Kraftstoff 29.03.2002, 18:33 Uhr

Pack den Bio-Diesel in den Tank

Biodiesel hat unter Berück- sichtigung aller Faktoren und bei entsprechendem Forschungs­­einsatz das Potenzial, zu einem der besten Dieselkraftstoffe, wenn nicht gar in bestimmten Bereichen zum praktikabelsten überhaupt zu werden. Im folgenden Beitrag fordert der anerkannte Dieselmotoren- und Kraftstoff-­Experte Onno Syassen eine offene Wertung der Argumente.

Der Mensch muss lernen, die Energie für sich zu produzieren, wie er in der Vergangenheit gelernt hat, für sich Nahrung zu erzeugen. Denn: Wenn China eines Tages die Verkehrsdichte der Bundesrepublik erreicht, fahren dort 600 Mio. Fahrzeuge. So viele wie heute weltweit. Wo kommt in Zukunft die Energie für diese Mobilität her?

Unsere Gesellschaft ist in hohem Maße spezialisiert, und daraus folgend ist sie notwendigerweise eine Mobilitätsgesellschaft geworden. Der Austausch von Gütern und Informationen ist die Basis unseres hohen Lebensstandards. Etwa zwei Drittel dieses weltweit pausenlos pulsierenden Güterverkehrs werden mit Hilfe von Dieselmotoren bewerkstelligt, der sparsamsten Wärmekraftmaschine, die es gibt und die noch lange Jahre die effizienteste, praktikabelste Energieumwandlungsmethode bleiben wird – trotz euphorisch propagierter Brennstoffzelle.

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Vor dem Hintergrund der begrenzten und nur mit gewaltigem militärischen und politischen Aufwand zu sichernden Mineralölressourcen einerseits und den gesundheits- und klimaschädlichen Abgasemissionen andererseits hat bereits vor Jahrzehnten die Suche nach erneuerbaren Energien begonnen: sowohl zur Stromerzeugung (Photovoltaik, Windenergie) als auch nach flüssigen Kraftstoffen für den Verkehr. Und bei letzteren haben „nachwachsende“ Pflanzen und Bäume zur Erzeugung von Alkohol (Benzinersatz) oder Pflanzenöl-Kraftstoffen (Diesel) das größte Gewicht. Beide Kraftstoffarten erfüllen die Forderung sowohl nach Ressourcenschonung als glücklicherweise auch nach Umweltvorteilen. Nachwachsende Flüssigkraftstoffe wie Biodiesel und Bioethanol sind damit die wertvollsten Alternativenergien überhaupt.

Neben guten Motor-betrieblichen Eigenschaften und günstigen Emissionen ist der weitgehend geschlossene C02-Kreislauf von 60 % bis 80 % – eine der effizientesten Maßnahmen gegen den Treibhauseffekt – von akuter Bedeutung. Diese Eigenschafts-Kombination ist weitgehend konkurrenzlos. Wenn dazu die wirtschaftlichen Bedingungen auch nur einigermaßen stimmen, müsste man eigentlich weltweite Akzeptanz für die nachwachsenden Kraftstoffe erwarten.

Fragt man aber heute jemanden zum Stichwort „Biodiesel“, hört man zum Beispiel: giftig, Frittengeruch, höherer Verschleiß, Monokultur, krebsfördernd, grundwasserschädigend, schlechte Schmierfähigkeit, problematische Glycerinentsorgung, zu kleine Mengen und Ähnliches. Kaum ein positives Wort. Dabei sind alle diese Aussagen grundsätzlich falsch und zum Teil ins Gegenteil verkehrt oder mindestens nicht ernsthaft nachteilig für Biodiesel oder von mangelhafter Logik. Der Vergleich zwischen der CO2-Einsparung durch den Einsatz von Biodiesel und dem CO2-Effekt einer Hausisolierung ist schlichtweg irreführend.

Dennoch: Biodiesel setzt sich immer mehr durch. Inzwischen bieten ihn in Deutschland und Österreich etwa 1500 Tankstellen an. Etwa 300 000 Fahrzeuge fahren in Deutschland mit reinem Biodiesel. Gegner der Entwicklung argumentieren hartnäckig mit der Behauptung, die mögliche Biodieselmenge sei viel zu gering, um als Zukunftskraftstoff interessant zu sein. Das ist äußerst kurzsichtig. Langfristig, das heißt in einigen Jahrzehnten, könnten 20 % bis 30 % des Dieselkraftstoffbedarfs durchaus durch Biodiesel gedeckt werden, sehr langfristig sogar erheblich mehr.

