Werkstoffe 18.03.2005, 18:37 Uhr

Der neue Tiger Asiens gibt Gummi  

Das sozialistisch regierte Vietnam zieht die Produktion von Naturkautschuk hoch. Denn damit lässt sich gut verdienen. Die Reifenindustrie braucht diesen Rohstoff mehr denn je, um den globalen Motorisierungswunsch – vor allem in China und Indien – ins Rollen zu bringen. Noch 2005 will Vietnam Vollmitglied der internationalen Kautschukorganisationen werden.

Die Milch von 100 ha fließt hier zusammen. An der Sammel- und Wiegestelle Nr. 11 von So Do Quan Ly Tram So, irgendwo in der riesigen Plantage der Dau Tieng Rubber Cooperation (DRC), klappert und spritzt es zu allen Seiten, wenn der Tankwagen am frühen Vormittag vorgefahren ist. Etwa 50 Arbeiterinnen in einheitsblauen Anzügen hieven ihre vollen Eimer und Kannen hoch, um frisch geerntete Latexmilch in den Tank zu gießen. Eine schweißtreibende Arbeit, bei der das schnatternde Stimmenkonzert der Frauen immer mehr anhebt, je voller der Tank wird.

Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei. Plötzlich kehrt wieder behäbige Ruhe in den Kautschukforst. Russische Belarus-Traktoren tuckern mit vollen Tanks zur nächsten Fabrik, wo die Latexmilch koaguliert und zu festen Kautschukblöcken verarbeitet wird. Wenn die Frauen ihre leeren Eimer mit Wasser ausgewaschen haben, schwingen sie sich auf ihre Fahrräder und Mopeds und fahren in alle Himmelsrichtungen.

Wer an der Sammelstelle zurückbleibt, der vernimmt keine Stimme mehr. Der hört keinen Motor, der aufheult keinen Vogel, der zwitschert. Es herrscht Stille, und die Sonne wirft streifiges Licht durch die unendlichen Reihen fast ebenbürtiger Bäume: Das ist der Ort, woher der Naturkautschuk kommt, wo er kultiviert wird.

„Das ist mein Leben.“ Die Zapferin Le Thi Kim Chi sagt dies mit pragmatischer Zufriedenheit. Seit 22 Jahren arbeitet sie im Kautschukforst. Seit 22 Jahren steht sie frühmorgens auf, um die Rinden der „tränenden Bäume“ anzuritzen. Die Mutter von drei Kindern wohnt mit ihrem Mann, der auch bei der DRC beschäftigt ist, im Dorf Thanh Tan. Mit dem Fahrrad fährt sie von ihrem Haus zu „ihren“ Bäumen, die alle eine laufende Nummer haben.

303 Bäume stehen unter der erfahrenen Obhut von Madame Chi, die wie alle Arbeiterinnen leistungsorientiert bezahlt wird. Wichtig ist der behutsame Umgang mit dem Baum. Wer ihn gut behandelt, kann nach Aussage von Madame Chi von 300 Bäumen rund 1,5 t Trockenkautschuk jährlich ernten.

Der Arbeitsablauf für Chi und ihre Kolleginnen ist fast immer der gleiche. Morgens um fünf Uhr beginnen das Anritzen der Rinde und das Leeren der Behälter, der so genannten Cups, kleine kegelförmige Plastikbehälter, die am unteren Ende der Ritze am Stamm hängen. In etwa 1 m Höhe wird angeritzt. Auf der Plantage von Dau Tieng zweifach, einmal von links oben nach rechts unten und einmal von links unten nach rechts oben. Zwei Messer benutzen die Zapfer dafür: das langstielige dao tuc fürs grobe Anritzen und das dao keo mit dem kurzen Griff für den Feinschliff.

„Ungefähr nach einem Jahr im Forst hat man die Fähigkeit, den Baum richtig zu behandeln“, sagt die 46-Jährige, die nach drei Stunden routinierter Arbeit eine kleine Pause einlegt. Sie setzt sich in eine Hängematte, die sie und ihre Arbeitskollegin Rinh zwischen zwei Bäumen gespannt haben.

Mehrere Räucherstäbchen stecken im Boden und glimmen vor sich hin. Der stark parfümierte Rauch liegt schwer in der Luft und soll Moskitos vertreiben, die hier eine echte Plage sind. Früher, zu Zeiten der französischen Kolonialherrschaft, sind viele Arbeiter der Malaria zum Opfer gefallen. Diese Gefahr ist aufgrund besserer ärztlicher Versorgung sehr klein geworden.

Fast 30 000 ha groß ist die Plantage nordwestlich von Ho Chi Minh City (Saigon), der quirligen Metropole im Süden Vietnams. Die Plantage wurde von dem französischen Reifenhersteller Michelin im Kolonialjahr 1917 mitten in den tropischen Urwald hineingepflanzt. Sie ist die größte in Vietnam, und sie gehört zu den erfolgreichsten im Land. Vietnam schließt mit einer Produktion von 400 000 t (2004) peu à peu zu Indonesien, Thailand und Malaysia auf.

