Branche 22.10.2010, 19:49 Uhr

Heute ein Windrad, morgen die Motorhaube

Die Kunststoffindustrie hat 2009 Umsatzrückgänge hinnehmen müssen. „Sie werden langsam aufgearbeitet“, sagt Ralf Olsen vom Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV). Das Stellenangebot wird in absehbarer Zeit wieder größer.

4 mm dick, 80 mm lang ist das Kunststoffröhrchen, das über eine Vene bis zum Herzen geführt wird. Im Herzen entfalten sich aus dem Röhrchen zwei kleine Schirme, die ein Loch in der Herzkammer von beiden Seiten verschließen sollen. Wenn einmal Gewebe über sie hinweggewachsen ist, sollen sie sich selbst auflösen und ein gesundes Herz zurücklassen. So ist zumindest der Plan. Christian Möbitz arbeitet an dem Prototypen. Der angehende Ingenieur studiert an der RWTH Aachen Kunststofftechnik im zehnten Semester und steht kurz vor dem Diplom.

Die Absolventen des Studiengangs sind gut ausgebildete Spezialisten für eine Wachstumsbranche. Das war sie zumindest vor der Wirtschaftskrise. Im Augenblick schaut Christian Möbitz allerdings eher skeptisch auf die Zukunft. „Wenn man mit Unternehmen spricht, wird einem zugesichert, wie sehr man gebraucht wird. Aber wenn man mal wissen will, wie es denn jetzt mit einer Stelle aussehe, dann heißt es nur: jetzt nicht, aber vielleicht 2012.“

Ralf Olsen, zuständig für Bildungspolitik und Berufsbildung im Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV), kennt das Problem. „Der Schaden der Wirtschaftskrise wirkt noch nach“, sagt Olsen. Rund 20 % weniger Ausbildungsverträge seien 2009 in der Branche geschlossen worden. Unternehmen hätten deutlich weniger Ingenieure eingestellt als noch in den Vorjahren. Vor der Krise hätten viele Absolventen schon drei Monate vor dem Abschluss einen Arbeitsvertrag in der Tasche gehabt.

Im Augenblick jedoch liege die Wartezeit bis zum Job bei etwa fünf Monaten. Doch mittel- und langfristig sehe die Situation wieder anders aus. „Dann wird die Nachfrage nach Fachkräften nicht mehr gedeckt werden können“, sagt Olsen.

Weltweit konnte die Kunststoffindustrie vor der Krise Wachstumsraten bei der Produktion von rund 9 % jährlich vorweisen. Doch 2009 brachen auch in Deutschland die Umsätze ein, in der Kunststoffverarbeitung beispielsweise um etwa 14 % auf 45,8 Mrd. ‹. Zusammen mit der Kunststofferzeugung und dem Markt der Kunststoff und Gummimaschinen setzte die Branche mit etwa 381 000 Beschäftigten 2009 zirca 71,8 Mrd. ‹ um.

Nach einer Umfrage des GKV hat die Wirtschaftskrise etwa die Hälfte der befragten Unternehmen stark belastet. Doch für 2010 sind die Prognosen wieder optimistisch. Rund 44 % der Unternehmen rechnen mit steigenden Erträgen. Vor allem der Export wird dabei positiv eingeschätzt. Hier gehen 48 % von einer Steigerung aus. Langsam nähern sich die Unternehmen auch wieder der alten Auslastung an. Während diese von 82,2 % 2008 auf rund 73,0 % im vergangenen Jahr sank, soll sie in diesem Jahr wieder leicht auf 75,9 % steigen. „Die Rückgänge werden langsam aufgearbeitet“, sagt Ralf Olsen vom GKV. Zu den Hauptanwendungsbereichen zählen Verpackungen, der Bau und die Fahrzeugindustrie. Doch die Branche ist ständig im Wandel. Beispielhaft ist das Thema Handyschalen. Sie galten einst als großer Zukunftsmarkt. Zwar hat in Deutschland inzwischen fast jeder ein Handy – doch die Schalen werden an anderen Orten produziert. „In Zukunft sind vor allem die Produkte gefragt, die die größte Wertschöpfung haben“, sagt Olsen. Hochwertige Anwendungen im Fahrzeugbau, Flugzeugbau in der Medizintechnik. Die Branche will mit Hightech punkten.

Vor allem kleinere Firmen sehen hier ihre Chance. Das Unternehmen FKuR in Willich stellt biologisch abbaubare Kunststoffe her. Eine kleine Nische, aber ein Zukunftsmarkt, sagt Vertriebs- und Marketingleiter Patrick Zimmermann. Denn die Kunststoffe sind zum einen kompostierbar. Zum anderen werden sie aber auch aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen. Basis sind Polymilchsäuren, die aus Malzstärke gewonnen werden. Partner bei den Entwicklungen ist das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) in Oberhausen.

Hier werden die verschiedenen Kunststoffe entwickelt, die das FKuR in seinen Produkten verwendet. Vor allem bei Verpackungen ist das Material schon im Einsatz. Ein Großteil der Produkte wird exportiert. Das kleine Unternehmen hat vor Kurzem wieder neue Ingenieure eingestellt. „In einem kleinen mittelständischen Unternehmen wie unserem braucht man einen Generalisten, der viele Aufgaben übernehmen kann.“ Und der gleichzeitig über Fachwissen verfüge, dass dem Unternehmen gerecht wird.

In Aachen versucht man am Studiengang Kunststofftechnik, diesen häufig geäußerten Wünschen aus der Praxis gerecht zu werden. Das Studium beginnt als Maschinenbaustudium, später wird Kunststofftechnik als Schwerpunkt hinzugewählt. Dem Studenten Möbitz gefällt die große Bandbreite der Arbeitsfelder, die ihm sein Studium eröffnet. „Ich bin praktisch veranlagt. In der Kunststofftechnik hat man noch sehr viele Möglichkeiten zu tüfteln und auszuprobieren“, sagt Möbitz. Und man sei mehr oder weniger in jeder Branche einsetzbar. „Heute ein Windrad, morgen die Motorhaube.“ Vielleicht hängt er nach dem Studium noch eine Dissertation an. Und wenn er dann den Titel trägt, dann sieht es auf dem Arbeitsmarkt hoffentlich schon wieder viel entspannter aus.

HENNING ZANDER

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