Werkstoffe 16.07.1999, 17:22 Uhr

Der Bleistift – ein Schreibgerät für Zimmermann und Zar

Der hölzerne Schreibstift mit der eingeleimten Mine aus Graphit und Ton mutierte vom Bleystefft zum luxuriösen Edelschreiber. Trotz elektronischer Textverarbeitung verbraucht die Menschheit auch heute noch Milliarden Bleistifte jährlich.

Jede Sekunde spuckt die Maschine 18 Stifte aus. Nach einer Minute sind es bereits 1080, 64 800 nach einer Stunde. Wenn auch die zweite Schicht Feierabend hat und die Maschine abgeschaltet wird, hat sie mehr als eine Million der Schreibgeräte produziert, deren Namen auf einem Irrtum beruht. Denn der Rohstoff, den man Mitte des 16. Jahrhunderts im englischen Cumberland-Gebirge fand, wurde wegen seines Glanzes für Bleierz gehalten. Als man den Fehler vor 200 Jahren bemerkte, war es bereits zu spät: zu groß war der Bekanntheitsgrad – die Umbenennung von Bleistift in Graphitstift scheiterte.
Vor allem in Nürnberg verlegte man sich auf das „Bleystefftmachen“. Ab dem 18. Jahrhundert tauchten in der Geschichte der Stadt die Namen Caspar Faber, Gustav Schwanhäußer und Friedrich Staedtler auf.
Ende des Jahrhunderts entdeckten nahezu zeitgleich der Franzose Contè und der Österreicher Hartmuth das sogenannte Ton-Graphit-Verfahren. Seit dieser Zeit wird gemahlener Graphit mit Ton vermischt, zu Minen geformt und gebrannt. Die Zusammensetzung beider Stoffe ergibt den Härtegrade der Mine: h wie hart oder b wie black, was den größeren Graphitanteil kennzeichnet, durch den die Mine weicher wird.
Geformt, getrocknet, gebrannt – dann sind die Minen fertig und kommen zur „Konfektionierung ihres Holzkleides“, wie Peter Schafhauser, Sprecher der A.W. Faber-Castell GmbH & Co. Erklärt. Neun Rillen erhalten die meist aus amerikanischem Zedernholz gefertigten Brettchen mit den Maßen 18,5cm x 7cm x 0,5cm. Nicht nur, daß sich das Holz gut und leicht verarbeiten läßt, es ist auch nahezu Astfrei.
Mit einem speziellen Leim, der die Minen beim Trocknen mit dem Holz „verschweißt“ und so am Zerbrechen hindert, wird das Oberbrettchen aufgeleimt – „wie ein Sandwich“. Dann wird das Holz von oben und unten so weggefräst, daß am Ende die bekannten sechseckigen Stifte stehenbleiben.
Da naturbelassene Stifte leicht Bakterien aufnehmen, also unhygienisch sind, werden die Stifte mit einem Lack überzogen. Schon 1993 hat Faber-Castell von Aceton-Lacken auf Wasserlacke umgestellt, wie Schafhauser nicht ohne Stolz berichtet.
Ähnlich gestaltet sich auch die Herstellung der Farbstifte, nur daß die Brettchen mit ungebrannten Minen versehen werden, da diese mit Farbpigmenten und Porzellanerde angereichert sind.
Mit den Holzschreibern allein könnten Firmen wie Faber-Castell, Schwan-Stabilo oder Staedtler heute kaum überleben. Sie erweiterten ihr Sortiment im Laufe der Jahre um Farbstifte, Naßschreibgeräte wie Textmarker, Faserschreiber und seit einiger Zeit auch um Kosmetikstifte.
Besonders stark diversifiziert hat die Schwan-Stabilo GmbH & Co. Das Unternehmen brachte 1956 den „All-Stabilo Graphitstift“ auf den Markt – ein mit Wachs und Fetten angereicherter Bleistift. Damit ließ sich auch auf glatten Oberflächen wie Glas und Kunststoff schreiben, „ein Riesen-Renner“, so Produktionsleiter Wolfgang Winkler. Der Bleistift wird heute nur noch aus „Servicegründen im Sortiment mitgeführt“, erklärt Winkler den Rückgang.
Der Ausstoß an holzgefaßten Stiften aus dem Hause Schwan-Stabilo beträgt jährlich noch eine Million Gross – so der Fachjargon. (Ein Gross beinhaltet 144 Stück). Etwa 36 Millionen davon sind Bleistifte, der Rest Farbstifte. Einen großen Anteil am Bleistiftbereich nimmt noch der Stift für den Zimmermann ein. Auch Druck- und Drehbleistifte führt das Unternehmen, das weltweit 2600 Menschen beschäftigt, im Sortiment.
Die zu Staedtler gehörende Marke Faber Castell (EFA) in Neumarkt in der Oberpfalz stellt u. a.Feinminen für Druck bleistifte von 0,3 mm bis 0,9 mm Durchmesser her – „die einzige Produktion in ganz Europa“, erklärt die Sprecherin von Staedtler, Gerlinde Karg. Eberhard Faber, ein jüngerer Bruder Lothar Fabers (später Lothar von Faber) hatte 1849 die Zweigniederlassung der Fabers in den USA übernommen und gründete dort zusätzlich ein eigenes Unternehmen. Dessen beide Söhne – Eberhard und Lothar – gingen den umgekehrten Weg und etablierten 1922 eine Niederlassung in der Oberpfalz. Staedtler kaufte 1978 die Tochter und gliederte sie zu 100 % in das gesamte Unternehmen ein.
Bleistifte zählen bei Staedtler auch heute noch zu den „ganz wichtigen Kompetenzfeldern“. Rund 80 Mio. holzgefaßte Stifte laufen bei EFA jährlich vom Band, im gesamten Unternehmen sind es 300 Mio. Wie für Schwan-Stabilo sind auch für Staedtler die Zimmerleute eine gute Klientel. Mit seinen Farbstiften spricht das Unternehmen sowohl Künstler wie auch den Nachwuchs an.

