Im Jahr 2006 diagnostizierten Ärzte bei 9000 Kindern und 4000 Erwachsenen schwere Erkrankungen der oberen Atemwege. Das Mehr an Umweltschutz wird durch eine höhere Produktion ausgeglichen: 1989 stellte das Stahlwerk 3 Mio. t Stahl her, 2006 waren es bereits 4,4 Mio. t. Es sei mehr Geld für Umweltschutzmaßnahmen verfügbar gewesen, meint die Umweltaktivistin.

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (ERBD) gab dem Stahlwerk im Jahr 2002 einen Kredit in Höhe von 100 Mio. $, damals 108 Mio. €. Dieses Geld sollte auch die Finanzierung der 54 Umweltprojekte sichern.

Bei der Sanierung eines großes Stahlwerks aus Sowjetzeiten ist aber nicht zu erwarten, dass alles nach Plan läuft. Andererseits haben die rumänischen Behörden bereits beweisen, dass sie durchaus gewillt sind, sich strikt an die neuen EU-Regeln zu halten.

Einer Raffinerie des Energiekonzerns Petrom bei Pitesti wurde im Mai 2007 eine bereits gegebene IVU-Genehmigung entzogen: Angekündigte Maßnahmen seien nicht rechtzeitig ausgeführt worden, so die Begründung. Petrom erhielt die Genehmigung im August erst nach der Modernisierung von Tankanlagen und der Zusage weiterer Investitionen zurück.

Das Stahlwerk in Galati wurde nicht geschlossen, es wurde erfolgreich verhandelt. Arcelor-Mittal versprach, mit exakt 301 weiteren Maßnahmen Mensch und Umwelt zu schützen: Im Sommer 2014 sollen etwa alle Kokereien, Sinteranlagen, Walzwerke und Hochöfen dem Stand der besten verfügbaren Technik (BVT) entsprechen.

Mit dieser Zusage erhielt das Unternehmen am 30. Oktober diesen Jahres die notwendige IVU-Genehmigung. Das Unternehmen darf damit bis 2014 Stahl mit geringeren Umweltstandards als westeuropäische Konkurrenten produzieren. Das Verfahren ist rechtmäßig, da für viele Industrieanlagen in Osteuropa Übergangsfristen eingeräumt wurden.

Das sei kein Öko-Dumping, sagt Werksleiter Kochuparampil. „Ich würde nicht sagen, dass wir Stahl billiger herstellen.“ Ein Stahlarbeiter verdient in Galati zwar deutlich weniger als sein Kollege etwa in Duisburg, dafür sei aber die Produktivität der gesamten Anlage noch deutlich geringer.

In Galati sind die Erwartungen an den Sanierungsprozess hoch. „Die Luftqualität sollte sich bald deutlich verbessern“, sagt Carmen Sandu, Direktorin der regionalen Umweltbehörde.

Diese wird verfolgen, ob Arcelor-Mittal mit der Sanierung vorankommt. Zweimal jährlich soll es zu Treffen zwischen der Behörde und dem Unternehmen kommen. Alle hoffen, dass das Unternehmen dieses Mal sein Versprechen hält. Es geht immerhin um die Gesundheit vieler Menschen. RALPH AHRENS

  • Ralph H. Ahrens

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