Stahl 15.11.2002, 18:22 Uhr

Verbotene Stadt am Borsigplatz

Langsam nähert sich das Ende einer in seiner Größe bisher einzigartigen Demontage – Ende dieses Jahres, früher als geplant, werden gut 400 Chinesen das Hoesch-Hüttenwerk in Dortmund endgültig demontiert und nach China verfrachtet haben. Ihr Kontakt zu den Dortmundern blieb während dieser Zeit eher sporadisch.

China Town in Dortmund liegt nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt vom Borsigplatz – dort, wo angeblich das „Herz” der Revierstadt schlägt und wo die Kicker des Ballspielvereins Borussia 1909 erstmals vor dem Ball traten.
In China Town wohnen die chinesischen Handwerker, die das frühere Hoesch-Hüttenwerk demontieren und in ihre Heimat „verpflanzen“. Doch das Chinesen-Viertel ist eine „Verbotene Stadt“, mit hohen Zäunen abgetrennt. Die Werksschützer der Thyssen-Krupp-Stahl AG (TKS) patrouillieren um das Gelände und lassen keinen Unangemeldeten herein: Der Kontakt von derzeit rund 400 Chinesen aus China Town mit den Dortmundern findet nicht statt.
China-Town-Dortmund ist ein Städtchen auf Abruf: Im Frühjahr wird es verschwunden sein. Und mit den Chinesen verlässt auch „Carl Hoesch“ die Revierstadt. So heißt die traditionsreiche Stahlhütte von TKS in Dortmund.
Boom-Monate für die Asia-Läden in Dortmund: Auf Schubkarren liefern sie seit Monaten Reis in die alte Waschkaue auf der Westfalenhütte. Dort brutschelt der Wok, die Kaue ist zur Küche geworden. Koch Tiau rührt das Wok-Gemüse mit einem Spaten um. Zu Mittag gibt es Reis mit Fleisch, abends auch. Und was wird morgens serviert? „Reis” sagt Tiau – natürlich auf Chinesisch.
Gut 60 kg des Getreides vertilgen täglich allein die 150 Monteure, die derzeit die Warmbreitbandstraße zerlegen. Mehrere 100 m lang ist der gigantische Backsteinbau, in der die Walzen der Anlage jahrelang Stahlstränge herunterwalzten, von Zentimetern auf Millimeter. Jetzt ist Bauleiter Gangping Wu dabei, das technische Monstrum, das „Herzstück” des Hüttenwerks, zu demontieren.
Mit Schraubenschlüsseln und Schneidbrennern rücken die Chinesen der Straße zu Leibe. Jedes Einzelteil der zerlegten Walzstraße wird anschließend nummeriert und beschriftet.
Unter ihren Händen hat sich in den letzten Monaten das Gelände des ehemaligen Vorzeigewerks in eine unansehliche Industriebrache verwandelt.
B. 1378.10022.00, dahinter ein chinesisches Schriftzeichen – ein Stück vom Förderband der Hochöfen 4 und 7, den ein anderer Trupp abgebaut hat. Ausgeweidet stehen die Stahlkolosse da, nur noch einige Gerüste, Rohrleitungen und die Ofensau sind zu sehen: Diese bildet den Fuß des Ofens unterhalb des Abstichloches, war gefüllt mit Tonnen flüssigen Eisens. Doch die Öfen sind erloschen, das Eisen erstarrt zu einem Block. Den gilt es jetzt abzuwracken, denn alle brauchbaren Teile sind längst verschifft. Auch die riesige Sinteranlage, die die Erze für den Hochofen aufbereitete, haben die chinesischen Bautrupps längst „atomisiert“ und in Container verpackt.
Gut 6000 km entfernt in China lassen die Techniker den Demontagefilm rückwärts laufen und bauen die Sinteranlage wieder auf. Eine „Dioxin-Schleuder“ war die Sinteranlage, die Eisenerz zu größeren Klumpen verbackt, zu Dortmunder Zeiten. Jetzt ist die Luft rein in der Revierstadt und die Industriegeschichte verflüchtigt sich.
Gut 10 km im Dortmunder Süden liegt die andere große Baustelle. Hier, am Standort Phoenix demontieren die Chinesen derzeit das Stahlwerk samt Strangguss-Anlage. Die Werksbahn, der „Feurige Elias“, fährt seine letzten Einsätze: Jahrzehntelang hat sie Eisen von der Westfalenhütte zum Stahlwerk nach Hörde gekarrt und auf dem Rückweg Stahlstränge – meterlang, tonnenschwer und zentimeterdick – zur Warmbreitbandstraße auf der Westfalenhütte gebracht.
