Werkstoffe 11.02.2005, 18:36 Uhr

„Innovationen gehen nicht Hauruck“

Die Refinanzierung abgeschlossen, mögliche Kartellstrafen abgedeckt, Verlustbringer verkauft, mit neuen Produkten auf Wachstumskurs. Doch wie nachhaltig ist die Erholung des Graphitspezialisten? Fragen an den Chef des Unternehmens, Robert Koehler, und seinen Vorstandskollegen, Hariolf Kottmann.

VDI nachrichten: Herr Koehler, vor gut einem Jahr stand SGL vor der Insolvenz. Haben Sie die Erfahrung schon verdaut?
Koehler: Dass wir vor einer Insolvenz gestanden hätten, war nur ein flüchtiges Gerücht im Finanzmarkt. Wir haben aber tatsächlich in kurzer Zeit so viel erlebt wie andere Unternehmen in hundert Jahren nicht. Wir mussten seit dem Jahr 2000 radikal umstrukturieren, Führungskräfte austauschen, Standorte schließen, Mitarbeiter entlassen, Tochterfirmen verkaufen. Der Druck war enorm. Das geht nicht spurlos an einem vorbei.
VDI nachrichten: Was haben Sie daraus gelernt?
Koehler: Dass man eine solche Phase nur überlebt, wenn die Führungsmannschaft zusammensteht. Wenn sie den Schulterschluss nicht hinbekommen, wenn sie gegeneinander kämpfen statt miteinander, haben sie keine Chance. Dafür ist der Druck zu groß und die Reaktionszeiten sind zu kurz.
VDI nachrichten: Über Ihrem letzten Geschäftsbericht steht als Motto „We fight to win“. Wie steht die Schlacht im Augenblick?
Koehler: Wir sind auf gutem Weg. Die Refinanzierung mit Kapitalerhöhung, Anleihe und neuen Kreditlinien ist abgeschlossen. Das Kartellthema liegt endlich hinter uns, und die Finanzierung der Strafe ist sichergestellt. Unser verlustreiches Randgeschäft Oberflächenschutz konnten wir Anfang dieses Jahres verkaufen. Außerdem haben wir uns im operativen Geschäft deutlich verbessert.
VDI nachrichten: Hält der Aufschwung auch 2005 an? Die Weltkonjunktur scheint sich im Moment eher abzuschwächen.
Koehler: Das mag sein, ich bin dennoch optimistisch. In unserem Kerngeschäft, Graphitelektroden und Graphitspezialitäten, werden wir uns in diesem Jahr erneut verbessern. Im Bereich SGL Technologies rechnen wir mit weiterem Wachstum aus den zahlreichen Projekten, die wir angestoßen haben. Alle Zeichen stehen also auf grün.
VDI nachrichten: Zur Zeit machen Sie mehr als die Hälfte Ihres Umsatzes im Stahlgeschäft, vor allem mit Graphitelektroden. Profitieren Sie vom Stahlboom?
Koehler: Die Stahlindustrie hat im Augenblick einen sehr guten Lauf, aber für den Elektrostahl gilt das nur eingeschränkt. Da gibt es vorrangig Ersatz- und Ergänzungsinvestitionen, in Asien vielleicht auch ein paar neue Werke.
VDI nachrichten: Ist in diesem Sektor kein Wachstum möglich?
Koehler: Doch, auch hier werden wir wachsen, aber nicht in großen Sprüngen. Der Anteil des Elektrostahls liegt derzeit weltweit bei 35 % der Rohstahlproduktion. Fachleute rechnen damit, dass er in fünf bis sieben Jahren auf 50 % steigen wird. Vor allem in China folgen den integrierten Hochöfen die Elektrostahlöfen. Ein Wachstum von 1% bis 2% jährlich ist wohl realistisch.
VDI nachrichten: Sie wollen die Abhängigkeit vom Stahl verringern. Die neuen Produkte und Anwendungen haben Sie in der SGL Technologies zusammengefasst. Welche strategische Bedeutung hat diese Unternehmenssparte?
Kottmann: Eine sehr hohe Bedeutung. Wir nutzen unsere technologische Basis, um zu wachsen. Wir haben zahlreiche Projekte aufgesetzt, die uns in den kommenden Jahren zusätzlichen Umsatz von 100 Mio. € bis 150 Mio. € bringen werden.
