Kunststoffe 19.02.2010, 19:45 Uhr

Konzentration auf Kunststoff treibt Innovation voran  

Sie stoßen fast täglich an die Grenzen des Machbaren. Für den Igus-Geschäftsführer Frank Blase und seine Entwickler ist genau das der Anreiz, nach leichten und leistungsfähigen Kunststoffmischungen für ihre Produkte zu suchen. In vielen rauen Arbeitsumgebungen laufen bereits Gleitlager und Energieführungsketten der Kölner. Bald soll ein Baukasten für Leichtbauroboter hinzukommen. VDI nachrichten, Köln, 19. 2. 10, ciu

Wer das Igus-Werk in Köln Porz betritt, spürt direkt, dass man sich hier auf das Wesentliche konzentriert. Der Empfang besteht aus den Profilen und Modulen, wie sie auch bei den Montagearbeitsplätzen im Werk zum Einsatz kommen. Trennwände aus Glas geben einen direkten Einblick in die Produktion. Alles ist sauber und erscheint sehr aufgeräumt.

Geschäftsführer Frank Blase verzichtet in seinem Werk gerne auf die Anzugsjacke, die er durch eine funktionale Weste ersetzt. Anstecker mit der Aufschrift „Yes, we can“ und „Ja, machen wir“, lassen ihn ein wenig wie einen Wahlkampfhelfer erscheinen. Die Assoziation zum aktuellen US-Präsidenten ist dabei aber nicht beabsichtigt. „Das Motto haben wir bereits seit den 90er-Jahren“, macht er deutlich. Es stehe auch dafür, dass das Unternehmen mit seinen innovativen Kunststoffprodukten noch vieles möglich machen will.

Es war eine strategische Entscheidung, keine Lösungen aus Metall in das Produktportfolio aufzunehmen, zu dem Energieführungsketten, Leitungen und Gleitlager gehören. „Wir verzichten damit zwar darauf als Vollsortimenter aufzutreten, aber sind auch gezwungen, unsere Lösungen permanent weiterzuentwickeln“, erklärt Blase. Die Folge dieses Vorgehens sei, dass weltweit heute fast alle Energiekettenanwendungen mit Kunststoff gelöst würden, sagt Blase, und in der Lagertechnik nun immer mehr Konstrukteure die Vorteile schmierfreien, leichten Kunststoffs nutzten.

Entsprechend an die Grenzen gestoßen war deshalb auch das Werk, in dem Produktentwicklung, Verwaltung, Produktion und Versand gebündelt sind. Schrittweise werden gerade die um 60 % erweiterten Hallenkapazitäten belegt. Zuletzt eng gedrängte Bereiche wie das Versuchsfeld, die Produktion und Konfiguration von Lösungen, sowie die Verwaltung erhalten dann mehr Raum.

Das war nicht immer so. Blase erinnert sich noch gut an die Zeit, als er in seinen ersten Semesterferien 1979 für das Unternehmen seines Vaters unterwegs war um Kunststoffenergieketten zu verkaufen. „Mein Vater wollte das Unternehmen in den 70er-Jahren als Lohnfertiger für Kunststoffteile in einen Anbieter von Katalogprodukten umwandeln. In meinen ersten drei Monaten habe ich nichts verkaufen können.“ 1980 habe er dann seinen ersten größeren Auftrag für etwa 2000 DM abschließen können, an den er sich noch gut erinnere.

Für Kunststoffe sei es damals eine schwierige Phase gewesen erinnert sich Blase. Nach anfänglich großer Euphorie habe es Rückschläge gegeben, auch weil die Kunststoffteile einfach nach dem Vorbild der Metallteile konstruiert wurden. Auf seinen Verkaufstouren durch ganz Deutschland habe er viele Firmen kennengelernt und sei mit reichlich Kritik konfrontiert worden. Genau das habe aber auch seine Motivation gesteigert.

Kunststoffe haben sich in den vergangenen Jahren rasant weiterentwickelt

„Inzwischen haben sich die Kunststoffe deutlich weiter entwickelt, sie sind genauer und leistungsfähiger“, weiß der Unternehmer. Gleichzeitig wuchs das Wissen über die Kunststoffe und die Eigenschaften in verschiedenen Anwendungen kontinuierlich an.

„Nach einem Jahr weltweiter Krise können wir sagen, dass unser Motto ,Plastics for longer life“ für uns und unsere Kunden nun aufgeht“, sagt Blase. Dabei ginge es um Kunststoffe, die länger halten, neue technische Eigenschaften mit sich bringen und dabei preisgünstiger seien als bisherige Lösungen. Er habe auch kein Problem damit, wenn Kunden von „Plastik“ sprechen: „Das hat sich umgangssprachlich so eingeprägt. Statt von Hochleistungspolymeren zu sprechen, verdeutlicht daher unser Slogan die Sparmöglichkeiten gegenüber anderen Werkstoffen.“ Gerade jetzt spüre er bei den Kunden die Bereitschaft, da etwas auszuprobieren.

