Kunststoffe 29.10.1999, 17:23 Uhr

Weichmacher als Gesundheitsrisiko?

Phthalate, die als „Weichmacher“ für Kunststoffe, als Lösemittel und Hilfsstoffe eingesetzt werden, geraten ins Visier der Toxikologen. Die Stoffe zeigen im Tierversuch hormonähnliche Wirkungen. Ob sie auch beim Menschen zu gesundheitlichen Schäden führen, das wollen Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg jetzt ergründen.

Sie sind fast überall. Als Schmierstoffe und Lösemittel für Farben, Lacke und Klebstoffe, als Textilhilfsstoffe, in Parfümen und Deodorants oder auch in Drucktinten sind Salze und Ester der Phthalsäure zu finden, die unter dem Begriff Phthalate zusammengefasst werden. Ihre wichtigste Verwendung findet diese Stoffgruppe als Weichmacher für PVC und andere Kunststoffe. Jährlich werden in Westeuropa etwa 1 Mio. t, weltweit etwa 3,7 Mio. t Phthalate produziert.
Mehr als 90 % dienen als Weichmacher für PVC, das in dieser Form in Kabelummantelungen, Planen, Schläuchen, Bodenbelägen, Tapeten und vielen anderen Anwendungen eine starke Verbreitung gefunden hat. Weich-PVC kann bis zu 60 % DEHP (Diethylhexylphtalat), den wichtigsten Vertreter der Stoffgruppe, enthalten – plastische Massen, wie sie zum Beschichten von Geweben oder im Unterbodenschutz von Autos benutzt werden, sogar noch mehr. Bei der Verarbeitung der Produkte entweichen beträchtliche Mengen von DEHP in die Umwelt. Das Berliner Umweltbundesamt schätzt, dass es weltweit jährlich mehr als 90 000 t sind. Hinzu kommen jedes Jahr weitere 200 000 t, die aus deponierten Abfällen entweichen. So sind diese Stoffe heute allgegenwärtig: Ihre Spuren finden sich in der Luft über dem Nordatlantik und deutlich höhere Mengen über größeren Städten, aber auch im Meer und in Seen, da sie mit dem Regen ausgewaschen werden. Für den Menschen sind vor allem jene Phthalatmengen bedeutsam, denen er in seiner täglichen Umgebung ausgesetzt ist. Hauptquellen in Wohnräumen sind PVC-Bodenbeläge, Vinyltapeten, Elektrokabel oder kunststoffbeschichtete Einrichtungsgegenstände. In Innenräumen oder in Autos mit dem typischen „Neuwagengeruch“ wurden bis zu 300 mg/m3 gemessen.
Anlass zur Sorge gaben Berichte, wonach in Tierversuchen hormonähnliche Wirkungen von Phthalaten beobachtet wurden, allerdings nur, wenn sehr hohe Dosen verabreicht wurden. „Die Frage, ob solche Wirkungen auch unter Normalbedingungen beim Menschen zu befürchten sind, ist noch nicht geklärt“, betont Dr. Winfried Sieber vom Erlanger Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin. Sieber ist Leiter eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes, das der Frage nachgehen soll, welche Mengen an Phthalaten von der Allgemeinbevölkerung in der normalen Umgebung tatsächlich aufgenommen werden.
Ziel bisheriger Versuche war es meist, die Weichmacher selbst in den menschlichen Körperflüssigkeiten nachzuweisen. Doch während der Entnahme und Auswertung der Proben werden unvermeidlich allgegenwärtige Phthalate von außen eingeschleppt, die zu Fehlern führen. Um solche Fehler auszuschließen, messen die Erlanger Forscher im Harn der Probanden nicht die Phthalate selbst, sondern deren Stoffwechselprodukte, die erst im Organismus beim Abbau der Phthalate entstehen.
Ein wichtiges Anwendungsfeld für phthalathaltiges Weich-PVC ist heute die Intensivmedizin. Allein in Deutschland werden jährlich etwa 10 000 t des Kunststoffes in Form dehnbarer Beutel und Schläuche für die verschiedensten Zwecke verbraucht. „DEHP ist hier wie kein anderer Weichmacher geeignet, dem PVC die Widerstandsfähigkeit gegenüber den hohen Temperaturen bei der Sterilisation zu verleihen und gleichzeitig die Biegsamkeit, selbst bei Gefriertemperaturen, zu erhalten“, formuliert es Dr. Michael Graß aus der Anwendungstechnik des Weichmacher-Herstellers Oxeno Olefinchemie in Marl. Auch nach 40 Jahren weltweiter Anwendung gibt es in diesem Bereich offenbar keine Hinweise auf eine Gefährdung der Patienten. Eine vom kanadischen Blauen Kreuz entdeckte Besonderheit: Spuren des Weichmachers, die sich in Blutkonserven lösen, stabilisieren die roten Blutkörperchen und garantieren somit eine längere Haltbarkeit.
Brisanz in die Diskussion um mögliche schädliche Auswirkungen von Phthalaten brachte eine Kampagne von Greenpeace, die im vergangenen Jahr ihren Höhepunkt erreichte. Die Organisation warnte vor hohen Mengen der Weichmacher, die aus Babyspielzeug ausdünsten oder von Kleinkindern herausgelutscht werden könnten und so in deren Körper gelangen. Auch das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) empfiehlt inzwischen Eltern, beim Kauf von Spielzeug für Kinder bis zu drei Jahren auf Produkte aus Weich-PVC zu verzichten, „da im Einzelfall nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese Produkte gesundheitlich bedenklich sind“.