In Anbetracht der zu erwartenden Diversifizierung der Energie- und Antriebsarten einerseits und der vielen hundert zur Verfügung stehenden Ölpflanzenarten andererseits kann man sich vorstellen, dass Biodiesel den Dieselkraftstoffbedarf der Zukunft weitgehend oder sogar vollständig abdeckt. Wenn man diesen ökonomisch und ökologisch vorteilhaften Weg nur zielstrebig gehen will!

Große Kostenvorteile sind die weitere Benutzbarkeit der weltweit bestehenden, äußerst kapitalintensiven Verteilungs-Infrastruktur und die mittelfristig weitgehend unveränderte Beibehaltung der vorhandenen, erfolgreichen Dieselmotoren-Basis und damit auch ihrer Fertigungseinrichtungen. Das haben wir zu einem erheblichen Teil der Elektronik zu verdanken. Die optimale Einstellung eines Dieselmotors für den Betrieb mit Biodiesel ist naturgemäß etwas anders als die serienmäßige Einstellung für Petrodiesel. Aber die zur laufenden Anpassung an den Betriebszustand inzwischen generell eingeführten Motormanagement-Systeme bieten die Möglichkeit der jeweils besten Einstellungen für den Biodiesel-Betrieb. Und welchen Kraftstoff man im Tank hat, werden in Zukunft Kraftstoff-Sensoren signalisieren, die sich in Erprobung befinden. Qualitäts-Biodiesel kann prinzipiell in allen Dieselmotoren verwendet werden. Die Automobil-Hersteller geben darüber Auskunft, ob der Tausch einiger Weichmaterialen wie Schläuche erforderlich ist.

Den größten Umweltvorteil bietet der Einsatz im Fahrzeugbereich. Aber auch bei hohen Umweltanforderungen im Stationärbetrieb (C02) kann der Einsatz von Biodiesel sinnvoll sein. Beispielhaft ist die Energieversorgung der neuen Regierungsgebäude in Berlin,
u. a. des Reichstages.

Technisch und praktisch liegen wir in Deutschland und Österreich weltweit an der Spitze der Biodieseltechnologie, eines ausbaufähigen Export- und Imagefaktors.

Immer strenger werdende Abgasemissionsanforderungen haben längst die Einbeziehung der Kraftstoffeigenschaften in das gesamt-Optimierungskonzept Motor – Kraftstoff – Abgasnachbehandlung erforderlich gemacht. Insbesondere der von Natur aus mit Sauerstoff angereicherte und auf sehr variablen Fettsäuremustern basierende Kraftstoff Biodiesel besitzt ein sehr großes und preiswertes Potenzial zur Anpassung an verbesserte motorische Brennverfahren. Das liegt unter anderem daran, dass die Beeinflussungsmöglichkeiten hinsichtlich der Eigenschaften umfangreicher und Erfolg versprechender sind als bei fossilen Kraftstoffen (Pflanzen- und Rohstoffwahl, Züchtung, Gentechnologie, Umwandlungsprozess, Mischung, Additivierung ), erfordert aber naturgemäß noch sehr viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit.

Biodiesel hat in der heutigen oder in etwas abgewandelter Form unter Berücksichtigung aller Faktoren – auch der Kosten der Gesamtkette und der C02-Einsparung – das Potenzial, zu einem der besten Dieselkraftstoffe, wenn nicht gar in bestimmten Bereichen zum praktikabelsten überhaupt zu werden. ONNO SYASSEN

Biodiesel

Der inzwischen international übliche Sammelbegriff „Biodiesel“ bezeichnet einen Dieselkraftstoff auf der Basis nachwachsender ölhaltiger Biomasse. Durch einen einfachen chemischen Prozess der Umesterung unter Zusatz von ca. 10 % Methanol können seine physikalischen Eigenschaften denen von Mineralöl-Dieselkraftstoff weitgehend angenähert werden.

Die motorbetrieblichen und die Umwelteigenschaften sind sehr gut. Ursprünglich wurde reines Pflanzenöl eingesetzt, deshalb die Bezeichnung Pflanzenölmethylester, abgekürzt PME. In Deutschland speziell wegen der besonders guten technischen Eignung und der hierzulande günstigen landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen als Rapsölmethylester, RME, bekannt und eingeführt.

Inzwischen werden auch Gebrauchtöle (Frittieröle) und tierische Abfallfette als zusätzliches Rohmaterial verwendet. Diese Entwicklung ist noch im Fluss, vor allem auch, weil es weltweit hunderte von mehr oder minder geeigneten, durch Züchtung optimierbaren Ölpflanzen oder Ölfrüchte tragenden Bäumen (Palmöl) gibt.

Biodiesel ist der weltweit erste genormte regenerative Kraftstoff. O. SYASSEN

 

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