Stahl 20.05.2005, 18:38 Uhr

Stahlkocher schöpfen Gewinn aus dem Branchen-Boom  

Die Tarifparteien in der Stahlindustrie haben sich geeinigt. Der soziale Frieden wurde zwar gewahrt, doch der Abschluss ist umstritten. Der Unternehmer Jürgen Großmann setzt lieber auf Gewinnbeteiligung in guten Stahlzeiten.

Entspannung breitete sich aus in Deutschland nach der Tarifeinigung in der deutschen Stahlindustrie, die am Wochenende vor Pfingsten erreicht wurde. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) äußerte sich erleichtert: „Ich bin froh, dass ein Streik vermieden worden ist.“

IG-Metall-Chef Jürgen Peters wertete die Einigung als „überdurchschnittlich gutes Ergebnis.“ Die Entschlossenheit der Beschäftigten, ihre Forderung über einen Arbeitskampf zu vertreten, habe Wirkung gezeigt, erklärte Peters. Die Jahre des Verzichts seien vorüber.

Der Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbandes Stahl, Helmut Koch, meinte nach der Einigung: „Unter dem Druck eines Arbeitskampfes können und wollen wir mit diesem Abschluss leben. Wir haben einen Streik mit erheblichen Folgen für uns und die Volkswirtschaft vermeiden können.“

Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, schlägt stärker in die Kerbe: „Man hat hier nicht widerstanden, eine überproportionale Lohnerhöhung zu machen, die voll in die Preiskalkulation eingehen wird“, sagte er. Die Vereinbarung sei auch vor dem Hintergrund einer recht guten Stahlkonjunktur nicht angemessen. Es wäre besser gewesen, eine Einmalsituation wie den jetzigen Stahlboom mit einer Einmalzahlung zu bedienen und die proportionale Steigerung deutlich niedriger zu halten.

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) spricht sogar von einem „erpressten Tarifabschluss.“ Laut Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt ist der Abschluss selbst für die boomende Stahlbranche nur schwer verkraftbar. „Der von der IG Metall durch massive Streikandrohungen erreichte Tarifabschluss ist auf keinen Fall auf weitere Branchen übertragbar“, erklärte Hundt.

Ralph Labonte, Arbeitsdirektor bei ThyssenKrupp, dem größten Stahlhersteller Deutschlands, zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis: „Der soziale Frieden ist gewahrt worden“, erklärte er in Duisburg. Der Abschluss sei in seiner Höhe zwar schmerzhaft, aber gerade noch vertretbar. Bei ThyssenKrupp liegt der Anteil der Personalkosten an den Gesamtkosten mit knapp 30 % in etwa gleichauf mit den Rohstoffkosten. Beim Einkauf von Eisenerz und Kohle mussten die Stahlhersteller zuletzt 70 %ige Preiserhöhungen hinnehmen. ThyssenKrupp meldete trotzdem dank des Stahlbooms am 13. Mai für das 1. Quartal 2005 eine Steigerung des Vorsteuerergebnisses im Segment Steel um 36 % auf 344 Mio. €.

Jürgen Großmann hingegen, Alleineigentümer der Georgsmarienhütte Holding, sieht wiederum vieles anders als die Mehrheit in der Stahlindustrie: „Es wurde die Chance vertan, ergebnisabhängige Komponenten in die Tarifregelungen einzubauen. Die Abschlüsse gehen immer nur in eine Richtung.“ Schwierigkeiten könnten auftauchen, wenn die Stahlnachfrage zurückgehe. Großmann beziffert für sein Unternehmen die Erhöhung der Produktionskosten pro t Stahl auf knapp 1 %.

Der Tarifabschluss in Dortmund sieht eine Erhöhung der Löhne und Gehälter für die 85 000 Beschäftigten in Westdeutschland von 3,5 % für eine Laufzeit von zwölf Monaten vor. Die Erhöhungen würden ab September wirksam. Die West- Abschlüsse sind inzwischen auch in Ostdeutschland übernommen. Zusätzlich sollen die Beschäftigten eine Einmalzahlung von 500 € erhalten. Auszubildende bekommen einmalig 100 €.

Die Gewerkschaft hatte ursprünglich 6,5 % mehr Geld gefordert und sich dabei auf die derzeit gute Ertragslage der Stahlunternehmen berufen. Die Arbeitgeber hatten 2,4 % plus einmalig 800 € geboten. Die jetzt erreichte Regelung bringt den Stahlbeschäftigen weniger, als Großmann seinen Beschäftigten in der Georgsmarienhütte bei Osnabrück zahlt. Jeder von ihnen bekommt nämlich für das gute Stahljahr 2004 rund 3500 €.

Der promovierte Eisenhütteningenieur und weltläufige Jürgen Großmann, hatte immer schon andere Ansichten als viele seiner Stahlmanager-Kollegen. Das war schon Anfang der 90er Jahre so. Damals wollte er als einer der jüngsten Vorstände der Stahlindustrie einen Elektrolichtbogen für Schrottschmelzung an den „trockenen“ Standort Georgsmarienhütte der damaligen Klöckner-Werke haben.

Durch ein Management-Buy-out kaufte er die marode Georgsmarienhütte mit anderen Geldgebern für 2 DM. Heute ist der Gleichstromlichtbogenofen mit 125 t Abstichgewicht Dreh- und Angelpunkt der Rohstahlproduktion in der Hütte (820 000 t). Und er wurde zum Zündfunken für die Entwicklung eines kleinen Stahlimperiums aus jetzt 41 Firmen mit 1,04 Mio.t Rohstahlproduktion insgesamt und 1,5 Mrd. € Gruppen-Umsatz in 2004.

„Wir haben eine andere Unternehmenskultur“, betont Jürgen Großmann (53) immer wieder. Die bleibt wohl erhalten, wenn der umtriebige Vorsitzende der Geschäftsführung 2006 in den Aufsichtsrat wechselt. Neuer Vorstand wird Peter van Hüllen (53), der der Geschäftsführung lange Jahre angehört – und schon Vertrauter Großmanns war, als die Georgsmarienhütte noch zu Klöckner gehörte.

Heute residiert Großmann mit seiner Holding in erster Lage an der Außenalster in Hamburg. Er wird auch in Zukunft oft in Georgsmarienhütte sein, denn eine halbe Stunde Autofahrt von der Hütte entfernt in der Altstadt von Osnabrück betreibt er das Nobelrestaurant „La Vie“, das einen Michelin-Stern hat. Es wirft keinen Gewinn ab, aber Großmann macht es mit Freude – wie alles, was er anpackt. RTS/GM/KÄM

Von Rts/Gm/Käm
Von Rts/Gm/Käm

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Kunststofftechnik

motan holding gmbh-Firmenlogo
motan holding gmbh Senior Product Manager (m/w/d) Konstanz
Orafol Europe GmbH-Firmenlogo
Orafol Europe GmbH Projektingenieur (m/w/d) als befähigte Person im Explosionsschutzbereich Oranienburg
über MPS Personalberatung-Firmenlogo
über MPS Personalberatung Teamleiter Produktentwicklung (m/w/d) Wässrige Lacke / Beschichtungssysteme Großraum Stuttgart
Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Kunststoffverarbeitung (W 2) Merseburg
pinta acoustic GmbH-Firmenlogo
pinta acoustic GmbH Produktmanager (m/w/d) Maisach

Alle Kunststofftechnik Jobs

Top 5 Werkstoffe

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.