Früher wie heute fasziniere es ihn, ein Produkt von der Idee über die Produktion bis hin zur Reaktion beim Kunden zu begleiten. Inzwischen variiere seine Funktion allerdings zwischen „begleiten, vorweggehen, von hinten anschieben oder von der Seite reinschießen“. Es sporne ihn an, als relativ kleines Unternehmen mit eigenen Mitteln im Konzert der Großen mitspielen zu können und Produkte in die ganze Welt zu verkaufen.

Bei der Entwicklung neuer Produkte hält Blase die Konzentration der Unternehmensbereiche an einem Standort für sehr nützlich. Teile dieser Kompetenz ins Ausland zu verlagern, kommt für ihn daher nicht in Frage. „Selbst wenn die Mitarbeiter nicht über den Globus verteilt sind, bleibt die Abstimmung und Kommunikation untereinander eine Herausforderung“, so der Igus-Geschäftsführer. Er nennt es auch „Stärke durch Zentralität“.

Blase selbst ist in seinem Unternehmen immer dort, wo große Veränderungen stattfinden. Bei der Produktentwicklung ist er daher üblicherweise mit dabei. „Da haben wir regelmäßige Treffen, in denen es teils kreativ zugeht und teils um die Abstimmung der Prozesse“, erklärt er. Darauf verwende er jede Woche etliche Stunden. „Phasenweise war ich aber auch mal über ein Jahr zu 80 % bis 90 % in der Produktion, als es um Umstellungen und Lean Production ging. Im Moment haben wir dagegen eine starke Vertriebsphase“, so der Igus-Chef.

Mindestens 50 % des Unternehmens-Know-hows stecken nach seiner Einschätzung inzwischen in den Kunststoffen, die Igus individuell in der Produktion aus verschiedenen Bestandteilen mischt. „Mischungsänderungen unter 1 % können dabei bereits erhebliche Auswirkungen auf die Produkteigenschaften haben“, verdeutlicht Blase. Daher sei man auch in der Farbgebung der Produkte eingeschränkt und betreibe die Grund-Compoundierung selber. Zudem werde auf die Qualität der zugelieferten Komponenten geachtet.

„Der Teufel steckt im Detail“, stellt er fest. Dennoch gehe sein Unternehmen strickt gegen Kopisten vor und klage Rechte notfalls ein. Auf der anderen Seite gehe es darum, die Produkte durch Innovationen in der Konstruktion und Methoden der Lean Production zu attraktiven Preisen anbieten zu können.

Trotz langjähriger Erfahrungen in Sachen Energieführungsketten sieht Blase dort noch viel Potenzial zur Weiterentwicklung. Dabei gehe es vor allem darum, bestehende Technologien für die Benutzer einfacher zu machen. Auch würden Erfahrungen aus der praktischen Anwendung zunehmend über Auswahlwerkzeuge für Kunden nutzbar gemacht. Zudem würden technische Eigenschaften weiterentwickelt. Beispielsweise seien dem Material bisher beim Dauereinsatz in Temperaturbereichen über 180 °C Grenzen gesetzt. Dagegen seien für die Metallbearbeitungen bereits Lösungen realisiert, die 850 °C heiße Späne verkraften. Spannend werde es für Blase, wenn Anwender extreme Verfahrwege realisieren möchten. Da gehe es um Wege von bis zu 500 m – und in Sonderfällen auch schon mal bis 800 m.

Einsatzbereiche für die Gleitlager lägen dagegen bisher in Temperaturbereichen von -100 °C bis 300 °C sowie Flächenpressungen unter 150 MPa. Damit lassen sich bereits faszinierende Anwendungen realisieren. „Eine 8 t schwere, bewegliche Kabine einer Straßenbaumaschine läuft z. B. auf vier unserer Kunststofflager in sehr schmutziger Umgebung“, betont der Firmenchef.

Ganz neu steigt sein Unternehmen gerade im Bereich der Leichtbauroboter ein. Beim Fabrikrundgang zeigt er Prototypen: „Mit unseren leichten und strapazierfähigen Kunststoffgelenken stellen wir derzeit einen Baukasten zusammen. Bewegt werden die Elemente über Seilzüge, wie sie von Fahrradbremsen bekannt sind.“ Das reiche zwar nicht für hochpräzise Anwendungen, aber für viele einfache Positionieraufgaben.

Viele andere Dinge müssten für ihn aber noch erfunden werden. „Alles, durch das Zeit gewonnen werden kann, wäre toll, z. B. ein superschnelles Flugzeug, aber auch Autos, die fliegen können“, sagt Blase. Freuen würde ihn auch Männermode, die sich leicht anfühlt und dennoch nicht schlampig aussieht, oder Lösungen, die Kinopremieren nach Hause bringen. Dies müssten aber andere kreative Unternehmen realisieren – vielleicht auch unter Einsatz von Igus-Produkten. MARTIN CIUPEK

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