Stahl 05.11.2004, 18:34 Uhr

Global Player machen Zukunft

VDI nachrichten, Düsseldorf, 5.11.04 – Die großen Stahlkonzerne gehen weltweit noch stärker in die Internationalisierung. Während sie früher überwiegend nur mit ihren Produkten um Kunden konkurrierten, liefern sie sich jetzt Wettbewerb auf allen Ebenen – vom Kampf um die besten und kostengünstigsten Energieträger, Rohstoffe und Standorte über verlässliche Transport- und Logistikketten bis zum Kauf von Konkurrenten. Mit Übernahme der ISG, des drittgrößten Stahlkonzerns der USA, setzt der indische Milliardär Lakshmi Mittal neue Maßstäbe.

Keineswegs als eine so genannte Schornsteinindustrie und auch sehr agil präsentiert sich die Stahlindustrie in diesen Tagen durch die bevorstehende Bildung des weltgrößten Stahlkonzerns mit einer Jahresproduktion von 57 Mio. t. „Das trägt zur Konsolidierung der Branche bei“, sagt Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Düsseldorf. Und er steht mit seiner Meinung nicht allein, wie auf der kommenden Tagung Stahl 2004 diskutiert werden wird.
Zu diesem alljährlichen Branchentreff zusammen mit dem Stahlinstitut VDEh am 18. und 19. November in Düsseldorf haben sich 3500 Fachleute aus aller Welt angemeldet. Das ist von der Menge her ungefähr die halbe Anzahl wie Ingenieure in der deutschen Stahlindustrie beschäftigt sind. “ Stahl – Feuer, Wasser, Erde, Luft“ heißt das Motto der Tagung 2004. Das passt zu den elementaren Veränderungen in der Stahlindustrie. Die mehr als überfällige Globalisierung und Konzentration in der Stahlindustrie habe Lakshmi Mittal angestoßen, jetzt müsse die nötige Fusionswelle weniger wettbewerbsfähige Konkurrenten wegspülen, meint dazu Guy Dollé, Vorstandschef der in Luxemburg angesiedelten Arcelor.

Zuvor schon mit seiner LNM-Gruppe, zu der auch die mit dem kleineren Teil ihrer Aktien börsennotierte Ispat zählt, Nr. 2 am Weltmarkt, überrundet Mittal jetzt mit dem Kauf des US-Konkurrenten International Steel Group (ISG) den bisherigen Weltmarktführer Arcelor um Längen, stellt dessen 26 Mrd. € Umsatz, dessen Rohstahlproduktion von 43 Mio. t im Jahr in den Schatten.
Bei der ISG, künftig Teil von Mittal Steel, handelt es sich um einen noch ganz auf den Heimatmarkt USA konzentrierten Stahlkonzern. Rodney Mott, der bisherige ISG-Vorstandschef, hatte noch bis vor kurzem die Suche nach international erfahrenen Führungskräften vor den Kauf von Konkurrenten gesetzt, wollte zehn bis zwölf solcher Manager einstellen, um die vielen Chancen, die sich am Weltmarkt für Akquisitionen böten, sinnvoll nutzen zu können. Jetzt kommt Mott als neuer Stahlchef für Nordamerika bei Mittal Steel in ein wirklich internationales Imperium.
Wilbur Ross, der in der Rothschild-Gruppe geschulte amerikanische Banker und Finanzinvestor schuf ISG erst vor gut zwei Jahren mit der Übernahme der Anlagen aus der Konkursmasse von LTV, dem großen Stahlwerk im US-Bundesstaat Cleveland. Seit jetzt einem Jahr börsennotiert, übernahm ISG für 900 Mio. US-$ die Not leidende Bethlehem Steel Corp. und verfügt jetzt über acht Stahlwerke. Der aus Indien stammende Stahlmagnat Mittal einigte sich mit Ross blitzschnell und offenbar in aller Freundschaft: Ross nimmt ein Mandat im Aufsichtsrat der neuen Mittal Steel an.
Letztere kann den Rat des erfahrenen Bankers Ross sicher brauchen, sinkt doch der neue Stahlgigant unter den am besten verdienenden Konzernen der Branche weltweit erst einmal auf Platz elf ab – die frühere LNM rangierte mit Platz fünf deutlich weiter vorn. Doch Branchenkenner gehen fest davon aus, dass Mittal bald auch beim Gewinn die Weltspitze erreicht. Dafür spricht zum einen die wirklich globale breite Verteilung seines Stahlimperiums: Auf Nordamerika plus Mexiko und Trinidad entfallen 27,6 % der künftigen Produktion, auf Mittel- und Osteuropa 14,6 %, auf Afrika – im wesentlichen Südafrika – 8,1 %, Asien schon 6,1 % und auf das teure Westeuropa nur noch 3,8 %.
Damit befinden sich die Mittal-Steel-Werke sowohl nahe an den Rohstoff-Lieferanten wie an den Stahl-Verbrauchszentren, sprich Kunden in Wachstums-Regionen. Das gilt sogar für Nordamerika, wo Mittal mit dem Kauf von ISG und den bisherigen Ispat- sowie LNM-Werken zum stärksten Spieler aufstieg. Wie David Sutherland, Vorsitzender des American Iron and Steel Institute (AISI) halten nämlich auch Mittal und Ross die Krise der nordamerikanischen Stahlindustrie für überwunden.
Doch auf der anderen Seite des Pazifik ist von Krise schon überhaupt nicht die Rede: Mit einem Anteil rund 25 % an der Welt-Stahlproduktion hat China die anderen asiatischen Stahlländer mit ihren zusammen 22 % ebenso klar überrundet wie schon längst die EU der 25 Mitglieder mit ihren 20 %.
Lee Ku-Taek, Vorstandschef der südkoreanischen Posco, hält die Tage für gezählt, in denen sich nationale Stahlunternehmen allein auf ihren Heimatmarkt konzentrieren konnten. Die Konsolidierungswelle werde weltweit nicht viel mehr als eine Hand voll Giganten übrig lassen. Posco, schon jetzt sowohl in der Tonnage wie beim Gewinn auf einem vordereren Mittelplatz auf der Weltrangliste der größten und am besten verdienenden Stahlkocher, müsse weit über die Grenzen Koreas hinauswachsen.
Noch erzeugt Posco seinen Stahl zu 100 % in Südkorea und verkauft auch ein Drittel davon vor Ort, vor allem an die dort starke Automobil- und Werftindustrie. Allein letztere sitzt auf einem Auftragspolster, das bis Ende 2008 die volle Auslastung aller Kapazitäten und einen entsprechenden Stahlbedarf garantiert.
Trotzdem plant Lee hohe Investitionen im Ausland. Bis 2006 sollen allein 2,35 Mrd. US-$ nach China fließen. Ähnlich hohe Beträge hatte Posco für Engagements in Indien, Südost-Asien und andere Schwellenländer vorgesehen – bei der Suche nach günstigen Gelegenheiten wurde Lee inzwischen fündig: In Indien, ausgerechnet der Heimat des Stahlmagnaten Lakshmi Mittal, baut Posco ein großes integriertes Hüttenwerk.P. ODRICH/K

 

  • Peter Odrich

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