Stahl 21.10.2005, 18:40 Uhr

Vorbild China: Nächster Wachstumsschub der Stahlindustrie kommt aus Indien  

Aber die gesamte Region Südostasien befindet sich im industriellen Aufbruch und auch Indien eifert immer mehr China nach. Bis 2020 soll sich die Stahlproduktion auf mindestens 110 Mio. t jährlich verdreifachen.

Das China-Gespenst geht um, glaubt man den Schlagzeilen. Doch das drängt die schon sehr viel länger erfolgreiche Stahlindustrie Japans und Südkoreas nicht völlig in den Hintergrund und lässt auch nicht vergessen, dass sich auch noch anderswo in Fernost bedeutende Produzenten am Markt behaupten. Sie arbeiten mit Gewinn und wachsen kräftig.

So berichtet die staatliche PT Krakatau Steel in Indonesien, dass sie 2005 trotz exorbitant hoher Öl- und Rohstoffpreise und des starken Verfalls der Rupie weiter schwarze Zahlen schreibe und sogar 1 Mrd. $ in die Entwicklung einer eigenen Eisenerzbasis in Sampit auf der Insel Borneo investieren könne und wolle. Die Pläne beeinhalten auch den Aufbau der dortigen Infrastruktur und eines Kohlekraftwerks.

Krakatau-Stahlchef Daenulhay hat sich der Hilfe potenter Partner versichert und bei einem Besuch in Peking ein Kooperationsabkommen mit der chinesischen Chuan Wei Group geschlossen, die sich sofort mit 10 % an der Eisenerz-Gewinnung beteiligen will. Das gibt Daenulhay finanziellen Spielraum, zumal er erwartet, dass Indonesien mit dem Eisenerz 125 Mio. $ Devisen pro Jahr sparen kann.

Obwohl es Kooperationen gibt,konkurrieren Stahlproduzenten in Fernost nicht nur mit denen Chinas, sondern liegen auch politisch im Clinch, allen voran Taiwan. Dessen mit 11 Mio. t/a größter Stahlproduzent heißt zum Ärger von Peking auch noch China Steel. China Steel liegt in der Weltrangliste der Stahlunternehmen zwar nach Baosteel (Platz 6), war aber bis zu dem Zusammengehen der festlandchinesischen Unternehmen Anshan und Benxi in diesem Herbst gleichauf mit Anshan.

In den Gremien führen die politischen Querelen zwischen Taiwan und China ebenfalls zu Schwierigkeiten: Dabei geht es immer um die Frage, welches Land unter welchem Namen? Für OECD und IISI scheint jetzt „Taipeh, China“ erfolgreich als Kompromiss gefunden zu sein. Und zur IISI nach Brüssel kommt Xiaoyu Yang in das Steel Business Department, bisher Mitarbeiterin von Baoshan Iron and Steel in Shanghai.

Selbst das von der Fläche her kleinste ostasiatische Land, Singapur, besitzt in Gestalt von National Steel einen durchaus nennenswerten eigenen Stahlproduzenten. Wie interessant dieses Unternehmen immerhin aber ist, geht schon allein daraus hervor, dass National Steel erst vor wenigen Monaten von Tata Steel aus Indien aufgekauft worden ist.

Der indische Subkontinent eifert in den Zielen für das Wachstum seiner inländischen Stahlindustrie immer mehr China nach. In diesem Herbst hat das Parlament die neue nationale Stahlpolitik der Regierung formell gebilligt und damit die Ziele von Stahlminister Ram Vilas Paswan. Kernstück: Bis spätestens zum Haushaltsjahr 2019/20 soll sich die Stahlproduktion Indiens auf mindestens 110 Mio. t jährlich verdreifacht haben.

