Kunststoffe 30.10.1998, 17:19 Uhr

Vom Eierbecher bis zum Herzkatheter

Der Kunststoff blickt auf eine über 100jährige Geschichte zurück. In Düsseldorf wirbt jetzt die Ausstellung „Faszination Kunststoff“ für die Akzeptanz des nicht immer ganz unumstrittenen Materials.

Blickfang am Düsseldorfer Rheinufer: Froschmänner aus farbigem Kunststoff klettern an der Fassade des NRW-Forums Kultur und Wirtschaft empor. Die heiteren Figuren weisen auf das Deutsche Kunststoffmuseum hin, das hier sein Domizil fand und jetzt zur Internationalen Kunststoffmesse „K 98“ eröffnet wurde. „Faszination Kunststoff“ heißt die erste Schau, in der 1000 Objekte (von 1870 bis 1998) den Beweis antreten, daß aus dem einstigen Ersatzmaterial längst ein unersetzbarer Werkstoff wurde für Weltraumfahrt, Auto- und Eisenbahnindustrie sowie für Alltag und Kunst. Das Gold der Inkas und die Edelsteine des Dogen von Venedig, das „weiße Gold“ aus der Meissener Porzellanmanufaktur des Sachsenkönigs August des Starken – ja, selbst den Zeitgeist der Steinzeit oder der Antike kennen wir und konservieren ihn in Museen oder Privatsammlungen als Relikte der Kultur- und Entwicklungsgeschichte. Doch was werden unsere Nachfahren in 200 Jahren von unserer Epoche wissen – von den Alltagsgegenständen und der „Wegwerfgesellschaft“? Was wird aus den schnellebigen Produkten vom Eierbecher bis zum Herzkatheter? „Wir leben im Zeitalter des Kunststoffs,“ verkündeten bereits in den 50er Jahren Professoren von Pulten in technischen Universitäten. Doch denkt der ökologiebewußte Mensch beim Thema Kunststoff eher an Entsorgung denn an Aufbewahren. Dagegen wendet sich seit zwölf Jahren eine Gruppe von Topmanagern der Kunststoffindustrie und des Handels. Sie gründeten 1988 einen Museumsverein, sammelten mit tatkräftiger Unterstützung von Konzernen (wie Bayer, BASF und Henkel) rund 4700 Objekte aus dem Wunderstoff, der immer neue Gestalten und Farben annimmt. Rund 1000 davon sind derzeit in Düsseldorf zu bewundern – dort, wo das Museum Heimat und einen ständigen Ausstellungsraum gefunden hat. Es ist das dritte seiner Art weltweit denn Kunststoffmuseen gibt es bisher nur in Amerika (in Leominster bei Boston) und in Frankreich (Oyonnax, in der Nähe des Genfer Sees). Anläßlich der „K 98“ feierte jetzt das Deutsche Kunststoffmuseum, bisher lediglich mit einem Büro unter Geschäftsführer Günther Erdmann in der Messeverwaltung vertreten, in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt seine Eröffnung. Hochkarätig sein ehrenamtliches Präsidium: Alfred Lütkenhaus aus Essen, früher bei den Deutschen Bakeliten, und Prof. Dietrich Braun, Leiter des Forschungsinstituts der deutschen Kunststoffindustrie in Darmstadt. Die Adresse: das kürzlich eingeweihte NRW-Forum Kultur und Wirtschaft im Gemäuer des einstigen Landesmuseums Volk und Wirtschaft. Froschmänner aus grünem, blauem, rotem und gelben Plastik erklimmen die Klinkerfassaden des am Rhein gelegenen Hauses. Die Figuren – rund 3 m hoch – bestehen aus Polystyrol, kaschiert mit glasfaserverstärktem Kunststoff-Expoxidharz. Mit der originellen Installation der Wagner- und Bayreuth-erprobten „Ring“-Bühnenbildnerin Rosalie, Professorin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, bekennt das NRW-Forum Farbe und zeigt Flagge: Hier hat in den kommenden Jahren die