Kunststoffe 05.02.1999, 17:20 Uhr

Parkbank ade

Was ist die beste Verwertung von Altkunststoffen aus der Gelben Tonne? Weder dem werkstofflichen noch dem rohstofflichen Recycling gelang es, sich lukrative Märkte zu erschließen. Die DKR will künftig mehr Material in Chemie- und Zementindustrie einsetzen.

Noch vor wenigen Jahren schien alles einfach: Alte Verpackungen aus Kunststoff, die der Verbraucher fein säuberlich in die Sammlung des Dualen Systems gibt, werden dazu genutzt, um wieder Kunststoffprodukte herzustellen. Das spart Rohstoffe ein und verkleinert die Abfallberge. So entstanden aus dem Kunststoffmix Parkbänke, Gartenpfähle, Rasengittersteine und Schallschutzwände. Bald wurden Sortierverfahren entwickelt, um die Altkunststoffe in Sorten aufzutrennen. So konnten aus Flaschen wieder Flaschen, aus Folien wieder Folien, aus Bechern wieder Becher werden.
Während Medien und Öffentlichkeit diesen Aufbau von Kreisläufen honorierten, bezweifelten Insider der Branche bald, ob die großen Mengen an Kunststoffen aus dem DSD – jährlich rund 600 000 t – auf diese Weise sinnvoll verwertet werden können. Bald zeigte sich, daß Parkbänke und Pfähle aus Recyclingkunststoff nur in begrenzter Anzahl abzusetzen waren. Und die höherwertige Verwertung stellte die Beteiligten vor ein Dilemma: Einerseits erwies sich die automatische Sortierung der Kunststoffsorten als kostspielig, andererseits war klar, daß nur aus sortenreinen Fraktionen hochwertige Produkte entstehen können.
Mittlerweile stellen auch Wissenschaftler an das Recycling ehrgeizige Bedingungen. So kommt das Fraunhofer Institut für Lebenmitteltechnologie und Verpackung in München zu dem Schluß, daß werkstoffliches Recycling nur dann ökologisch sinnvoll ist, wenn Neukunststoff zum einen im Verhältnis 1:1 substituiert wird, gleichzeitig das Produkt mindestens dreimal so lange hält und 85 % leichter ist als das entsprechende Teil aus Holz oder Beton.
Die Deutsche Gesellschaft für Kunststoffrecycling (DKR), Köln, die als DSD-Tochter für die Verwertung der Kunststofffraktion aus der Gelben Tonne verantwortlich ist, entdeckte bald im rohstofflichen Verwerten eine Alternative. So nutzen die Stahlwerke Bremen und Ekostahl alte Kunststoffverpackungen in der Stahlerzeugung als chemisches Reduktionsmittel zur Umwandlung von oxidiertem Eisen. Das Sekundärverwertungszentrum Schwarze Pumpe (SVZ) in Brandenburg dagegen vergast die Polymere und gewinnt daraus den Rohstoff Methanol. In der Kohle-Öl-Anlage der Veba Öl in Bottrop werden bereits seit 1994 Verpackungsabfälle durch Hydrierung verwertet. Dabei entsteht ein synthetisches Öl.
Heute existieren werkstoffliche und rohstoffliche Verwertung nebeneinander. 1999 sollen von den eingesammelten 594 000 t Kunststoffverpackungen knapp 42 % noch in die werkstoffliche Direktverwertung, wobei davon über 80 % als getrennte Fraktionen – Flaschen, Folien, Becher – in separate Kreisläufe münden. 260 000 t sind für rohstoffliche Alternativen vorgesehen.Beide Wege aber stecken in der Krise, keines der Verfahren konnte sich einen ausreichend großen Markt erschließen.
Zwar ist die Palette der Produkte aus dem werkstofflichen Recycling heute über Parkbänke hinausgewachsen – so lassen sich aus alten Verpackungen Kanalschächte, Möbel und Paletten herstellen –, dennoch bleibt ein goßer Anteil von Mischkunststoffen übrig, für die keine sinnvolle Nutzung existiert – nicht zuletzt, weil die Verwerter in den vergangenen Jahren nicht besonders innovativ waren. „Über ein Drittel der Produkte aus Mischkunststoffen sind immer noch Produkte der ersten Stunde“, betont Dr. Wolf Karras, Leiter der DKR-Abteilung Produktmarketing und Vertrieb.
Auch die rohstoffliche Verwertung stößt an ihre Grenzen. Karras: „Sie ist zum einen deutlich teurer als werkstoffliche Wege, birgt zum anderen eine ganze Reihe von Risiken.“ So krankt laut Karras die Nutzung der Kunststoffe in Hochöfen derzeit an der Absatzschwäche für Stahl. Bei der Vergasung mit gekoppelter Methanolsynthese im SVZ Schwarze Pumpe müssen die Altkunststoffe mit anderen Inputmaterialien konkurrieren, auch steckt das SVZ derzeit tief in roten Zahlen. Die Hydrierung schließlich gilt als technisch instabiler Prozeß mit, laut Karras, „nicht akzeptablen Verwertungsaufwendungen“.
Da ist guter Rat teuer. Besonders attraktiv erscheinen der DKR künftig Verwertungswege, die den hohen Energiegehalt des Kunststoffs ausnutzen. Ziel ist der Aufbau von Kapazitäten, die rund 40 % der DSD-Kunststoffe verarbeiten können. Zwei neue Alternativen sind derzeit in der Erprobung: zum einen die Mitverbrennung in Zementwerken, zum anderen der Einsatz der Kunststoffe in der Schwefelsäureherstellung. Details gibt die Gesellschaft noch nicht bekannt, denn, so weiß Karras, „in der Öffentlichkeit ist nur das werkstoffliche Recycling gut angesehen“. Wohingegen rohstoffliche oder gar energetische Verwertung oft mit Verbrennung verwechselt werde und ein entsprechend schlechtes Image hat.
Sicher ist laut DKR, daß „beide Verfahren unter Kostenaspekten der rohstofflichen Verwertung deutlich überlegen sind“. Sicher ist auch, daß bei allen künftigen Alternativen ökologischer und ökonomischer Nutzen stärker als bisher gegeneinander abgewogen werden. Alle Erfahrungen haben gezeigt, daß sich das schönste Recycling nicht realisieren läßt, wenn die Produkte nicht in großem Stil absetzbar sind. Um neue Verwertungswege von vornherein besser einzuschätzen, entwickelt die DKR derzeit ein Instrumentarium, das die Ökoeffizienz von Verfahren bewertet, auf diese Weise Kosten einsparen hilft und zudem die Möglichkeit bietet, Verwertungswege miteinander zu vergleichen.
CHRISTA FRIEDl
Recyclingware wie Pfähle oder Parkbänke haben sich nicht gerade als Rrenner entwickelt. Nur aus getrennt gesammelten Kunststoffen oder säuberlich sortierten Fraktionen (oben Styropor) lassen sich wieder Produkte erzeugen, für die ein akzeptabler Marktpreis erzielt werden kann.

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