Stahl 01.02.2008, 19:32 Uhr

Heiße Nacht für den Direktor  

VDI nachrichten, Luxemburg, 1. 2. 08, moc – Was Nokia für Bochum ist, ist Gandrange für Lothringen. Hier im Orne-Tal gibt es eine über hundertjährige Stahlkultur. Damit soll es jetzt zu Ende gehen. Stahlbaron Lakshmi Mittal, der vor zwei Jahren noch von einer Erweiterung und neuen Arbeitsplätzen im Stahlwerk Gandrange redete, will 600 Menschen entlassen.

Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, die Lippen aufeinander gepresst, die Hände ineinander verschränkt. So sitzt Bernard Lauprêtre am Tisch. Um ihn herum tobt es. „Wir haben Kinder zu ernähren!“ – „Warum spielst Du den Taubstummen? Hast Du nichts zu sagen?“ – „Wir übernehmen die Fabrik, komm“ ich geb“ Dir einen Euro, sogar zwei! Mittal hat nur einen Franc bezahlt!“

Die Männer vor Werksdirektor Lauprêtre sind Stahlarbeiter in Gandrange. Manche von ihnen haben ihr ganzes Berufsleben hier verbracht. Andere sind erst vor Kurzem eingestellt worden. Eines ist ihnen gemein: Sie kochen vor Wut. Vierzig Arbeiter haben sich in das kleine Büro ihres Direktors gedrängt, einige sind auf die Tische geklettert und schreien ihn an.

500 stehen noch draußen vor dem Gebäude.

Immer mehr versuchen, sich durch die Tür zu schieben. Es ist heiß im Erdgeschoss der „Direction des affaires sociales“. Nach alter französischer Gewerkschaftssitte halten die Arbeiter ihren Direktor in seinem Büro fest.

Seit der weltgrößte Stahlhersteller ArcelorMittal Anfang Januar bekannt gegeben hat, dass er im lothringischen Kohlebecken nördlich von Metz am Standort Gandrange ein Elektrostahlwerk und ein Zylinderwalzwerk schließen will, ist die Welt dort nicht mehr in Ordnung. 595 der insgesamt 1108 Arbeitsplätze sollen wegfallen. Eine Drahtzieherei und ein Forschungszentrum sollen bleiben.

Da nützt es wenig, dass Mittal verspricht, Arbeitsplätze in einem anderen Werk oder im 50 km entfernten Luxemburg als Ersatz anzubieten. „Die brauchen keinen! Die machen doch selbst Vorruhestandslösungen!“, regt sich ein älterer Mann auf.

Statt Lauprêtre, Direktor des Stahlwerkes Gandrange, müsste eigentlich sein Chef hier sitzen Lakshmi Mittal. Der gebürtige Inder ist mittlerweile einer der reichsten Männer der Welt mit Wohnsitz London und ein globaler Stahlbaron. Für seinen Konzern arbeiten weltweit 320 000 Mitarbeiter in 60 Ländern. 1999 hat er das Werk in Gandrange, im Tal der Orne, übernommen.

Die Gewerkschaften werfen ihm vor, dass er zwar für 2007 einen Rekordgewinn von 10 Mrd. Dollar eingefahren hat, gleichzeitig aber das Werk schließen will – und das bei ungebrochen starker Nachfrage nach Stahl.

Und wenn die Männer jetzt auf Lauprêtre einbrüllen, richtet sich ihr wahrer Zorn gegen Mittal.

„Der hat 55 Millionen für die Hochzeit seiner Tochter in Versailles ausgegeben“, regt sich der 34-jährige Joseph auf. „Wenn er das hier gemacht hätte, ginge es uns gut. Aber hier hat er keinen Cent investiert, schon seit fünf Jahren nicht!“

Damit begründet auch die Direktion die Schließung: Das Stahlwerk sei nicht produktiv genug und mache Verluste, allein 36 Mio. € im vergangenen Jahr.

Vor zwei Jahren klang das noch ganz anders. Damals befand sich Mittal in einer Übernahmeschlacht mit dem luxemburgisch-französisch-spanischen Stahlkonzern Arcelor. Ausgerechnet von diesem hatte Mittal 1999 Gandrange für einen symbolischen Franc übernommen. 2006 lud Mittal, der mit dem Hubschrauber einflog, die internationale Presse nach Gandrange, um zu zeigen, wie viel besser als Arcelor er wirtschaften könne. Mittal verwies auf die knapp 300 neu eingestellten Mitarbeiter und auf deren Lohnerhöhung von 120 € pro Monat, das Werk mache Gewinne. Sogar von den Gewerkschaften ließ er sich loben.

