Stahl 23.04.1999, 17:21 Uhr

Die lange Reise des rostigen Ofens

Abreißen und einschmelzen ist ihr übliches Schicksal. Doch im Dortmunder Stahlwerk Phoenix wird ein 22 000 t schwerer Hochofen zerlegt, verpackt und über den halben Globus transportiert.

Das Ding ist so groß, man kann es einfach nicht übersehen. Ein gigantisches Gewirr aus Eisen, Beton und rostigen Rohrleitungen: Der Hochofen 3 im Dortmunder Stadtteil Hörde ist ein echter Industrie-Dinosaurier.
Leichter Nieselregen fällt, ein typischer grauer Apriltag und trotzdem – die Stimmung ist gut. „Bisher ist alles nach Plan gelaufen“, meint Michel Mynendonckx. Der 36jährige Maschinenbauingenieur ist Projektleiter der Lütticher Firma „Pirson“. Seit vier Monaten zerlegt der Belgier mit seiner 220 Mann starken Truppe im Dreischichtbetrieb auf dem Gelände der Thyssen Krupp Stahl AG den Hochofen so, daß er nach China gebracht werden kann.
Mynendonckx zieht sich den weißen Schutzhelm ein wenig tiefer ins Gesicht, in seinen Händen hält er Plan Nummer 675 – Rohrleitungen, Schächte, elektronische Symbole und jede Menge Zahlen: einer von insgesamt fast 2000 Abrißplänen, die für jeden einzelnen Demontageschritt die Regieanweisung enthalten. „Für jeden Baustein, für jedes Betriebssystem“, seufzt Mynendonckx , „gibt es eine Verwertungsorder, die uns sagt, was ausgeschlachtet wird und nach China geht und was in Deutschland bleibt“.