Der Zimmermann markiert noch immer mit „Blei“

Faber-Castell hat den Bleistift geadelt. „Bleistifte sind unsere glaubwürdigste Basis.“ Daß sich das Unternehmen zu diesem Schreibgerät bekennt, „war nicht immer so“, räumt Schafhauser ein. Aus diesem eigentlich recht gewöhnlichen Produkt hat die Firma eine Edellinie hervorgebracht: „Graf von Faber-Castell“. In einem edlen Etui gibt es die Holzschreiber, aus „ausgesuchten, kannellierten Hölzern“, versehen mit verdecktem Radiergummi und einem versilberten Bleistiftverlängerer, der das Schreibgerät taschentauglich macht.
Ein Drittel des Umsatzes von konsolidiert 511 Mio. DM weltweit in 1997 stammen aus dem Geschäft mit holzgefaßten Stiften, die auch ein Drittel des Sortiments darstellen. Der größte Produktionsstandort des Unternehmens ist Brasilien. In Sao Carlos werden jährlich 1,5 Mrd. der insgesamt 1,8 Mrd. Stifte hergestellt. „Statistisch gesehen schreibt jeder dritte Erdenbürger mit einem Holzstift von uns“, rechnet Schafhauser vor.
Doch egal welches Modell bevorzugt wird: Von der „Rückbesinnung auf natürliche Materialien“ und dem Trend zum „Schreiben mit der Hand“ hat der Bleistift profitiert, so Schafhauser. Pfiffige Ideen seien aber dennoch wichtig, um im Markt zu bestehen. Ob mit dem multifunktionalen Bleistift schon das Ende der kreativen Phase erreicht ist? „Das haben wir vor Jahren auch schon mal gedacht.“
NINA LÖHNERT
Den Bleistift geadelt hat das Haus Faber Castell mit seiner Edel-Linie . Silberne Beschläge machen aus dem Schreibgerät ein edles Geschenk.
Aus Ton und Graphit wird die Masse für die Herstellung der „Blei“-stiftminen gemischt. Je mehr Graphit, desto schwärzer der Strich.
Blei enthalten die Bleistiftminen nicht. Ein Irrtum verhalf dem Stift zu seinem Namen.

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