Kunststoffe 15.10.1999, 17:23 Uhr

Pils-Genuß aus der Plastikflasche

Die Karlsberg-Gruppe füllt als erste Brauerei in Deutschland ihr Pils in Flaschen aus Polyethylenterephthalat (PET) ab. Karlsberg-Chef Weber ist nach Verbraucher-Tests davon überzeugt, dass sich die vom 9. bis 14. Oktober auf der Kölner Ernährungsmesse Anuga präsentierte Kunststoff-Verpackung im Bier-Markt durchsetzt.

Wenn in Zukunft Fußballfans miteinander anstoßen, wird es nicht mehr „kling“ machen, sondern „plock“. Und vor Scherben muss nun keiner mehr Angst haben – das ist die Vision von Richard Weber. Anlässlich der Vorstellung seines Berichts über das abgelaufene Geschäftsjahr freute sich der Vorstand des Karlsberg-Verbundes schon Ende September auf die Ernährungs-Messe Anuga in Köln, um dort die neueste Pioniertat seines Hauses – Bier in Deutschland erstmals in Flaschen aus dem Kunststoff Polyethylenterephthalat (PET) abzufüllen – dem breiten Publikum zu präsentieren.
„Auf dem deutschen und internationalen Markt werden Gebinde-Innovationen immer wichtiger“, sagte Weber in Saarbrücken. Er hatte bereits vor einem Jahr als erster deutscher Brauereivertreter Bier in der PET-Flasche präsentiert – und damit in der gesamten Bundesrepublik viel Aufsehen erregt. Die grünen Kunststoff-Flaschen hatten damals einen Schraubverschluss und waren mit Karlsbräu, der internationalen Marke der Homburger Brauerei, gefüllt. Weber ließ sie in Frankreich testen – mit Erfolg. Nun soll die Flasche auch in Deutschland eingeführt werden. Auf dem hiesigen Markt wird sie allerdings mit einem Kronkorken verschlossen.
„Wir haben auf dem deutschen Markt einige Tests durchgeführt, aber dabei waren wir natürlich sehr vorsichtig“, erklärte Weber, der sich gerne als „Plastik-Pionier“ sieht. „Wir sind die ersten mit Bier in PET-Flaschen auf dem deutschen Markt“, freut sich der geschäftsführende Gesellschafter angesichts der Anstrengungen seiner Kollegen, denn andere Brauereien würden hinter verschlossenen Türen ebenfalls mit dem neuen Material experimentieren. Weber glaubt, deshalb, dass diese Nachricht bei einigen Mitbewerbern „wie eine Plastik-Bombe“ einschlagen wird.
So mancher Brauer hat sich laut Weber längst für die PET-Flasche als Verpackungsmöglichkeit entschieden – ohne Angst vor der ablehnenden Haltung der Verbraucher. Und sie hätten mit der Einführung der Bier-Dose in den 50er Jahren durch Karlsberg schon früher so einiges verkraften müssen.
Der Konzernstratege ist sich nach den Tests sicher, dass Verbraucher in Deutschland die Flasche akzeptieren werden. Immerhin ist die PET-Flasche vielen als Verpackung für Coca Cola oder Mineralwasser – Vorreiter war Gerolstein – ein Begriff. Der Brauer will aber keineswegs ausschließlich auf die neue Verpackung setzen. Die PET-Flasche soll ein zusätzliches Angebot im Verpackungsmix sein.
„PET ist eine Hightech-Verpackung erster Güte“, erklärte der Karlsberg-Chef. Die Flaschen seien druckstabil und nahezu unzerbrechlich. Weber: „Wenn sie herunterfallen, gibt es keine scharfkantigen Splitter.“ Ein weiteres Argument sei das geringe Gewicht der Flaschen: Die 0,33 l fassende PET-Flasche Typ Longneck (also mit langem Hals), in die Weber sein Premium-Pils füllen will, wiegt in gefülltem Zustand 525 g, die gläserne Variante 718 g.
In Bezug auf die Umwelt lobte Marketing-Chef Uli Grundmann die Flaschen aus Kunststoff, weil sie zu 100 % recycelbar seien. Das Granulat könne beispielsweise in der Herstellung von Textilien aus PET-Granulat oder für Dämmstoffe in der Automobilindustrie genutzt werden.
Grundmann rechnet darüber hinaus damit, „dass in sechs bis zwölf Monaten die PET-Flasche zur Mehrweg-Flasche wird“. Das würde ihr einen großen Vorteil gegenüber den Dosen bescheren.