Sorgfältig ausgeklügelte Abbruchlogistik ist Voraussetzung

Die sorgfältig ausgetüftelte Abbruchlogistik ist der Schlüssel für den Erfolg des Unternehmens. Der rostige Riese, der direkt vor uns in den trüben Himmel ragt, ist 70 m hoch, gut 22 000 t schwer. Einige 1000 km Rohrleitungen schlängeln sich zwischen Turbinenhalle und dem alten, 1965 gebauten, Hochofen. Kaum vorstellbar, daß Ende Juli hier nur noch die blanken Betonfundamente stehen sollen.
Doch so weit das Auge reicht – noch ist alles voll Mauerwerk, Eisen und rostigbraunen T-Trägern. Allen Zweifeln zum Trotz, dieser Haufen „Schrott“ wird schon bald wieder dampfen und auch noch beste Roheisenqualität im Reich der Mitte liefern.
Am 1. Oktober vorigen Jahres produzierte der Hochofen 3 die letzten Tonnen Roheisen. Der verschärfte internationale Wettbewerb brachte dann für den betagten Koloß das Aus. Die Thyssen Krupp Stahl AG (TKS) hätte den kalten Stahlriesen nur verschrotten können, in der Branche der übliche Verwertungsweg.
Doch mit solchen Industrieveteranen lassen sich noch gute Geschäfte machen, vorausgesetzt, man findet einen Käufer. Gerade dafür hat der Unternehmer Karl-Heinz Wöllner aus Meerbusch schon seit Jahren das richtige Händchen. Der 63jährige Ingenieur zählt weltweit zu den renommiertesten Spezialisten für die Demontage von riesigen Industrie-Anlagen. Kurz entschlossen kaufte Wöllners Firma Interselect den Hochofen. In Zusammenarbeit mit der Hongkonger Firma Ming Court Ltd. konnte das Dortmunder Prachtstück an die chinesische Handan Iron Steel Group verkauft werden. Rund 400 Mio. DM müssen die Chinesen für diesen Deal berappen, inklusive Demontage und Transport. Ein neuer Hochofen wäre doppelt so teuer. Ein „echtes Schnäppchen“, meint Wöllner.
Bereits im Juli soll der alte Schmelztiegel in der Region Hebei, gut 180 km südwestlich von Peking, wieder Stück für Stück zusammengebaut werden, und zwar in direkter Nachbarschaft zu einer Gichtgasentspannungsturbine, die aus dem alten und vor gut zehn Jahren heiß umkämpften Stahlstandort Rheinhausen stammt. Im September 2000 rechnen die Chinesen mit der Inbetriebnahme ihres „Schnäppchens“. Um 20 % wollen sie damit ihre Stahlproduktion am Standort Hebei steigern.
„Es gibt noch eine Menge Hochöfen in Deutschland, die auf Käufer warten“, meint Interselect-Geschäftsführer Wöllner. Seit 1964 macht er in „Altanlagen-Verwertung“. Planung ist der Schlüssel zum Erfolg einer solch gigantischen Verschickungsaktion. Bevor „gebeamt“ werde, müsse ein ausgefeilter „Schlachtplan“ her. „60 % der Arbeit entfällt auf die Vorbereitung der Demontage“, erklärt Wöllner.
Generalstabsmäßig werden Bauzeichnungen ausgewertet, Maschinenteile überprüft und alte Pläne studiert, bevor der erste Kran anrückt, die Arbeiter die ersten T-Träger auseinanderschweißen. Tonnenweise wurden Zeichnungen von Fundamenten und Ofendetails nach China geschickt. Allein dieser transatlantische Postversand in wasserdichten Containern hat schon mehr als 1 Mio. DM an Frachtkosten verschlungen. Sechs Wochen wurde zwischen Peking, Hongkong und dem rheinischen Provinznest Meerbusch verhandelt, ein 30 Leitzordner füllender Zerlegeplan für den Stahlriesen entwickelt. „Danach hatten wir schon die halbe Miete“, erinnert sich Wöllner.
Auf dem Werksgelände herrscht eine einfache Abbruchregel: Die Chinesen nehmen alles mit, was oberirdisch zu sehen ist. So werden Eisenträger auseinandergeschweißt, Verbindungsrohre mit dem Trennschneider bearbeitet, Funken sprühen. Die ersten schweren Rohrleitungssysteme sind schon abgebaut. Schritt für Schritt arbeiten sich die rund 200 Beschäftigten auf dem Stahlwerksgelände von außen nach innen an das Herz des Ofens heran. Alle Teile werden numeriert, registriert und mit den dazugehörigen Plänen versandfertigt verpackt. Und immer ist ein chinesischer Beobachter dabei.
Nach knapp vier Monaten hat der Stahlkoloß heute fast 2000 t Gewicht verloren. Vier je 100 m hohe Kräne, die jeweils bis zu maximal 800 t bewegen können, setzt Mynendonckx ein. „Was Größeres gibt es in Europa für diesen Zweck nicht.“
