Gestaltung 03.04.2009, 19:40 Uhr

Neue Materialien beeinflussen Produktgestaltung  

Industriedesign bewegt sich: Neuartige Materialien werden zu Impulsgebern innovativer Gestaltung, gleichzeitig fördern neue Wettbewerbe die Ausdifferenzierung des Designs. Die Hannover Messe 2009 ist erneut Treffpunkt der Designer-Szene. VDI nachrichten, Düsseldorf, 3. 4. 09, Fr

Der Stoff, von dem Designer träumen, ist meist ein Alleskönner. Wie Polyurethan. Gleich mehrere Preisträger des iF material award 2009 (siehe Kasten) nutzen seine unterschiedlichen Talente. Zum Beispiel Otto Bock. Das Unternehmen entwickelt aus Polytol, einem Polyurethan-Gießharzsystem, einen laminierten Prothesen-Innenschaft, der besonders flexibel, dauerelastisch und hautverträglich ist, gut haftet und Feuchtigkeit aufnimmt. Das Multitalent Polytol ist jener innovative Stoff, mit dem sich das Designprinzip von Otto Bock – „Form ist Funktion“ – bestens erfüllen lässt.

Wettbewerbs-Juroren dagegen wünschen sich vor allem Design mit umweltverträglichen Materialien. Meist vergeblich. „Beim Thema Ökologie hatten wir erwartet, dass die Industrie hier schon weiter ist und mehr ökologische Materialien anbietet“, resümiert die Jury des iF material award. Jurorin Simone de Waart, Gründerin der Plattform „Material Sense“, will deshalb die Sensibilität für Materialien weiter schärfen und „eine frische, assoziative Verwendung“ fördern. Denn das feine Feeling für Materialien kann ästhetische Prozesse wecken, z. B. das Gespür für Holz.

An der ungewöhnlichen Biografie dieses alltäglichen Stoffs schreibt die 3D-Oberfläche von Vinterio weiter. Die Neuentwicklung aus hochwertigem Holz lässt sich problemlos zu unterschiedlichen Formen und Designs „verbiegen“ oder selbst zu neuen Stil-Ikonen, so wie einst die Bugholztechnik den legendären Thonet-Stuhl ermöglichte. „Innovation inspiriert durch die Natur“, umschreibt Vinterio das Prinzip seiner Oberfläche, für die er einen iF material award erhielt. Auch iF-Gewinner c_change, eine neue Membran-Technologie von Schoeller, folgt den Inspirationen der Natur. Wie Tannzapfen, die sich bei unterschiedlicher Witterung öffnen oder schließen, reagiert die Membran Änderungen der Umgebungs-Temperatur und -Feuchtigkeit. Das macht sie zu einem idealen Stoff für Outdoor-Aktivitäten. Bei schweißtreibendem Joggen beispielsweise öffnet sich die Polymerstruktur, überschüssige Körperwärme und Feuchtigkeit entweichen, die Membran bleibt trotzdem wind- und wasserdicht. Bei Kälte wiederum komprimiert sich die Struktur, ohne ihre Atmungsaktivität zu verlieren. Quasi ergänzend dazu sorgt die Firma POC mit einer besonders leichten Schutzweste für die Rückendeckung von Fans schneller Pisten und harter Bikertouren. Und auch dieser „Protektor“ gewann einen iF-award.

Immer mehr Hersteller und Designer jedoch begnügen sich nicht mehr mit einer einzigen Auszeichnung für ein Produkt oder Verfahren. Mit der Zahl vermarktungstauglicher Trophäen forcieren sie den eigenen Erfolg. Besondere Wertschätzung genießt dieses „Ranking“ im Fernen Osten, bei Firmen aus China, Süd-Korea, Singapur oder Taiwan.

Unternehmen aus dem Fernen Osten nutzen Design-Awards für ihr globales Marketing

Der taiwanesische Liteon-Konzern etwa nutzt seinen Erfolg – in nur vier Jahren gewann er 23 Design-Awards – für sein globales Marketing. Vor allem weil die „Auszeichnungen globales Gewicht besitzen“, wie sich das Unternehmen rühmt. Nun hofft es, dass seine UV-Gel-Tastatur auf der Hannover Messe noch mit iF-Gold gekrönt wird. Die Strahlkraft dazu jedenfalls besitzen die „Beetles“ genannten Tastaturen, die wie artifizielle Leuchtkäfer von Rosa- über Grün- bis zu Blauschattierungen glühen. Und auch das innovative Potenzial.

Neuartiges Design siedelt heute an den Rändern der Disziplinen. Zwischen Ästhetik, Wissenschaft und Technologie wachsen jene Synergien, die Produkte auf ihre Höchstform tunen, getrieben von den Standards internationaler Wettbewerbe. Doch die Normen sind im Fluss, werden neu gewichtet, z. B. durch den universal design award, der sich 2008 als eigenständiger Wettbewerb etablierte. „Neue Einfachheit“ heißt das Prinzip. Prämiert werden „in erster Linie funktionale und ästhetische Produkte, Architektur und Dienstleistungen, die dem Endanwender einen besonderen Nutzwert bieten“, erklären die Juroren. Entsprechend sind auch die Bewertungskriterien auf menschliche Anforderungen redimensioniert: Nutzbarkeit, Flexibilität der Nutzung, einfache und intuitive Bedienung, Fehlertoleranz und Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Ökologie.

Allerdings – das neue Maß der Einfachheit verlangt von Herstellern und Designern ein hohes Maß an konstruktiver Raffinesse, wie Tim Wichmann von Dominic Schindler Creations bestätigt. Schindler hat im letzten und in diesem Jahr für die Fräs- und Drehmaschinen von Gildemeister auch universal design awards eingeheimst. Denn die Maschinen-Konzepte brechen Komplexität tatsächlich auf menschliches Maß: Arbeitsabläufe sind intuitiv und ohne großes Vorwissen beherrschbar, die ausgefeilte Bedienungsergonomie verhindert unnötige Belastung oder Ermüdung.

Die „neue Einfachheit“ jedenfalls ist die Antwort schlechthin auf die fortschreitende Technologisierung, von der sich immer mehr Menschen überfordert fühlen. RUTH KUNTZ-BRUNNER

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