François, der mit seinen Kollegen vor Lauprêtres Büro seinem Frust freien Lauf lässt, stößt das bitter auf: „Das war alles nur Show, der hat uns als Bühne benutzt, als Trampolin für den Kauf von Arcelor!“

Sein Nachbar stimmt ihm zu: „Mir steht das Wasser bis zum Hals, wenn es hier aus ist“, sagt er. „Ich habe Familie und gerade ein Haus gekauft.“ Für ihn ist klar, dass es einem Mittal längst nicht mehr um Lothringen oder Luxemburg geht. „Die Region heißt für ihn nur noch Europa! Und da sind wir ein kleiner Fleck!“

Ein paar hundert Arbeiter stehen da, viele mit roten Helmen der Gewerkschaft CGT (Confédération Général du Travail), die sich trotz des sonst üblichen Streits mit den anderen Gewerkschaften zusammengeschlossen hat.

Gandrange hat ähnlich wie das Ruhrgebiet eine lange Stahlgeschichte und eine ebenso lange Reihe von Besitzern. Und nicht weit von hier verläuft die deutsch-luxemburgische Sprachgrenze. Doch eine besondere Nähe zu Deutschland fühlt gerade niemand.

Das liegt nicht zuletzt an Gerhard Renz, Langstahlchef von Mittal für Europa. Sein Name fällt öfter unter den Stahlarbeitern, die sich draußen vor Lauprêtres Büro versammelt haben.

Renz also, der Deutsche. Von dem komme doch der Vorschlag, die benötigten 400 000 t Stahl jährlich aus Duisburg kommen zu lassen, vom Mittal-Werk Ruhrort. „So denken Finanzhaie, keine Industriellen“, regt sich der 20-jährige Marc auf. Gérard Loparelli, der 18 Jahre lang Betriebsrat in Gandrange war, ist Duisburg ohnehin ein Dorn im Auge: „Nach der Fusion haben wir alle großen Kunden dorthin abgeben müssen!“ Dahinter, so vermuten alle, stecke bestimmt Renz.

Am Nachmittag verliest ein Gewerkschafter vor den brennenden Tonnen am Werkseingang eine Stellungnahme der Gewerkschaften. Sie sind entschlossen, zu kämpfen, nach politischer Unterstützung zu suchen, nicht aufzugeben. Investitionen und Ausbildung sollen Gandrange wieder auf Gewinnkurs bringen. Ein Komitee, dem auch der Ex-Werkschef angehört, soll den Weg zurück in die Gewinnzone finden.

Zehn Tage später: In Luxemburg, im Zentrum der Stadt, legen einige hundert Stahlkocher den Verkehr vor dem Hauptquartier von ArcelorMittal lahm. Gewerkschaftsvertreter mit ihren rot-weißen Helmen und Volksvertreter aus Lothringen verstärken die Reihen der Demonstranten. Ein paar laute Stimmen, aber alles bleibt friedlich.

Anfang dieser Woche dann ein kleiner Erfolg: Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat am Montag Lakshmi Mittal im Elysee-Palast getroffen. Resultat: Bis April will Mittal warten, verhandeln und sich alternative Vorschläge des Komitees anschauen, bevor er weiter entscheidet.

Doch die Arbeiter in Gandrange bereiten sich aufs Schlimmste vor. Am 9. Februar wollen sie im Orne-Tal streiken, und „wenn es sein muss, gehen wir auch nach London“, stellt Mittal-Europabetriebsrat Xavier Phan Dinh fest. Auch der Arbeitskampf wird von der Logik der Globalisierung diktiert.

Um 14 Uhr, zum Schichtwechsel, stehen immer noch Gewerkschafter vor den Werkstoren und verteilen Aufrufe. „Gandrange hat eine Zukunft“, steht darauf. CORDELIA CHATON

Ein Beitrag von:

  • Cordelia Chaton

    Cordelia Chaton hat einen Master in Business Administration und war Redakteurin für Wirtschaft und Politik u.a. beim Handelsblatt und der Wirtschaftswoche. Sie schreibt vor allem über Management- und Karrierethemen.

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