Wie Dieter Ameling auf der IISI-Jahrestagung Anfang Oktober im südkoreanischen Seoul sagte, droht dem europäischen Markt auf absehbare Zeit keine Gefahr aus Indien, obwohl die Importe seit 2003 von 0,5 Mio. t auf 1 Mio. t in diesem Jahr zugenommen hätten. Gegenüber der Entwicklung in China seien die Ausbaupläne zurückhaltend. Laut Ameling liegt die Rohstahlerzeugung Indiens auf dem Niveau von China zwischen 1980 und 1985. Pro Kopf liege die Stahlverwendung auf dem Subkontinent noch weit niedriger und eine so rasante Entwicklung wie im Reich der Mitte sei ohnehin wegen der anderen Mentalität und der verschiedenen Religionsrichtungen nicht denkbar, wörtlich: „Ein Aufschließen Indiens zur ökonomischen Größe Chinas ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.“

Wie die Londoners MEPS International, eine Gruppe weltweit führender Analysten und Berater der Stahlindustrie feststellt, hat Indien einen großen Wettbewerbsvorteil: Reserven an hochwertigem Eisenerz, für das sich nicht nur Nachbarn in Fernost interessieren. Bisher ist Indien nach Australien und Brasilien Nummer drei unter den größten Exportländern von Eisenerz weltweit. Bei Kohle besitzt Indien nicht ganz so wertvolle Reserven wie bei Eisenerz. Die bisher entdeckten Steinkohlevorkommen liefern – ohne Beimischung höherwertiger Kokskohle – für Hochöfen nicht geeignete Kesselkohle. Deshalb fördert die indische Regierung zugleich das Engagement indischer Konzerne im Auslandsbergbau und versucht, Auslandsinvestitionen und vor allem Know-how auf den indischen Subkontinent zu locken.

Der größte indische Mischkonzern, die Tata-Gruppe, zu der auch die im Weltmaßstab besonders gut verdienende Tata-Steel zählt, kaufte kürzlich Anteile eines Kokskohlenbergwerks in Australien. Und mit der südkoreanischen Posco, dem neben der JFE in Japan gleichauf mit einer Jahresproduktion von 31 Mio. t/a viertgrößten Stahlkonzern der Welt, hat Indien einen besonders potenten Auslandsinvestoren gefunden. Posco plant in der rohstoffreichen östlichen indischen Provinz Orissa zwischen 12 Mrd. $ und 16 Mrd. $ in Erz, ein Stahlwerk und in den Aufbau der Infrastruktur zu investieren.

Zu den anderen Unternehmen, die sich als potenzielle Investoren in Indien umsehen, gehört auch Mittal Steel, der größte Stahlkonzern der Welt. Am 10. Oktober wurde die Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding für ein Projekt im Bundesstaat Jharkhand bekannt gegeben. Es ist geplant, Eisenerz- und Kohleminen zu erschließen und ein Stahlwerk mit einer Jahreskapazität von 12 Mio. t zu bauen. Das ganze soll 9 Mrd. $ kosten.

Auch der zweitgrößte Stahlkocher der Welt, Arcelor, hat ein Auge auf Indien geworfen. Wie der Vorstandsvorsitzende Guy Dollé am 17. Oktober bekannt gab, werden trotz der gescheiterten Zusammenarbeit mit Jindel Perspektiven gesehen. „Indien wird aufwachen, aber langsamer als China.“ Dollé rechnet erst in zehn bis 15 Jahren mit einer neuen Entwicklung.

Die Londoner Analysten von MEPS finden es aber trotzdem gefährlich, dass in Indien Überkapazitäten entstehen, weil der Stahlverbrauch auf dem Subkontinent nicht mit dem rasanten Wachstum in der Stahlproduktion Schritt halte. Um die geplante Inlandsproduktion aufzunehmen, müsse sich laut MEPS der Stahlverbrauch der Inder in den nächsten 15 Jahren mindestens verdreifachen. Geschieht das nicht, könnte sich Indien zu einem bedeutendem Stahlexporteur entwickeln – mit möglicherweise sehr störenden Auswirkungen auf die weltweiten Märkte und Preise. P. ODRICH/KÄM

Ein Beitrag von:

  • Peter Odrich

    Peter Odrich studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Verkehrsbetriebe. Nach 28 Jahren als Wirtschaftsredakteur einer deutschen überregionalen Tageszeitung mit langer Tätigkeit in Ostasien kehrte er ins heimatliche Grossbritannien zurück. Seitdem berichtet er freiberuflich für Zeitungen und Technische Informationsdienste in verschiedenen Ländern. Dabei stehen Verkehrsthemen, Metalle und ostasiatische Themen im Vordergrund.

  • Siegfried Kämpfer

    Ressortleiter Produktion VDI nachrichten. Fachthemen: Produktionstechnik, Maschinenbau, Fabrikautomatisierung.

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