EU verhandelt über Verbot von Phthalaten in Spielzeug

Auf EU-Ebene ist derzeit sogar ein Verbot von Phthalaten in Babyspielzeug im Gespräch. Dazu trägt die Feststellung des wissenschaftlichen EU-Ausschusses für Toxikologie, Ökobelastung und Umwelt (CSTEE) bei, wonach es bisher keine zuverlässigen Testmethoden gibt, um die Belastungen beim Auslutschen einwandfrei zu bestimmen. Auf nationaler Ebene erließen Österreich, Schweden, Frankreich, Griechenland, Dänemark und Italien bereits ein Vermarktungsverbot. „In Deutschland ist eine solche Verordnung auf dem Wege,“ versichert Dr. Karl Ewers, im Bonner Gesundheitsministerium zuständig für Bedarfsgegenstände. Der Spielzeughersteller Vedes, Nürnberg, hat erklärt, dass Quietschtiere und Badeenten aus den Regalen verschwinden, bis Ersatzstoffe gefunden seien. Einige Produkte wie Beißringe seien bereits auf andere Materialien umgestellt worden.
Erste Lösungen für den Ersatz von Phthalaten finden sich heute bei Folien für die Verpackung von Lebensmitteln. Dies war ein besonders kritischer Bereich, da Fette größere Mengen des Weichmachers herauslösen können. Heute übernehmen Ester der Adipinsäure die Rolle des Weichmachers – Verbindungen, die als gesundheitlich unbedenklich gelten. Daneben sind Substanzen, die sich von Zitronensäure ableiten, für die Verpackung von Lebensmitteln und für medizinische Anwendungen geeignet. Ihr breiter Einsatz scheitert derzeit allerdings noch an ihrem hohen Preis. Eine gewisse Rolle als Phthalatersatz spielen auch Phosphorsäureester, die gleichzeitig als Flammhemmer wirken können.
Eine Zwischenlösung ist möglicherweise der Einsatz längerkettiger Phthalate. „Die größeren Moleküle sind weniger beweglich und daher gelangt eine geringere Menge des Weichmachers an die Oberfläche, von wo er austreten kann“, erläutert Graß. Außerdem verdampfen größere Moleküle wegen ihres höheren Siedepunktes weniger leicht. In Autoinnenräumen werden solche Stoffe schon heute eingesetzt.
URSULA SCHIELE-TRAUTH
Weichmacher in Kinderspielzeug können ausdünsten oder ausgelutscht werden. Das Bundesinstitut für Verbraucherschutz empfiehlt Eltern daher, auf Produkte aus Weich-PVC zu verzichten.
Auch in der Medizin spielt Weich-PVC, beispielsweise für Infusionsbeutel und Schläuche, eine wichtige Rolle. Hier fällt die Suche nach alternativen Weichmachern besonders schwer.

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