Dauerausstellung „Faszination Kunststoff“ das Sagen. Jeweils zur „K“, die alle drei Jahre Verbraucher und Hersteller an den Rhein lockt, soll ein neues Schaukonzept entwickelt werden, verspricht Günther Erdmann. Wie Elfenbein, Perlmutt und Ebenholz können Kunststoffe aussehen Der 74jährige kunststoffbesessene Senior, der früher die „K“ organisierte, ist überzeugt von der historischen Dimension der Sammlung. Wenn auch der Museumsverein mit 450 Mitgliedern ohne Unterstützung der Industrie und der Messe kaum eine derart opulente Ausstellung hätte organisieren können, so betont Erdmann: „Das Museum ist nicht nur eine Bühne der Industrie!“ Auch kritische Aspekte von Massenherstellung, Gebrauch und Entsorgung sollen beleuchtet werden. So wird im „Education Corner“ informiert über Widerstandskraft gegen Hitze und Kälte, Brennwerte und Schmelzpunkte, chemische Zusammensetzung und immer neue Nutzungsarten. In einer Lehrwerkstatt steht eine Spritzgießmaschine und eine Cyberspace-Station, aus Kunststoff versteht sich: Besucher jeden Alters klicken sich am PC in virtuelle Welten denn auch der Personal-Computer ist ohne Kunststoff genauso wenig denkbar wie Weltraumfahrt, Schiffahrt und die neuesten Hochgeschwindigkeitszüge auf deutschen Schienenstrecken. Leicht von Gewicht, schön von Gestalt – ob Plaste, Bakelit, Polyvinylchlorid Polystyrol oder Polymethylmethacrylat: Kunststoffe können aussehen wie Elfenbein, Perlmutt oder Ebenholz. Man begegnet ihnen in Form von Telefonapparaten oder Handys, von Eierbechern, Kraftfahrzeugteilen oder als Vollkunststoffauto wie Trabbi und Smart. Weiter gibt es Kunstgewebe, das sich im Körper auflöst, Herzklappen und allerlei andere medizintechnische Hilfen. Wie sehr unser Alltag von der einst skeptisch beäugten Materie bestimmt wird, beweist die Kompaktschau auf nur 300 m2. Mit „Schätzen“ in Guckkasten-Vitrinen aus celluloid- und bakelitseligen Zeiten, vom Kruzifix der Jahrhundertwende über den Fön der 30er bis zum Abendtäschchen als Acrylglas-Sarg aus den 40ern. Faszinierend ist dieser Stoff und kann unter die Haut gehen als Implantat oder Knochennagel. Auch der 100jährige Weg der Verständigung, vom Morsetelegraphen über Filmprojektion bis zum Telefon und Cyberspace, demonstriert, wie aus einstigem „Ersatz“-Material ein unersetzbarer Stoff wurde. Ins Schwärmen geraten dürften in dieser Abteilung nicht nur Technik-Freaks, sondern ebenso Design-Fans. Ob ovale Telefonapparate aus den 70ern in orange-rotem Poystyrol. Fotoapparate aus Deutschland, USA und Großbritannien der 30er in dezent braunem Phenoplast, in demselben Material der 1945 in Amerika entwickelte Viewmaster und ein britischer Fernsehapparat, der einem Staubsauger ähnlich sieht Material: Acrylnitril-Butadien-Styrol. Nicht weniger apart das schicke transportable Kastenradio „Brionvega ts 502“ (1965) von den Meiserdesignern Richard Sapper und Marco Zanuso aus Mailand. Der letzte Schrei, das elektronische Spielzeug „Tamagotchi“ aus Japan darf nicht fehlen. Das Gehäuse ist aus Polycarbonat. Daneben leuchten rot-gelb Schallplatten aus Polyvinylchlorid der Firma Teldec und versetzten auch CD-verwöhnte Ohren in kratzige Klang-Nostalgie. Neben dieser kulturgeschichtlichen Faszination richtete der Museumsverein eine Parallel-Schau ein, die jedoch nur bis Mitte Januar zu bewundern