Geschmacklich soll sich laut Karlsberg-Führung nichts an ihrem Pils ändern, wenn es in PET daherkommt. Fragen nach leichtem Verschalen durch erhöhte Diffusion der Kohlensäure aus dem neuen Kunststoff-Gebinde verwarf Vorstand Weber mit den Worten: „Das Bier bleibt sogar länger frisch als in herkömmlichen Plastikflaschen.“ Dafür sorge eine zwischen zwei Lagen aus PET eingebettete „Nylon-Barriereschicht“. Die Multilayer-Flasche wird vom Verpackungshersteller Schmalbach-Lubecca, Ratingen, produziert.
Karlsberg will sein Ur-Pils in Plastik vor allem bei Freiluft-Veranstaltungen wie Fußballspielen oder Konzerten anbieten, weil dort laut Marketingchef Uli Grundmann die Vorteile am besten zur Geltung kommen. Sein Wechsel-Argument für die Pils-Fans hat er schon auf Plakat: „PET-Flasche statt Schwabbelbecher“. Die nahezu unzerbrechliche Gebinde-Alternative hat allerdings einen harten Preis. Die PET-Flasche soll zwischen 1,49 DM und 2 DM kosten – „im internationalen Vergleich durchaus üblich“, wie Grundmann meint. Praktischerweise hat Karlsberg mit dem Unternehmen Compop selbst einen Event-Veranstalter im Verbund. Zudem will die Brauerei ihr Bier auch auf Flug-, Bahn- oder Schiffswegen in PET verkaufen.
Auf vielen Flaschen steht nicht der Name der Brauerei. Denn zum Unternehmensverbund gehört neben Bier (Karlsberg, Königsbacher und die Brasserie Karlsberg in Frankreich) auch das Segment alkoholfreier Getränke. So schenkt Weber neben Coca Cola – per Vertriebskonzession – und Merziger Fruchtsäften auch die norddeutsche Marke Klindworth aus. Neu im Verbund sind außerdem die Marke Lindavia und die französische Cidou. Die nonalkoholischen Getränke sollen ebenfalls in PET-Flaschen abgefüllt werden. „Wir haben jetzt ein Verfahren entwickelt, bei dem Fruchtsäfte auch mit 80 oC abgefüllt werden können“, freut sich Karlsberg-Leiter Weber. Bislang konnten Flaschen aus dem Kunststoff so hohe Temperaturen nicht vertragen. Die Fruchtsaftgetränke sollen allerdings einen Schraubverschluss erhalten.
Das Saft- und Softsegment macht 270 Mio. DM des Umsatzes von insgesamt 925 Mio. DM aus. Das Ergebnis ist das beste in der Karlsberg-Geschichte – und angesichts eines stagnierenden Biermarktes erstaunlich. Immerhin hat der Umsatz um 4,5 % zugenommen, während sich anderenorts Brauereien mit roten Zahlen quälen. Sein Wachstum verdankt der Karlsberg-Verbund neuen Sorten wie Desperados oder Königsbacher Zischke – und dem französischen Durst.
Für den Markt im Nachbarland produziert Weber ein milderes Bier. Insgesamt erwirtschaften alle Segmente auf der französischen Seite einen Umsatz von über 300 Mio. DM mit rund 400 Mitarbeitern. In Deutschland beschäftigt Karlsberg rund 600 Mitarbeiter.
Der Pro-Kopf-Verbrauch für Bier ist im vergangenen Jahr um 3 % auf 127 l gesunken. Seit 1994 sind die Deutschen laut Statistischem Bundesamt immer seltener bierselig. „Im Jahr 2010 wird es von heute 1100 Brauereien in Deutschland nur noch 600 geben“, glaubt deshalb Weber, dessen drei Brauereien ein schwaches Umsatzplus von 1 % (auf 562 Mio. DM) ausweisen. „Eine Brauerei würde ich nicht mehr kaufen“, fügte der Karlsberg-Chef angesichts der Malaise anderer saarländischer Brauhäuser hinzu. In einigen Jahren soll stattdessen das Segment alkoholfreier Getränke 50 % des Umsatzes in die Kasse spülen.
Trotzdem will Karlsberg sich seinen Platz als Nr. 6 in der Liste des „Weltbier-Reports“ erhalten. Der nächste innovative Marketing-Schritt: Das Pils in der PET-Flasche soll in Kürze auch im Internet bestellbar sein.
CORDELIA BECKER/Si
Richard Weber: „Wir sind die ersten mit Bier in PET-Flaschen auf dem deutschen Markt.“ Überwiegend noch im Glas werden die alkoholfreien Getränke angeboten. Doch soll bald auch hier der Wechsel zum Kunststoff-Gebinde folgen.
Dieser „Plastik-Pionier“ bei deutschem Bier soll in sechs bis zwölf Monaten zur Mehrweg-Flasche werden.

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