Stahl 25.08.2000, 17:26 Uhr

Der Tanz auf dem Vulkan

EKO Stahl ist Chefsache.

Pfeifend schwingt sich der Schlitten vor die Luke, bohrt knatternd ein Loch in den Pfropfen, der den Vulkan verschließt. Immer tiefer frisst sich das Aggregat, dann schießt plötzlich gelbe Stahlschmelze heraus, Funken spritzen umher wie Sterne. „Der Abstich dauert ungefähr eine Dreiviertelstunde“, ruft Uwe Schmilinsky gegen den ohrenbetäubenden Lärm in der Halle. „Alles läuft nach Plan.“ Der alte Oberingenieur tritt näher an die glühende Masse. Träge füllt sie eine breite Rinne und verschwindet im Hallenboden. „Unter uns befinden sich zwei große Pfannen, die jeweils 300 t Roheisen aufnehmen können“, erklärt er. „Von dort geht das Metall dann zur weiteren Abkühlung und Verarbeitung, bis es das Werk als Stahlblech verlässt.“ Rotgelber Feuerschein fällt auf sein Gesicht, nachdenklich blickt er in die Unterwelt.
Mehr als drei Jahrzehnte war Uwe Schmilinsky Schichtleiter bei den Hochöfen, forschte in Eisenerz und Koks, schrieb wichtige Dokumente und kaufte Rohstoffe in Russland, Schweden und Polen. Alles für die größte Eisenhütte der DDR. „Als ich 1958 ins Werk kam, standen schon sechs Hochöfen“, erinnert er sich. „Das war damals eine riesige Baustelle, alles auf Roheisen konzentriert. Ursprünglich waren acht Öfen vorgesehen, es ist dann bei den sechsen geblieben.“ Heute führt der französische Usinor-Konzern die ostdeutsche Stahlküche. Das Werk läuft nicht schlecht, schreibt schwarze Zahlen. Von den ehemals 12 000 Hüttenwerkern durften 3000 bleiben, immerhin. Seit letztem Jahr stellt der Personalchef wieder neue Leute ein, noch vorsichtig, aber Tendenz steigend.
EKO Stahl hat es geschafft. Nach turbulenten Jahren der Privatisierung beliefert das Werk heute Volkswagen, BMW, DaimlerChrysler und Suzuki mit verzinkten Stahlblechen. Im Programm sind auch Profilstähle für die Bauwirtschaft. Die Produktion von Rohstahl erreichte im vergangenen Jahr 2,25 Mio. t, mehr als jemals zuvor. Rund 1,27 Mio. t Flachstahl verließen das Werk. Ein wegen der Konjunkturflaute stillgelegter Hochofen konnte im vergangenen Jahr wieder angefahren werden.
Jetzt greifen die Investitionen, die der belgische Stahlriese Cockerill Sambre, der Bund und das Land Brandenburg über die strukturschwache Region regnen ließen: Die neue Feuerverzinkungsanlage für Stahlbleche schlug mit 210 Mio. DM zu Buche. Ein Zentrum für lasergeschweißte Platinen speziell für die Autoindustrie versetzt EKO Stahl in die Lage, maßgeschneiderte Stahlbleche für Autokarosserien zu fertigen, so genannte Tailored Blanks. Seit 1997 läuft auch eine neue Sinteranlage. „Damit verfügt das Werk über die notwendige Technologie, den Anteil veredelter Produkte erheblich zu steigern“, weiß Uwe Schmilinsky. In Zahlen: Von vormals 40 % auf fast zwei Drittel der gesamten Stahlausbeute, darunter Bleche von nur 0,2 mm Dicke.
Vor zwei Jahren ging auch ein modernes Warmwalzwerk in Betrieb, mit zehn Jahren Verspätung. Da eine Warmwalzstraße fehlte, mussten die Genossen die 12 m langen und 25 cm dicken Stahlbrammen vor der Wende immer per Bahn nach Salzgitter kutschieren, um sie dort walzen zu lassen. Obwohl die DDR schon 900 Mio. Ostmark investiert hatte, ließen die Genossen 1987 alle Ausbaupläne fallen faktisch über Nacht war das Geld ausgegangen. Auf dieser In-vest-ruine des Sozialismus“ gründete Cockerill Sambre 1997 die neue Walzstraße.
Vorn fahren die 1000 °C heißen, noch rot glühenden Brammen ein. Innerhalb weniger Sekunden schießen am Ende der Werkhalle tausende Meter biegsamen Stahlblechs heraus, nur noch 2,5 mm dick, aufgewickelt auf riesige Rollen. Wie von Geisterhand laufen die Stahlmassen durch, sogar der Austausch der extrem belasteten Walzkörper erfolgt vollautomatisch.
Wohl deshalb lobte Landesvater Manfred Stolpe auf der Jubiläumsparty „die einzigartige Erfolgsgeschichte dieses ostdeutschen Unternehmens“. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach von „einer ungeheuren Lebensleistung der Erbauer. Niemand hat das Recht, davon auch nur ein Jota abzustreiten“. Warme Worte für die ostdeutsche Seele, spontaner Applaus der gut fünftausend Festgäste.