Vor der ehemaligen Werkstatthalle wartet Willi Hildebrandt. Er ist neben dem Belgier Mynendonckx für die Überwachung des Abbaus verantwortlich. Der diplomierte Hütteningenieur war früher bei Thyssen Bandstahl in Berlin beschäftigt.
Er stößt die Tür zu seinem Büro auf, spartanisch die Einrichtung. Zwei Telefone, ein Fax, auf der Fensterbank blubbert die Kaffeemaschine und ansonsten nur Ordner, Papiere und Zeichnungen. Neben seinem Schreibtisch steht ein fast 4 m langes graues Industrieregal. Darin 16 m Akten – die „Betriebsanleitung“ für den Stahlkoloß.
Das Telefon klingelt. Hildebrandt runzelt die Stirn, hört aufmerksam zu und schreibt mit, macht sich dann auf den Weg: „In der Turbinenhalle gibt´s Probleme“.
Nicht weit von seinem Büro entfernt ragt der fast 60 m hohe Schrägaufzug in die Höhe. Über diesen wurde der Ofen gefüllt. Von oben rutschten Eisenerz und Koks in die 1500 0C heiße Brennkammer. Doch wo vor wenigen Monaten noch das glühende Roheisen blubberte, sind heute nur Aschehaufen und Schlackereste übrig. Ein schwerer Naphtalingeruch liegt in der Luft.
Der 64jährige Hildebrandt hat einige Stahlstandorte sterben sehen: „Mit solchen Öfen ist das Ruhrgebiet groß geworden, aber die Zeiten sind vorbei“. Jetzt verdient er sein Geld mit der Zerlegung alter Hochöfen. Die Bunker, wo die Rohstoffe gelagert wurden, sind so groß wie Bahnhöfe. „Alles kommt weg“, brummt er und blickt hoch zu der schwarzen, vom Wind ausgefransten Fahne, die über dem Hochofen weht. Eine Art Trauerflor, den die Belegschaft vor der letzten Schicht angebracht hat.
In der Turbinenhalle dann plötzlich ein undefinierbares Stimmengewirr: Ein belgischer Monteur versucht, drei chinesischen Ingenieuren die Turbinenzerlegung in Englisch zu erklären. Man einigt sich schließlich auf eine Demontage in drei, statt in zwei Teilen, wegen der besseren Transportmöglichkeit.
Insgesamt 14 Ingenieure und drei Dolmetscherinnen zählen zum chinesischen Team in Hörde. Chefingenieur Liu Yun und seine beiden Kollegen Xia Dong Qi und Liang Chen brüten über einer Skizze der Techniker der belgischen Firma Pirson. „Die Chinesen wollen so schnell wie möglich mit dem Ofen nach Peking“, weiß Hildebrandt.
Über 1000 Zeichnungen haben Liu Yun und sein Team mit Hilfe von Lexika schon ins Chinesische übersetzt. Wie später der Aufbau in der Region Hebei funktionieren soll, ist den deutschen und belgischen Ingenieuren allerdings manchmal ein Rätsel. Doch Liu Yun gibt sich selbstbewußt. „In China werden wir die Montage selbst übernehmen. Und das wird alles sehr schnell gehen“, ist er sich ganz sicher.
Derzeit laufen die Vorbereitungen, um die Gießhalle mit Schweißbrennern in transportable Stück zu zerkleinern. Spannend wird es, wenn der fast 100 t schwere Hochofendeckel abgenommen wird. „Ob der in einem Stück bleiben kann, wissen wir jetzt noch nicht“, meint Hildebrandt.
Sicher nicht das letzte Rätsel, das Michel Mynendonckx und Willi Hildebrandt in Hörde lösen müssen, und sicher nicht der letzte Job der beiden im Ruhrgebiet.
MICHAEL FRANKEN
Detailplanung: Der chinesische Chefingenieur LinYun diskutiert mit Kollegen die nächsten Schritte. Zersägt, dann verpackt und auf den Weg nach China geschickt. Der Hochofen 3 der Thyssen Krupp Stahl AG im Dortmunder Stadtteil Hörde. Michel Mynendonckx und sein Arbeitspaket für die nächsten Wochen. Schon Ende Juli sollen hier nur die Betonfundamente stehen.

Stellenangebote im Bereich Kunststofftechnik

DeguDent GmbH-Firmenlogo
DeguDent GmbH Keramikingenieure (m/w/divers) Entwicklung Strukturwerkstoffe Hanau
Fresenius SE & Co. KGaA-Firmenlogo
Fresenius SE & Co. KGaA Prozessingenieur (m/w/d) im Bereich Medizintechnik Heilbronn
BAM - Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung-Firmenlogo
BAM - Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Werkstoffprüfer/in (m/w/d) der Fachrichtung Kunststofftechnik Berlin
ExxonMobil Chemical-Firmenlogo
ExxonMobil Chemical Ingenieure (m/w/d) Köln
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Konstrukteur SolidWorks Sondermaschinenbau (m/w/d) Bayern
Hochschule Hannover-Firmenlogo
Hochschule Hannover Professur (W2) Werkstoffe, Fertigungsverfahren in der Kunststofftechnik Hannover

Alle Kunststofftechnik Jobs

Top 5 Werkstoffe