Kunststoffe 07.07.2000, 17:25 Uhr

„Mit dem Kunststoffrecycling geht es jetzt erst richtig los“

Die Technik ist endlich soweit, dass das Recycling wirtschaftlich wird.

Wer heute propagiert, das Recycling der gebrauchten Verkaufsverpackungen aus Kunststoff sei ein Auslaufmodell, irrt. Das Kunststoffrecycling hat eine gewaltige Entwicklung genommen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre seit Einführung des Dualen Systems hat sich quasi aus dem Nichts eine stabile und zuverlässige Branche für die Verarbeitung der gebrauchten Kunststoffverpackungen mit dem Grünen Punkt entwickelt. Das Recycling steht heute vor einem entscheidenden Wendepunkt, den der Fortschritt verursacht: Die industrielle Technik wird mehr und mehr zum zentralen Element des Recyclings.
Beispiel Trenntechnik: Als der gelbe Sack mit der Entscheidung, damit alle Leichtverpackungen zu sammeln, kam, war auf der Stufe der Sortierung aus ökonomischen Gründen nur eine Sortierung der Kunststoffverpackungen nach Artikeln möglich. Es mussten von Hand die großen Flaschen und Folien sowie Becher und Styroporverpackungen heraussortiert werden. Den überwiegenden Teil bilden bis heute die übrig bleibenden vermischten Verpackungen aus unterschiedlichen Kunststoffen. Diese Mischfraktion setzt der Produktion von hochwertigen Recyclingprodukten Grenzen, auch wenn die heute erzeugten Zwischen- und Endprodukte aus Recyclingkunststoff durchaus von einer Qualität sind, die ihnen Märkte erschließt.
Den entscheidenden Durchbruch aber bringt die Sortierung nach Kunststoffsorten. Wir verfügen heute über die Technik, die das Material einer Verpackung erkennt und sauber voneinander trennt. Die vollautomatische Sortec 3.0-Anlage, die derzeit auf der Weltausstellung Expo 2000 die Leichtverpackungen sortiert und verarbeitet, ist ein überzeugendes Beispiel, doch hält die Technik zunehmend auch bei herkömmlichen Sortieranlagen Einzug. Die Trennung nach Sorten wird sich entscheidend auf die Verwertung auswirken. Die steigende Ausbeute beim Produktionsprozess wie auch die Qualität der Produkte wird zu einer höheren Wertschöpfung führen. Damit steigen die Erlöse und – der entscheidende Punkt für uns – damit gehen die Kosten nach unten.
Beispiel PET (Polyethylenterephtalat): An dem für Deutschland noch recht neuen Verpackungskunststoff geht kein Weg mehr vorbei, auch bei den Einwegverpackungen. Vor rund zwei Jahren spielte PET noch kaum eine Rolle. Heute werden immer mehr Erfrischungsgetränke, Kosmetika und Lebensmittel in PET-Verpackungen abgefüllt. Recyceltes PET ist international ein anerkanntes Handelsgut. Das Ausland, insbesondere Frankreich und die USA, haben mit dem Werkstoff langjährige Erfahrung und machen vor, dass die Erlöse der recycelten PET-Produkte den Veredelungs- und Verwertungsprozess tragen können.
In Deutschland stehen wir kurz davor, einen ähnlich erfolgreichen Kreislauf für PET aufzubauen. Die DKR hat ein Veredelungskonzept entwickelt, das im ersten Quartal 2001 in mindestens drei Anlagen umgesetzt wird. Dann werden die gesammelten und aussortierten Flaschen mit dem Grünen Punkt anschließend in diesen Anlagen nach Sorten getrennt. Damit erhalten wir unter anderem eine zu 95 % reine, farblose PET-Klar-Fraktion, die erfolgreich vermarktet werden kann.
Auch bei den Mischkunststoffen gibt es ähnliche Fortschritte. Die vermischten, meist kleinteiligen Verpackungen werden heute überwiegend rohstofflich in großindustriellen Anlagen verwertet. Als Synthesegas dienen sie entweder der Stahl- oder der Methanolherstellung. Diese beiden Verfahren sind bislang der effizienteste Weg für diese Fraktion. Doch bleiben wir auch hier nicht stehen. Wie die VDI nachrichten in ihrer Ausgabe vom 19. Mai 2000 bereits ausführlich berichteten, entwickeln wir mit Partnern ein werkstoffliches Verfahren, das vor allem einen Zweck verfolgt: Es soll die Kostenführerschaft übernehmen und damit für mehr Wettbewerb sorgen.
Der Kern des Verfahrens ist, dass in einem Lösungsmittel Kunststoffe voneinander getrennt werden. Das Ergebnis sind Granulate in hoher Reinheit, deren Eigenschaften von denen von Neuware kaum mehr zu unterscheiden sind. Wir haben in einer Technikumsanlage bereits eine bemusterungsfähige Menge an Polypropylen-Granulat hergestellt, die von namhaften Kunststoffverarbeitern auf ihre Tauglichkeit hin geprüft und für geeignet befunden wurden. Löseverfahren versprechen aber noch mehr. So hat Solvay ein Löse-Recyclingverfahren für PVC entwickelt, das kurzfristig in einer Anlage in Frankreich für das Recyceln von PVC-Planen und in einer Anlage in Italien für das Recyceln von PVC-Kabelummantelungen umgesetzt wird und hochwertiges PVC-Granulat liefert.
Aber: Um unser Ziel, den Wettbewerb zwischen den unterschiedlichen Verwertungsverfahren voranzutreiben, zu erreichen, brauchen wir ein industrielles Umfeld: Wie brauchen Investoren, die eine Großanlage realisieren und die notwendigen Vertriebswege, um in große Märkte zu kommen.
Die Beispiele zeigen eines ganz deutlich: Das Kunststoffrecycling bleibt nicht stehen, wie so mancher Beitrag in der öffentlichen Diskussion den Eindruck erwecken will, sondern entwickelt sich dynamisch weiter. Vielmehr geht es mit dem Recycling jetzt erst richtig los. Das Potenzial, das der technologische Fortschritt hervorbringt, bringt uns einem ökonomisch erfolgreichen Kunststoffrecycling einen großen Schritt näher.
Ein ökoeffizientes Recycling im industriellen Maßstab ist allerdings nur dann denkbar, wenn die Politik den Investoren Planungssicherheit verschafft. Kein vernünftiger Unternehmer wird in ein mittel- oder langfristiges Projekt investieren, wenn die Verlässlichkeit fehlt. Derzeit zeichnen sich zum Beispiel zwischen dem Dualen System und Dienstleistern für Selbstentsorger der Wirtschaft Wettbewerbsverzerrungen ab, die nicht hinnehmbar sind. Zum Beispiel haben unterschiedliche Anforderungen, die an den Aufwand für die Kontrolle des Mengenstroms und der Verwertung gestellt werden, unterschiedliche Kosten zur Folge. Nicht von ungefähr hat die DKR ihre heute reibungslos funktionierenden Kontrollinstrumente entwickelt, um den seriösen Verwertungsunternehmen die notwendige Sicherheit gegenüber unseriös vorgehenden Konkurrenten zu bieten. Von diesen Standards dürfen wir nicht abweichen, um den Fortschritt beim Kunststoffrecycling nicht zu gefährden. WOLFGANG LINDNER
DKR-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Lindner: „Die Technik macht mittlerweile ein effizientes Recycling von PET und Verpackungsabfällen möglich. Was fehlt, sind private Investoren, die im großen Maßstab einsteigen.“

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Lindner

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