VDI nachrichten: Der Star unter Ihren neuen Produkten ist die Bremsscheibe aus Carbon-Keramik…
Kottmann: Das Projekt ist in der Tat am weitesten gediehen. Die Bremsscheiben sind aus Carbonfaser verstärktem Siliziumcarbid und haben wirklich hervorragende Eigenschaften. Sie sind leicht, verschleissfrei, thermoschockbeständig. Der Anhalteweg wird deutlich verkürzt, das Fahrzeug lässt sich leichter lenken, die Straßenlage verbessert sich. Die Lebensdauer liegt bei ca. 300 000 Kilometern, also mehr als ein Autoleben lang.
VDI nachrichten: Wie viele Exemplare verkaufen Sie von der neuen Scheibe? Bisher haben Sie ja mit Porsche erst einen Serienkunden.
Kottmann: Die genauen Absatzzahlen kann ich nicht nennen. Wir bewegen uns jedoch im niedrigen Zehntausenderbereich. Zur Zeit gehört die Carbon-Keramik-Scheibe zur Serienausstattung des 911 GT2 und des Carrera GT. Wir sind aber auch mit anderen Automobilherstellern in der Entwicklung. Das dauert aber zwei bis drei Jahre. Es reicht ja nicht, die Bremsscheiben auszutauschen. Das gesamte System muss neu entwickelt und kalibriert werden. Vom Bremssattel, über Bremsbeläge, Federung, Achsenanbindung bis zur Bordelektronik.
VDI nachrichten: Welches Absatzpotenzial steckt in der Bremsscheibe?
Kottmann: Es werden weltweit jährlich 55 Mio. bis 60 Mio. Autos gebaut. Auf das Premium-Segment, also schnelle und schnelle schwere Autos, für das die Carbon-Keramik-Scheibe zunächst interessant ist, entfällt 1 % der Produktion. Das sind rund 600 000 Fahrzeuge jährlich. Bei vier Bremsscheiben je Auto macht das ein Marktvolumen von über 2 Mio. Einheiten.
VDI nachrichten: Haben Sie die Produktionskapazitäten dafür?
Kottmann: Wir zielen nicht auf das gesamte Marktvolumen ab. Wir werden aber in den nächsten Jahren eine automatisierte, kontinuierliche Fertigung aufbauen. Unser Ziel ist es, mittelfristig einige hunderttausend Scheiben jährlich herzustellen. Da reden wir über ein Umsatzvolumen von 100 Mio. € bis 150 Mio. €. Nur für dieses eine Produkt.
VDI nachrichten: Wo wird die neue Fertigung entstehen? In Ihrem Meitinger Werk?
Kottmann: Die Pilotanlage steht bereits in Meitingen. Wir haben da sehr erfahrene Mitarbeiter. Das minimiert die technischen Risiken. Dieses Werk kann für höhere Kapazitäten jederzeit leicht erweitert werden. Ein weiteres Werk mit noch größerer Kapazität kann auch woanders errichtet werden.
VDI nachrichten: Sie beschäftigen derzeit über 2000 Mitarbeiter in Meitingen, Griesheim und Bonn. Wird die deutsche Belegschaft aufgestockt, wenn Sie wie erwartet wachsen?
Koehler: Nein, auf längere Sicht werden in Deutschland keine neuen Stellen hinzukommen. Arbeitsplatzintensive Produkte können wir hier einfach nicht mehr wettbewerbsfähig fertigen. Unser Wachstum kommt künftig vor allem aus Asien. Bisher haben wir dort eine Endmontage für Grafitelektroden und Produktionsstätten für die Prozesstechnologie des industriellen Korrosionsschutzes. In Zukunft wollen wir weiter durch Kooperationen wachsen. 300 Mitarbeiter, davon 150 Vertriebs- und Marketingmitarbeiter, sind bereits vor Ort im Einsatz.
VDI nachrichten: Was bleibt in Deutschland?
Kottmann: Die technologischen Kerne wollen wir hier erhalten. Die können wir nur schützen, wenn wir auch in günstigere Standorte investieren.