Die Eisenhütte zu bauen, war eine politische Entscheidung. SED-Generalsekretär Walter Ulbricht fürchtete die Abhängigkeit von den Sowjets. Um den Kreml gnädig zu stimmen, nannte er die neue Industriesiedlung an der Oder „Stalinstadt“, später wurde Eisenhüttenstadt daraus. Noch 1963 stritt er mit Nikita Chrustschow über das Werk Chrustschow wollte gigantische Hütten in der Nähe der Erzlagerstätten von Kriwoj Rog bauen. Für die Schwerindustrie DDR bildete das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) das Rückgrat schlechthin, alle anderen metallurgischen Betriebe wie in Riesa oder Hennigsdorf waren deutlich kleiner.
Das alte Eisenhüttenkombinat war eine der großen Dreckschleudern im Osten. Jeder Abstich ließ eine riesige Schwefelwolke über die Stadt aufsteigen damals wurde noch minderwertige Braunkohle verfeuert. Ein Abriss des Werkes nach der Wende hätte zweistellige Milliardenbeträge verschlungen und die ganze Industrieregion in die Steinzeit zurückgeworfen. Also kratzten die Treuhand und das Land Brandenburg rund 660 Mio. DM als Starthilfen zusammen.
Derart verzuckert, fanden die jahrelangen Querelen um die Privatisierung 1995 endlich ein Ende. Mit Cockerill Sambre stießen die Belgier in die Lücke, die der italienische Stahlkonzern Riva gerissen hatte, als er sein Engagement kurzfristig aufkündigte. Zuvor war schon die Salzgitter AG über tönende Versprechungen nicht hinaus gekommen. 1998 verleibte sich Usinor die Werke von Cockerill Sambre ein und kaufte von der Treuhand sämtliche Bundesanteile an EKO auf. Die Summe der getätigten Investitionen erreicht heute rund 1,3 Mrd. DM.
„Das Werk in Eisenhüttenstadt ist für uns ein wichtiges Standbein für den Sprung nach Osteuropa“, ließ Usinor-Chef Francis Mer die Partygäste wissen. „Wir wollen mit EKO Weltmarktführer bei Flachstahl werden.“ Er kündigte weitere Investitionen in Eisenhüttenstadt an. Der ostdeutsche Stahlproduzent gründete bereits erste Töchter in Lodz und in Bytom bei Katowicze – beides Zentren für den Vertrieb und die Weiterverarbeitung. Kanzler Schröder sieht in EKO Stahl gar „einen Pfeiler der europäischen Osterweiterung“.
Ärmel hochkrempeln ist angesagt, ein neuer Aufbruch dämmert. Seit drei Wochen hat die EKO Stahl GmbH auch einen neuen Chef. Der Belgier Victor Polard übernahm die Zügel von seinem Vorgänger Hans-Jürgen Krüger, der nach den Jahren der Sanierung in den Ruhestand ging. Mit Polard steht erstmals ein Ausländer an der Spitze eines großen ostdeutschen Unternehmens. Anlässlich der Jubiläumsfeier schenkte er der Stadt eine Mehrzweckhalle und öffnete die Tore des Werkes für Schaulustige. Er will ein neues Selbstbewusstsein vor allem für die Jüngeren.
Bislang wandern die jungen Leute ab, vornehmlich nach Westdeutschland. Zwischen Frankfurt an der Oder und Guben kursieren rechte Parolen, Schläger organisieren sich in kleinen Trupps. „Wir haben eine klare Position gegen Radikalismus und Gewalt“, betonte Polard bei seinem ersten öffentlichen Auftritt vor der Presse. Es klang wie eine Kampfansage. „Wir wollen offen für unsere internationalen Gäste sein.“ Schon seit Jahren versucht die Geschäftsleitung gemeinsam mit dem Betriebsrat, ein Konzept gegen rechte Agitation im Stahlwerk umzusetzen. Ohne die Eisenhütte, das schwingt in Polards Reden mit, wäre Eisenhüttenstadt nichts.
Oberingenieur Uwe Schmilinsky gehört zum alten Eisen. Er ist seit 1991 im Ruhestand. Nur manchmal setzt er sich noch den Helm auf, um Neugierigen das ausgedehnte Werksgelände zu zeigen. „Bärenführer“ nennen ihn dann die Kollegen. Sein schütteres, weißes Haar passt nicht so recht zu den dunklen, mit Kohlenstaub bedeckten Hallen.
Der allgegenwärtige Kohlenstaub lagert sich im gesamten Werk ab: auf den armdicken Kühlschläuchen am Hochofen, den Armaturen, den Messgeräten, den Werkzeugen und den Gesichtern der Hüttenwerker, meist junge, kräftige Burschen. „Für sie ist es eine schwierige Zeit“, meint Schmilinsky. „Ich habe immer bei EKO gearbeitet, das war eine sichere Bank. Wer heute hier in Lohn und Brot steht, hat Glück gehabt, zurzeit läuft es gut.“ Er zögert und fügt hinzu: „Auch wenn die Löhne noch immer nicht annähernd so hoch sind wie im Westen.“ HEIKO SCHWARZBURGER
Produktionszahlen EKO GmbH (1989): 2,173 Mio. t Roheisen, 1,85 Mio. t Rohstahl, 2,22 Mio. t Flachstahl (gewalzt), 1,80 Mio. t Halbzeuge, 11 934 Beschäftigte
Produktionszahlen EKO GmbH (1999): 1,943 Mio. t Roheisen, 2,25 Mio. t Rohstahl, 1,27 Mio. t Flachstahl (gewalzt), 2,12 Mio. t Halbzeuge, 900 000 t Warmband, 3015 Beschäftigte

Von Dm.
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