Die weiteren Produktionsziele sind ehrgeizig. Bis 2020 soll das Land, dessen Wirtschaft seit 1989 schrittweise liberalisiert wird und das Ökonomen wegen seiner hohen Wachstumsraten als „neuen Tiger“ Südostasiens betrachten, gut 1 Mio. t Kautschuk jährlich produzieren. So zumindest lautet die Forderung im Landwirtschaftsministerium in der Hauptstadt Hanoi.

Über die General Rubber Cooperation (Geruco), die als Dachorganisation der staatlichen Plantagenbetriebe (noch) über ca. 70 % der gesamten vietnamesischen Produktion wacht, nimmt die Regierung Einfluss auf das Geschehen im Kautschukforst. Die Mitgliedsunternehmen der Geruco bewirtschaften rund 220 000 ha mit Kautschukbäumen. Die Gesamtproduktion in Vietnam lag 2004 bei geschätzten 350 000 t Kautschuk.

Unabhängig von den staatlichen Planungen rechnen Experten mit jährlichen Wachstumsraten bis 2010 von 8 % bis 10 %. Schon dann will man die Produktion auf 700 000 t geschraubt haben. Neben den staatlichen Plantagen setzen auch viele Kleinbauern große Hoffnungen in den Kautschukanbau. Mit dem nachwachsenden Rohstoff können sie mehr Geld verdienen als mit Reis, Früchten oder anderen Agrarpflanzen.

Derzeit gehen rund 80 % der landesweiten Produktion in den Export. China mit seinem ungebremsten Mobilitätsdrang schluckt allein über 40 % die USA und Deutschland haben im letzten Jahr in etwa je 10 % des vietnamesischen Kautschuks gekauft. Dabei sieht es so aus, als ob Vietnams Hersteller weiterhin ihre Produkte bei gleicher Qualität zu einem niedrigeren Preis als die Wettbewerber aus den Nachbarländern anbieten könnten.

Die Nachfrage ist weltweit ungebrochen groß, sogar noch steigend, obwohl diverse Synthesekautschuke in vielen Bereichen den Naturkautschuk ersetzt haben. Doch ist das Naturprodukt aufgrund seiner einmaligen Eigenschaften in der Reifenbranche weiterhin nicht wegzudenken: für Flugzeuge, Lastkraftwagen, Automobile. Die Zulassungszahlen steigen, in den USA genauso wie in China und Indien. Daher sind die Aussichten, egal wie umweltfreundlich der Antrieb ausgestaltet sein mag, für diejenigen, die auf den Kautschukplantagen den „Saft der Mobilität“ zapfen, weiterhin günstig.

Allerdings ist der Ort, wo der nachwachsende Rohstoff Kautschuk heranwächst, beileibe kein Paradies. Es ist eine durchtrainierte und arbeitsintensive Monokultur, in der nur wenig andere Pflanzen und Tiere existieren können. Denn wo früher noch intakte Wälder waren, stehen heute Kautschukbäume. Und wo heute noch landwirtschaftliche Flächen sind, steht morgen schon das nächste Stück Forst für die globale Mobilität und – in Form von Kondomen aus Latex – für den Schutz gegen Aids.

Viele Vietnamesen setzen in die jungen, neu gepflanzten Bäumchen große Hoffnungen. Sie pflegen und hegen sie mit großer Sorgfalt zudem fließt viel Kapital in die Kulturen. Stellen doch die Erträge der nach sieben Jahren zum ersten Mal angeritzten Bäume die Existenz vieler Familien auf dem Lande sicher. Auch auf der Plantage Dau Tieng sieht man optimistisch in die Zukunft. Mehr als 2000 ha sind neu angepflanzt worden. Die Fläche hat man durch Rodung alter Baumbestände gewonnen. Das anfallende Holz findet im Gegensatz zu früher dankbare Abnehmer in Papier- und Möbelindustrie. So erwirtschaftet man mit dem Holzverkauf rund 15 % der Gesamterlöse im Kautschukforst.

In neun Jahren legt Madame Chi ihr Ritzmesser für immer beiseite. Mit 55 Jahren erhält sie, wie alle Arbeiterinnen in Vietnam, eine Pension und muss nicht mehr arbeiten. Ihre Tochter Thoa wird die Zapfertradition der Familie fortsetzen. Bis dahin aber wird Madame Chi noch so einige Tonnen Latexmilch einsammeln und zur Sammelstelle Nr. 11 bringen. DIERK JENSEN

Vietnam schließt zu den weltgrößten Produzenten auf

Mobilitätsdrang in China und Indien treibt Nachfrage

Von Dierk Jensen
Von Dierk Jensen

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