Kunststoffe 20.12.2002, 18:23 Uhr

Kunststoffwelt generiert nachhaltiges Wachstum

Den Polymeren sagen die Experten eine ungebrochen positive Entwicklung in der laufenden Dekade voraus. Vorsichtige prognostizieren ein jährliches Mengenwachstum von 3 % bis 4 %, optimistischere Branchenanalysten rechnen mit 5 %. Woher kommt die Zuversicht? Bernd Knörr, Generalsekretär des europäischen Sektorkomitees Euromap und Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinenbau, gibt Antworten darauf.

Neben der positiven Entwicklung neuer Applikationsfelder wie etwa der Kommunikations- oder Medizintechnik, die vollkommen neue Geschäftsfelder erschlossen haben, ist Substitution das Treibmittel für die heutige Positionierung der Kunststoffwelt. In Deutschland nimmt sie im Ranking der größten Zweige des verarbeitenden Gewerbes Platz 7 ein. Hierzulande erwirtschaften Rohstofferzeuger, verarbeitende Unternehmen und der Kunststoffmaschinenbau derzeit ein Umsatzvolumen von rund 64 Mrd. !.
Der Optimismus in der nahezu 400 000 Mitarbeiter beschäftigenden deutschen Vorzeigebranche gründet sich insbesondere auf die zwei Anwendungsschwerpunkte Verpackung und Mobilität. Ohne die Kunststoffverpackung geht beispielsweise bei der Warendistribution fast nichts mehr. Denn gleichgültig ob mit Folie oder mit Hohlkörper, flexibel oder starr verpackt wird – rund 50 % aller Verpackungen werden heute aus polymeren Werkstoffen erzeugt, mit weiterhin zunehmender Tendenz. Der Wachstumstreiber heißt Ökoeffizienz. Und wenn mit möglichst wenig Material möglichst viel verpackt werden soll, sind Kunststoffe unschlagbar. Bezogen auf das Gewicht des Füllguts beträgt das der Verpackung heute nur noch 1 % bis 5 %.
Und noch einige Zahlen, die die Bedeutung der Kunststoffverpackung unterstreichen: ihr Produktionswert stieg in 2001 um 3,2 % auf 8,6 Mrd. !, die Menge um 5 % auf 3,1 Mio. t. Auch das erste Halbjahr 2002 zeigte ein nochmaliges Plus von 4,3 % beim Umsatz und 5,1 % bei der Menge. Den Kunststoff-Folien gelang im Zuge der wachsenden Bedeutung flexibler Verpackungen dabei der größte Wachstumssprung.
Ein erheblicher Anteil an dieser Entwicklung ist dem Innovationspotenzial des Maschinenbaus zuzuschreiben. Waren vor Jahren Dreischichtfolien ein gewaltiger Schritt hin zu neuen Schutzeigenschaften für das zu verpackende Gut, können heute Fünf- oder Siebenschichtfolien, zum Teil mit Barriereeigenschaften gegen Sauerstoff und Gas, in alternative Verpackungskonzepte einbezogen werden.
Auch werden hochtransparente und/oder steife Folien in Breiten bis zu 3 m und einem Dickenbereich von 10 µm bis 200 µm neue Anwendungen finden und somit Wachstum generieren. Und man redet bereits über „intelligente“ Verpackungen, wie etwa Folien, die dem Verbraucher signalisieren, ob das verpackte Gut seit der Abfüllung aufgrund von Eigenschaftsprofilen (Temperatur, Zeit, Belichtung o. ä.) Schaden genommen haben könnte. Vorstellbar ist auch schon der Einsatz integrierter und substanzspezifischer Sensoren sowie elektronischer Auswertungschips auf Basis von Mikrosystemtechnik und Mikroelektronik.
Auf der Maschinenbauseite stehen weiter entwickelte Schneckenkonzepte für niedrigere Schmelzetemperaturen bei verbesserter Homogenisierungsleistung des Extruders, neue Blasköpfe mit kleinerem Schmelzevolumen für kürzere Umstellzeiten, geringerer Materialbelastung, größerer Produktionsflexibilität und aufwendige Folien-Wicklerlösungen mit Direktantrieb der Wickelachse im Vordergrund.
In die Fußstapfen der Folienproduzenten als Wachstumstreiber in der Packmittelbranche treten auch die Hersteller von Kunststoff-Hohlkörpern. In Deutschland hat der Siegeszug der Kunststoff-Flasche aus Polyethylenterephthalat (PET) mit zweistelligen Zuwachsraten in den letzten Jahren ein Potenzial eröffnet, das sich in diesem und in den nächsten Jahren mit ähnlichen Margen fortsetzen wird. Dieser Siegeszug ist ein weltweites Phänomen – ermöglicht durch innovativen Maschinenbau. Hatten PET-Anlagen bis vor kurzem noch eine maximale Ausstoßleistung von 30 000 Flaschen/h, wird heute bereits mit 40 000 stündlich produzierten Losgrößen gearbeitet. Und noch höhere Leistungsbereiche sind schon in der Entwicklungsphase.
