Stahl 18.02.2005, 18:37 Uhr

„In Brüssel hat man es mit Autisten zu tun“

VDI nachrichten, Luxemburg, 18. 2. 05 -Arcelor will weiter wachsen. Der zweitgrößte Stahlkonzern der Welt hofft, dass ihm die neue EU-Kommission in Brüssel künftig weniger Steine in den Weg legt. Fragen an den Vorstandschef des Luxemburger Unternehmens, Guy Dollé.

VDI nachrichten: Herr Dollé, Sie produzieren immer mehr Stahl in Brasilien. Ist an Ihrem Unternehmen langfristig nur noch der Sitz in Luxemburg europäisch?
Dollé: Wir sind ein europäisches Unternehmen mit weltweitem Tätigkeitsfeld. Von den 100 000 Beschäftigten der Gruppe arbeitet ein Drittel in Frankreich, 15 % in Belgien und Spanien, 10 % in Deutschland und 6 % in Luxemburg. Der Rest ist größtenteils in Südamerika tätig.
VDI nachrichten: Und wie sieht es beim Umsatz aus?
Dollé: Drei Viertel unseres Umsatzes erzielen wir noch in Europa, ein Viertel im Rest der Welt. Mein Ziel wäre aber 50 % Europa und 50 % weltweit.
VDI nachrichten: Wachsen wollen Sie nicht zuletzt durch Zukäufe. Was ist konkret geplant?
Dollé: Ja, wir wollen zum Beispiel für das türkische Stahlwerk Erdemir bieten. Der türkische Staat verfügt über einen Kapitalanteil des an der Börse notierten Unternehmens und will privatisieren. Eine Entscheidung zur Privatisierung könnte bis April fallen.
VDI nachrichten: Was spricht für den Standort Türkei?
Dollé: Wir sind dort schon seit 15 Jahren vertreten. Dabei sind wir der Autoindustrie gefolgt, die vor Ort ihren Stahllieferanten haben wollte. In der Türkei werden nur etwa 200 kg Stahl pro Kopf verbraucht. Der Stahlkonsum dort wird also noch stark ansteigen. Außerdem besitzt die Türkei eine strategische Bedeutung. Sie ist das Tor zu den Ländern Südosteuropas.
VDI nachrichten: Wenn Sie andere Unternehmen übernehmen wollen brauchen Sie eine Menge Geld. Wie voll ist die Kasse von Arcelor?
Dollé: Theoretisch könnten wir pro Jahr 1 Mr.d $ für Zukäufe aufbringen. Wobei man sehen muss, dass Zukäufe nicht immer in bar, sondern auch durch Aktientausch bezahlt werden. Wir schauen uns den Markt intensiv an, werden aber nicht jede Gelegenheit ergreifen.
VDI nachrichten: Warum nicht?
Dollé: Derzeit ist der Stahlmarkt weltweit in einer Boomphase. Es geht sogar jenen Unternehmen gut, die in normalen Zeiten angeschlagen wirken. Da sind mir die Preise oft zu hoch.
VDI nachrichten: Auch für den Umweltschutz müssen Sie eine Menge Geld ausgeben – Stichwort Kyoto-Abkommen zur Begrenzung des Kohlendioxid-Ausstoßes…
Dollé: …die Lösung, die die Europäische Union gefunden hat, ist eine Renationalisierung. Sie berechnen die Quoten auf nationaler Ebene, wo doch Unternehmen wie Arcelor längst europäisch handeln.
VDI nachrichten: Mit welchen Folgen für Sie?
Dollé: Es ist heute leichter, Produktion von Schleswig-Holstein nach Brasilien zu verlegen als von Schleswig-Holstein nach Thüringen, weil man die Ausstossquoten in Europa jeweils national beachten muss. Ich habe versucht, das der EU-Kommission in Brüssel klar zu machen. Es ist mir nicht gelungen. Da hat man es nur mit Autisten zu tun. Ich hoffe, dass es mit der neuen Industriekommission besser wird.
VDI nachrichten: Sind Sie generell gegen Umweltabkommen?
Dollé: Wir sind für Kyoto, aber es stört mich, dass die Politik sich so auf die Industrie fokussiert. Man muss doch sehen, dass die Stahlindustrie seit dem Referenzdatum für Kyoto ihre Emissionen um 20 % reduziert hat. Das ist zweimal mehr als die eigentliche Kyoto-Zielsetzung – und die EU-Direktive erkennt das einfach nicht an. Das wirkliche Problem sind doch wir, die Individuen und die Haushalte, die ihr Umweltverhalten ändern müssen.
VDI nachrichten: Haben Sie konkrete Vorschläge?
Dollé: Wenn man den Ausstoß von Gasen in die Atmosphäre definitiv verändern will, muss man auch über die Energiepolitik nachdenken. Und wenn man dann ehrlich ist, dann muss man zugeben, dass letztendlich die Kernenergie ohne Alternative ist. Mit Windmühlen allein kann man das nicht schaffen.
VDI nachrichten: Sie haben mit der EU auch Probleme, weil Arcelor größer werden möchte, als es die Wettbewerbsregeln zulassen….
Dollé: Wir müssen bei der Wettbewerbspolitik darüber nachdenken, ob wir nicht gerade wegen der globalen Konkurrenz auch in Europa größere Einheiten zulassen. Die kommen dann zwar an den Rand des Monopols, sind weltweit aber nur so konkurrenzfähig.
Hier muss die für den Wettbewerb zuständige Generaldirektion umdenken. Europa ist im Wettbewerb nur eine Region auf dem Globus. Begrenzende Regeln, die für diese Region gelten, benachteiligen die Betroffenen im Wettbewerb weltweit.
VDI nachrichten: Der Arcelor-Konzern steht derzeit auf drei gesunden und einem schwachen Bein. Langstahl, Flachstahl und die Distribution laufen gut, nicht rostende Stähle dagegen nicht. Ein Dauerzustand?
Dollé: Flachstähle machen gut die Hälfte des Umsatzes aus, die Resturkturierung ist angelaufen. Langstähle sind mit 22 % am Umsatz beteiligt – hier ist Brasilien stark. Die Distribution macht 15 % des Umsatzes aus. Diese Bereiche sind tatsächlich herausragend. Die nicht rostenden Stähle humpeln auf Krücken hinterher. Da müssen wir noch etwas tun.
VDI nachrichten: Herr Dollé, Sie sind jetzt 62 Jahre alt. Nach den Statuten Ihres Unternehmens müssen Sie in spätestens vier Jahren in Rente gehen. Was wollen Sie Ihrem Nachfolger hinterlassen?
Dollé: Ein Unternehmen, dessen Integrationsphase abgeschlossen ist und das seine Umwandlung gut begonnen hat. Und ein Unternehmen, dessen Stähle qualitativ so gut sind, dass man sie auch kaufen will, wenn sie die teuersten sind.
CORDELIA CHATON

Von Cordelia Chaton
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