Kunststoffe 25.01.2002, 17:32 Uhr

Ressentiments der vergangenen Jahre zurückgedrängt

Deutschland ist in der Forschung für die Praxis mit Kunststoffen Weltspitze. Heute ist die Kunststoffverarbeitung zu einer Schlüsseltechnologie und -disziplin der Ingenieurwissenschaften geworden. Auf jeden Absolventen des Instituts für Kunststoffverarbeitung in Aachen warten mehrere Stellenangebote von Firmen, mit denen das Institut kooperiert.

Plastik hat in knapp 100 Jahren Produktion und Verbrauch revolutioniert. Die Schreibmaschine war vor einigen Jahrzehnten hauptsächlich noch ein Kunstwerk aus Metall, der PC besteht im wesentlichen aus Kunststoffen, das Handy auch. Für ganze Generationen von Jugendlichen und jung gebliebenen Älteren bereichern Kunststoffe die Freizeit: früher mit Hula-Hoop-Reifen, heute mit dem Skateboard. Gerade der wachsende Freizeitwert des nahezu beliebig formbaren Werkstoffs, meint Professor Ernst Schmachtenberg vom Institut für Kunststoffverarbeitung (IKV) an der Technischen Hochschule Aachen, hat Ressentiments der 80er und frühen 90er Jahre inzwischen zurückgedrängt: als der Kunststoffkuli aus dem Grundstoff Öl, der „endlichen Energie“, vielen verpönt war und der „Bleistift in Tropenholz gefasst sein musste“, bemerkt er mit Ironie. Heute ist die Kunststoffverarbeitung zu einer Schlüsseltechnologie und -disziplin der Ingenieurwissenschaften geworden, mit Exzellenzzentren in Aachen, Erlangen oder Paderborn, aber auch an Fachhochschulen wie Iserlohn oder Rosenheim. Der akademische Erfolg geht einher mit dem Markterfolg. Kunststoffe ersetzen Metalle, Glas, Holz(platten) – und so gar sich selbst, zum Beispiel mit der DVD (Digital Versatile Disc) als Alternative zum herkömmlichen Videoband. Sie eignen sich hervorragend für Hybridbauteile aus unterschiedlichen Werkstoffen. Von den Reifen ganz abgesehen, besteht das Auto bereits heute zu 20 % aus Plastik in Zukunft werden auch tragende Teile daraus gefertigt, so Schmachtenberg. Der Traum vom vollständigen Keramik-Motor ist hingegen ausgeträumt. Keramik ist extrem langlebig, aber auch extrem brüchig. Alles, was mit der immer weiter um sich greifenden Elektrotechnik zu tun hat, braucht Kunststoff, schon einfach zur Isolierung.

Die Kunststoffverarbeitung gehört in Forschung und Lehre zum Fachbereich des Maschinenbaus. Denn Kunststoff zu Gegenständen formen zu wollen heißt, dafür geeignete Maschinen zu entwickeln. Ein Beispiel sind Spritzgießmaschinen, die ein Formteil aus mehreren Kunststoffen (Komponenten) vollautomatisch in einem Fertigungsschritt herstellen Bauteile aus unterschiedlichen Werkstoffen müssen nicht außerhalb der Maschine zusammenmontiert werden. Eine Spezialität des IKV: Mikropräzisions-Spritzgießen kleinster Bauteile von höchster Qualität. Optimiert wird die Herstellung durch rechnergestützte Simulationen mit einer eigenen IKV-Software.

Deutschland ist in der Forschung für die Praxis mit Kunststoffen Weltspitze. Das zeigt schon die Rednerliste auf den Jahrestagungen der amerikanischen Society of Plastic Engineers. Ein deutsches Problem ist nur der Mangel an Ingenieuren, die im Hauptstudium die „Vertiefungsrichtung“ Kunststofftechnik gewählt haben. Das IKV hat im Augenblick rund 200 Hauptfachstudenten. Die Betreuung ist optimal: Neben drei Professoren dienen 80 wissenschaftliche Mitarbeiter als Coaches. Praktisch jeder Studierende kann auf einer der 300 Hilfskraftstellen des Instituts zugleich Geld verdienen, an der vordersten Front der Forschung. Allein die Forschungsaufträge aus der Wirtschaft belaufen sich jährlich auf 5 Mio. ‹. Auf jeden Absolventen des IKV warten zumindest sieben Stellenangebote von Firmen, mit denen das Institut kooperiert. Das Einstiegsgehalt des Diplomierten liegt bei 45 000 ‹ im Jahr, schätzt Schmachtenberg, der Doktor fängt mit 60 000 ‹ an.

Das IKV fördert gleichermaßen die Spitzen- wie die Breitenausbildung. Im Auftrag des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks ist es verantwortlich für Lehrgänge an mehr als 60 Kunststoff-Kursstätten von Rostock bis Konstanz, von Saarbrücken bis Dresden. Sie wenden sich beispielsweise an Installateure, Dachdecker oder Elektrotechniker. Das Handwerk ist der Marktmacher für die Kunststoffprodukte und die dahinter stehende Ingenieurkunst. Bei allen Verwendungsmöglichkeiten von Kunststoff verschließt sich Professor Schmachtenberg keineswegs einer „Technikfolgenabschätzung“. Allein die privaten Haushalte entsorgen Jahr für Jahr 1,4 Mio. t Kunststoff-Abfall. Es dauert 600 Jahre, bis eine Plastiktüte sich in ihre Bestandteile zersetzt. Es gibt inzwischen zwar auch biologisch abbaubare „Öko-Kunststoffe“. Nestlé hat beispielsweise schon 1998 einen kompostierbaren Joghurt-Becher auf den Markt gebracht, ihn aber schon nach sechs Monaten zurückgezogen. Die Kunden – so zeigte sich – wollen den höheren Preis nicht zahlen. Deshalb hat sich die Politik vorrangig für das Recyclen entschieden und ansonsten für die Mülldeponie. Aus Schmachtenbergs Sicht handelt es sich um eine politische Fehlentscheidung. Er plädiert für das Verbrennen, als Rückgewinnung von Energie aus dem ursprünglich energietragenden Rohstoff. Weil die Politik das nicht will, ist „Technikfolgenabschätzung“ rund um den Kunststoff für Schmachtenberg im Kern „Politikfolgenabschätzung“.

HERMANN HORSTKOTTE

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