Mobilität ist in unserer Gesellschaft ein außerordentlich wichtiger Wirtschaftsfaktor. Dem gegenüber stehen Forderungen, diese umweltfreundlich und ressourcenschonend zu gestalten. Kein Werkstoff ist hierfür besser geeignet als Kunststoff in seinen vielfältigen Modifikationen, sei es in Bus, Bahn, Flugzeug oder Auto.
Enthielt ein Pkw Anfang der 70er Jahre nur rund 5 % (Gewicht) Kunststoffe, so sind es bei der heutigen Kfz-Generation schon 15 % mit Tendenz hin zur 20 %-Marke. Beim Interior werden nahezu alle Teilbereiche wie Instrumententafel, Türverkleidung, Abdeckungen, Himmel etc. auf ihre Kunststofftauglichkeit untersucht und permanent weiterentwickelt. Im Motorraum sind Abdeckungen, schall- und wärmeisolierende Komponenten, Abgaskrümmer und ähnliche Elemente bereits Standard. Man darf gespannt sein, was in den nächsten Jahren im motornahen Umfeld darüber hinaus zur Anwendung kommt.
Experten sehen in der Kfz-Außenhaut das interessanteste zukünftige Anwendungsspektrum. Sobald intensive Feldversuche abgeschlossen sind, dürfte die seitliche Verscheibung mit Kunststoffelementen zum Einsatz kommen. Dank verbessertem Spritzprägen und weiterentwickelter Mehrkomponententechnik stehen Anwendungen bei Streuscheiben und Kunststoffverglasungen vor dem Durchbruch. Weiterentwickelte Polyurethantechniken ermöglichen neben beschichteten Zierteilen für den Innenraum auch die Herstellung von Außenteilen mit Class-A-Oberflächen wie z.B. Dachmodule. Es gibt neue Ansätze für das Vorformen komplexer thermoplastischer Folien, die anschließend hinterspritzt oder hinterpresst werden und der Formgebung hohe Flexibilität bieten. Last but not least wird aktuell die Frage beantwortet, ob der Kunststoff-Kraftstofftank künftig die strengen US-Emissionsgrenzen erfüllen wird.
Es ist zu erwarten, dass sich in den kommenden Fahrzeuggenerationen der Kunststoffeinsatz erheblich verstärken wird, so dass dieses Anwendungssegment (heute 9 % Mengenanteil) den dritten Platz hinter Verpackungen (29,5 %) und Bau (24,5 %) kräftig ausbauen wird. Der Maschinenbau liefert die notwendigen Ausrüstungen, ganz gleich ob Spritzgieß-, Warmform-, PUR- oder andere Verfahrenstechniken zum Einsatz gelangen.
Ihre heutige erfolgreiche Positionierung in den Weltmärkten verdankt die deutsche Kunststoffindustrie dem hierzulande praktizierten „Dreiklang“, d.h. der Zusammenarbeit zwischen Rohstofferzeugern, Kunststoffverarbeitern und Maschinenherstellern. Hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Die aktuellen Trends sprechen dabei eine globale Sprache: die Kunststofferzeuger investieren dort in hohem Maße in neue Produktionsanlagen, wo die Wachstumsmärkte sind. Die Kunststoff verarbeitende Industrie berichtet über zunehmende Exportquoten bei zurückhaltendem Inlandsmarkt. Der Kunststoffmaschinenbau ist ohnehin die Nr. 1 mit Weltmarktanteilen zwischen 25 % und 30 % bei Produktion und Außenhandel.
Sofern sich der erfolgreiche Dreiklang fortsetzt – und warum sollte das nicht der Fall sein – bieten sich der deutschen Kunststoffindustrie eine Fülle von Chancen, die positive Entwicklung der zurückliegenden Jahrzehnte auch künftig fortzusetzen und das optimistische Wachstumspotenzial wahrzunehmen. Zwar rechnet der Maschinenbau aufgrund der weltweiten Konjunkturschwäche für 2003 mit einer eher zurückhaltenden Umsatzentwicklung – in etwa dürfte das Niveau 2002 wieder erreicht werden – aber danach sollten die positiven Signale erneut die Oberhand gewinnen.
BERND KNÖRR/Si

Von Bernd Knörr/Jürgen Siebenlist

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