ist. Zum Thema „Kunst und Kunststoff“ präsentiert Museumsmann Wolfgang Schepers auf 800 m2 82 Exponate von 34 Künstlern mit Weltniveau. Die Zeitspanne reicht von 1939, als Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy seinen sanft gewölbten Space-Modulator im Küchenherd „brütete“, bis hin zur letztjährigen Documenta-Teilnehmerin Dorothee Golz: „Hohlwelt II“ nennt Golz den transparenten Kubus, der wie eine riesige Kaugummiblase über dem Boden schwebt. Eine Plastikfolie umschließt ein futuristisches Möbelensemble, dessen Formen an Hans Arp erinnert. Doch im Entrée empfängt den Besucher zunächst das „Haus des Sammlers“: Gebaut wurde es vom Künstlerpaar Judith Barolani und Claude Caillol aus Schaumstoff-Schwämmchen, Spülmittelflaschen und zahlreichen fleißigen Haushaltshelfern. Ambivalentes Spiel mit „Enthüllen durch Verhüllen“ hat Christo (und Jean-Claude) schon früh getrieben. Heute mit gigantischen Kunststoffbahnen, in den 60ern mit Polyethylen-Folie. Die Szene-Zeitschrift „Look“ verhüllte er 1962, er verhinderte aber nicht den Durchblick. Titel und Verpackung fordern zum Hinsehen auf. Pop-Art mit der „Tanzenden Nana“ Neben Werken prominenter Vertreter – wie Victor Vasarely und Claes Oldenburg – sind ebenso „Zero“-Licht-Künstler, wie Heinz Mack und Adolf Luther, die Pop-Art mit der „Tanzenden Nana“ von Niki de Saint Phalle vertreten. Polyester machte das enorme Wachstum der leuchtfarbigen, kubistischen Skulptur möglich wie auch ihre Wetterbeständigkeit. Flirrende Ästhetik erreicht der Krefelder Luther, der in den 60er durch seine Lichtobjekte aus Glasbruchstücken bekannt wurde, mit seiner „spährischen Hohlspiegelwand“. Er verwebt konkave und konvexe Hohlspiegel zu einem zeitgeistigen Spielgelaltar. Insgesamt 18 Stelen fügte Heinz Mack, einst Mitstreiter von Günther Uecker, aus verschiedenen Materialien, wie Acryl, Aluminium und Edelstahl. Wie stark sich Kunst der Realität durch Kunststoff annähern kann, zeigt die lebensgroße Plastik „Arbeiter“ von Duane Hanson. Der knallharte Realismus des 1925 geborenen Amerikaners konzentrierte sich zunächst auf einfache Leute des American way of life. Doch zur Skulptur von 1,9 m Höhe ließ sich Hanson im Haus der Deutschen Geschichte in Bonn inspirieren. MICHAEL GEORG MÜLLER

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Kunststofftechnik

motan holding gmbh-Firmenlogo
motan holding gmbh Senior Product Manager (m/w/d) Konstanz
Orafol Europe GmbH-Firmenlogo
Orafol Europe GmbH Projektingenieur (m/w/d) als befähigte Person im Explosionsschutzbereich Oranienburg
über MPS Personalberatung-Firmenlogo
über MPS Personalberatung Teamleiter Produktentwicklung (m/w/d) Wässrige Lacke / Beschichtungssysteme Großraum Stuttgart
B. Braun Melsungen AG-Firmenlogo
B. Braun Melsungen AG Projektleiter (Project Leader) (w/m/d) Melsungen
smk systeme metall kunststoff gmbh & co. kg-Firmenlogo
smk systeme metall kunststoff gmbh & co. kg Entwicklungsingenieur (m/w/d) Filderstadt bei Stuttgart
GEHR GmbH-Firmenlogo
GEHR GmbH Anwendungstechniker (m/w/d) Mannheim
pinta acoustic GmbH-Firmenlogo
pinta acoustic GmbH Produktmanager (m/w/d) Maisach
Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Kunststoffverarbeitung (W 2) Merseburg

Alle Kunststofftechnik Jobs

Top 5 Werkstoffe

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.