Dieser Stahltourismus war teuer und ein Standortnachteil des Hüttenstandorts Dortmund. Hier kann Stahl nicht mehr zu konkurrenzfähigen Preisen erzeugt werden – 6000 km entfernt im Reich der Mitte allerdings sehr wohl.
Ist das Stahlwerk erst einmal verschwunden, wird das Gelände ausgekoffert und geflutet – es soll der Phoenix-See entstehen.
Dafür läuft jetzt ein 250 000 t schweres Puzzle-Spiel ab. Sechs Tage die Woche pendeln die Chinesen zwischen ihren Quartieren in umgebauten Werkstätten und alten Büros des Weißblech-Produzenten Rasselstein-Hoesch zur modernsten Ruine Europas, arbeiten zehn Stunden – von 7 bis 12 und von 13 bis 18 Uhr – und kehren dann „heim” zu ihren Doppelstockbetten und Sechs-Bett-Zimmern. „Jugendherberge” nennt Xiaojum Ju die Unterkunft. Ju spricht Deutsch. „Schließlich habe ich Deutsch studiert”, sagt der Monteur, dem auch die Aussprache von „Hydraulik-Aggregat” keine Probleme bereitet. Er ist Chefdolmetscher und lässt sich „Toni” nennen, der Einfachheit halber.
Das ist gute Arbeit hier in Dortmund, meint sein Kollege Wang Yong Gui. Ein Heimataufenthalt? „Es ist noch nichts geplant“ sagt Gui. Urlaub, Besuche der Familien? Freundlich lächelt der Chinese, so wie seine Kollegen lächeln und so wie er immer lächelt, antwortet aber nicht. Gui kennt sich im Anlagenbau aus. Das ist ein Projektgeschäft, das zügig abgewickelt werden muss. En block, Augen zu und durch, wie es in Deutschland heißt und von den Chinesen übernommen wird. Gui weiß das. Und überhaupt: „Jeder bekommt doch eine Telefonkarte von der Firma.“
Dortmund zeigt sich nicht von seiner gastlichsten Seite. Die ThyssenKrupp-Stahl-Fachleute hatten in Bezirksvertretungen und den Wohnvierteln rund um das Werk über den Besuch aus Fernost informiert und um Kontakte geworben. Doch bei einem Freundschafts-Fußballspiel der Chinesen gegen eine deutsche Auswahl verirrten sich nur wenige Dutzend Dortmunder zum Fußball-Platz im Hoesch-Park. Der obligatorische Besuch zum Heimspiel von Borussia Dortmund war keine Einladung des Vereins, sondern wurde aus der TKS-Kasse bezahlt. Genauso wie die Fahrt zum Rhein, wo es ja bekanntlich so schön ist. Ansonsten arbeiten die Chinesen mit Sondergenehmigung des Gewerbeaufsichtsamts 60 Stunden die Woche und ruhen am Sonntag – so wie Dortmund ruht: „Da ist in der Stadt sowieso nichts los“, wie eine TKS-Projektbetreuerin meint.
Aufsehen gibt es nur mal, wenn der 30 t schwere Staubsack, ein meterhohes Ungetüm aus Stahl, durch Dortmund Richtung Hafen transportiert wird. Dann müssen schon mal Straßenschilder und Ampeln weichen, weil der Sack zu sperrig ist.
Derzeit fordert das technisch anspruchvollste Demontageprojekt die chinesischen Arbeiter – der Abbau der Warmbreitband-Straße. Eine Unzahl von Walzgerüsten, Rollen, Trägern, eine aufwändige elektronische Steuerung, das Ganze verteilt auf mehrere 100 m Länge, gilt es zu dokumentieren, zu zerlegen und verpacken und dann wieder aufzubauen. Dass Hochöfen aus Dortmund im Reich der Mitte wieder erfolgreich angeblasen werden können, haben die Chinesen bereits bewiesen. 1999 bauten sie in Dortmund-Hörde einen Hochofen ab, der in der Heimat bereits wieder Eisen produziert. Aber eine Warmbreitband-Straße? Die Puzzler werden es schaffen, so wie sie bislang alles bewältigt haben und alle gesetzten Zeitziele unterboten.
Da bleibt vielleicht auch gar kein Raum für Besuche oder Kontakte zu den „sturen“ Westfalen in Dortmund. Dabei ist man sich auf vielen Gebieten näher als man denkt. Klar, was für den Dortmunder die Kartoffel ist, ist für den Chinesen der Reis. Aber Sauerkraut und Kassler sind Menüs, die multikulturell sowohl am Borsigplatz als auch in China-Town auf dem Mittagstisch stehen.
MARTIN ROTHENBERG

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