VDI nachrichten: Unter dem Strich fallen also in Deutschland Stellen weg.
Koehler: Im industriellen Bereich werden in Deutschland Jobs wegfallen. Das ist die Konsequenz der Globalisierung. Da machen wir keine Ausnahme. Wir sind allerdings bereits jetzt schon recht „lean“.
Kottmann: In den vergangenen vier Jahren haben wir acht Werke im Ausland geschlossen. Die Kapazitäten von fünf Werken sind nach Bonn verlagert worden. Der Standort hat also erheblich profitiert. Wie sich das künftig entwickelt, müssen wir abwarten.
VDI nachrichten: Kommen wir zurück zu Ihren Produkten. Die Carbon-Keramik, die sie bei der Bremsscheibe verwenden, bietet ja noch andere Anwendungsmöglichkeiten in der Automobilindustrie.
Kottmann: Unbedingt, da sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Denken Sie nur an Kupplungsscheiben oder die Panzerung von Fahrzeugen. Und die Autoindustrie ist ja nicht die einzige Branche, die wir im Fokus haben. Wir sind ja auch in der Luft- und Raumfahrt, in der Verteidigungstechnik und der Energietechnik aktiv. Wir stellen zum Beispiel Graphitfolien her, die mit Paraffin imprägniert und in Alufolie eingeschweißt als Kältespeicher genutzt werden. Zum Beispiel in Büros oder in LKWs.
VDI nachrichten: Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich verzetteln mit Ihren Entwicklungen? Was Sie anbieten sind doch meist Nischenprodukte für sehr heterogene Märkte. Rechnen sich die hohen Entwicklungskosten?
Kottmann: Sonst würden wir die Entwicklungen nicht machen. Im Übrigen sind die Anlaufkosten überschaubar. Nehmen Sie die Graphitfolie für die Klimatechnik, da haben wir eine neue Anwendung für ein etabliertes Produkt gefunden. Im Grunde gilt das für fast alle Graphitspezialitäten. Das sind reife Produkte, für die es aber viele neue Ideen gibt. Wir entwickeln etwa neue Graphite für die LED-Fertigung, für Druckerbauteile oder die Nukleartechnik.
VDI nachrichten: Dennoch schreiben Sie mit der neuen Sparte SGL Technologies rote Zahlen – und das seit fünf Jahren.
Koehler: Wenn sie industrielle Innovationen durchsetzen wollen, dann geht das nicht im Hauruckverfahren. Das braucht einige Jahre. Wir sind aber optimistisch, dass SGL Technologies 2005 annähernd eine schwarze Null erreichen wird. Im Nachhinein frage ich mich, ob wir die Projekte der SGL Technologies in der Vergangenheit nicht besser als das verbucht hätten, was sie sind: Forschungs- und Entwicklungskosten nämlich. Wir haben nur 2 % F&E-Aufwand im gesamten Konzern. Andere Unternehmen packen in ihre F&E-Ausgaben solche Projekte mit hinein.
VDI nachrichten: Aber je weiter Sie sich auf technologisches Neuland wagen, desto größer die Risiken. Haben Sie bei Rückschlägen genügend Rückendeckung vom Kapitalmarkt?
Koehler: Da mache ich mir wenig Sorgen. In unserem operativen Geschäft sind wir auf Kurs, bei den neuen Projekten, die wir aufgesetzt haben, reifen die Früchte. Außerdem sind wir sechs bis acht Jahre durchfinanziert.
VDI nachrichten: …klingt fast so, als putzten Sie das Unternehmen für eine Übernahme heraus?
Koehler: Wir sind selbstständig und wollen es auch bleiben. Als Weltmarktführer bei Kohlenstoff und Graphit bewegen wir uns in globalen Nischen. Unsere Materialien werden immer dort eingesetzt, wo andere versagen, egal ob das Stahl, Kunststoff oder Holz ist. Ich wüsste nicht, welcher große Konzern zum Zwecke der Diversifizierung an einem Spezialisten wie uns Interesse haben könnte. Innerhalb unserer Industrie ist das in dem sehr oligopolistischen Markt wettbewerbsrechtlich auch kaum möglich.
PETER SCHWARZ

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