Kunststoffe 23.10.1998, 17:19 Uhr

High-Tech vom Feinsten

Die Kunststoffmesse nächste Woche in Düsseldorf zeigt den Weg vom Rohstoff zum bedarfsgerecht verarbeiteten Produkt.

Ob denn tatsächlich einmal Mini-U-Boote als Kundschafter und Pannenhilfe durch menschliche Blutbahnen kreuzen werden? Prof. Wolfgang Ehrfeld vom Institut für Mikrotechnik Mainz (IMM) ist sicher: „Wenn man vor 20 oder 30 Jahren nach den wichtigsten Materialien der Medizintechnik gefragt hätte, so wären vermutlich Edelstahl für Instrumente, Glas für Gefäße, Gips für das Schienen von Brüchen und Naturfasern für Mullbinden, Tücher, Kompressen und Tupfer genannt worden.“ Würde man heute nach der wichtigsten Materialklasse in der modernen Medizintechnik fragen, so lautet die neue Antwort, so Prof. Ehrfeld, jetzt anders: „Kunststoffe!“ Wie bei keiner anderen Werkstoffklasse können die Materialeigenschaften ideal an die Anforderungen angepaßt werden und keine andere Werkstoffklasse biete so vielfältige Möglichkeiten für die Verarbeitung, z.B. durch Mikrotechnik. Man könne in Dimensionen vorstoßen, die durch den Durchmesser von Kapillargefäßen in Organen oder die Größe von Zellen vorgegeben sind. Auf der weltgrößten Kunststoffmesse K vom 22. bis 29. Oktober 98 in Düsseldorf gibt es deshalb auch eine Spezialabteilung „Medizintechnik“ mit Vorträgen, Workshops, Diskussionen sowie einer Fachschau von 63 Firmen. Medizintechnik, das ist bislang ein nur winziger, aber hochinnovativer Teil der Kunststoffbranche, die in Deutschland auf eine Jahresproduktion von 11 Mio. t kommt. An der gesamten Industrieproduktion im Wert von 1,7 Bill. DM in 1997 erreichte die Kunststoffindustrie einen Anteil von nur 6,6 %, das ist gerade die Hälfte der Nahrungs- und Genußmittelindustrie, oder ein Drittel vom Maschinen- und Metallbau. Dennoch, Produktion und Verbrauch von Kunststoffen steigen seit Anbeginn. 1960 wurden gerade erst 1 Mio. t produziert. „Im Jahr 2000 werden es wohl 14 Mio. t sein“, hat der Verband Kunststofferzeugende Industrie (VKE), Frankfurt, prognostiziert. Dabei wächst der Anteil Deutschlands an der Weltproduktion beschränkt von den 160 Mio. t weltweit entfielen 1997 auf Deutschland nur 8 %. „Damit sind wir aber wichtigster Produzent Westeuropas“, freut sich VKE-Geschäftsführer Kurt Stepping. Auf die anderen Mitglieder der Triade entfallen bei den USA immerhin 28 % und auf Japan 10,5 %. Die hochwertigen „technischen“ Kunststoffe nehmen nach der Tonnage nur 8 % der Weltproduktion ein. Alles andere sind offiziell Standard-Kunststoffe. Aber z.B. Polypropylen (PP) mit 18 % Weltmarktanteil nach Tonnen ist schon lange kein Standard-Kunststoff mehr, sondern mit seinen Variationen ein hochwertiger technischer Werkstoff, z.B. für den Automobilbau. BASF-Bereichsleiter Dietmar Nissen erinnert sich noch an die 70er Jahre, als anspruchsvolle Anwendungen nur durch technische Kunststoffe wie Polyamid, Polyester oder PMMA erfüllbar schienen. Die Forschungsstrategie für Kunststoffe der Zukunft werde sich am Minimalprinzip orientieren. Das bedeute, den Ressourcen-Einsatz bei mindestens gleicher Qualität von Eigenschaft, Funktion und Wirkung zu verringern. „Dies ist sowohl ökologisch als auch ökonomisch von Vorteil.“ Auf der Messe K, die unter dem Motto „Erfolg durch Innovation“ steht, kündigen sich denn auch neue Initiativen bei biologisch abbaubaren Kunststoffen an. „Große Hersteller entwickeln die ehemaligen Nischenprodukte zu einer Marktreife, die kompostierbare Produkte für viele Anwendungen einsetzbar macht, z.B. für Folien, Beschichtungen, Klebstoffe und auch für Spritzgußteile“, erläutert dazu Helmut Eschwey, Vorsitzender des K-Ausstellerbeirats, der von der Battenfeld-Kunststoffmaschinengruppe der SMS Schloeman-Siemag AG kommt. „Erzeuger, Maschinenbauer und Verarbeiter werden ihre internationalen Standorte ausbauen müssen“, so Eschwey. Sie müßten in den Abnehmermärkten die verlangten Produkte vor Ort herstellen und mit allen verbundenen Dienstleistungen liefern können. Die Kunststoff- und Kautschukindustrie steht aber zum Standort Deutschland. Deshalb freut sich Eschwey, daß die VDI-Gesellschaft Kunststofftechnik und der VDMA Schülergruppen zur Messe eingeladen haben, um ihnen das Berufsbild des Ingenieurs nahezubringen.

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