Kunststoffe 08.09.2006, 19:23 Uhr

„Auch in Europa lässt sich noch viel Geld verdienen“  

VDI nachrichten, Bad Oeynhausen, 8. 9. 06., ps – Die Balda AG ist einer der weltweit größten Hersteller von Handy- Schalen. Jetzt steigt der Kunststofffverarbeiter zusammen mit einem asiatischen Partner in die Touchscreen-Technologie ein. Innerhalb eines Jahres könnte sich der Umsatz beinahe verdoppeln. Fragen an den Vorstandsvorsitzenden Joachim Gut über die Wachstumsstrategie des Unternehmens.

Gut: Wir holen uns Technologien ins Haus, die unsere Kompetenz bei Kunststoffformteilen ergänzen. TPK stellt Touch-Sensoren zwischen 2 inch und 8 inch her, also kleine Displays, die auch in Handys, Handhelds, PDAs eingebaut werden können. Wir stärken mit dem Deal unser Kerngeschäft Mobilfunk, weil wir den Handyherstellern künftig nicht nur die Oberschale anbieten können sondern die komplette Sensoreinheit inklusive Display.

VDI nachrichten: Wie schnell wird sich Touchscreen bei Handys durchsetzen? Bisher gibt es erst ein Gerät zu kaufen.

Gut: Wir erwarten, dass 10 % bis 15 % aller Telefone künftig auf dieser Technologie basieren. Zurzeit sind die Displays der Handys noch sehr klein. Wenn man auf die Tastatur verzichtet und sie mit Touchsensoren in das Display integriert, können sie deutlich größer werden. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, weil das Handy künftig auch für TV, Video und Internet genutzt wird.

VDI nachrichten: Wann kann man das erste Handy mit Touchscreen-Technologie von Balda/TPK kaufen?

Gut: Den genauen Zeitpunkt bestimmen unsere Kunden. Aber damit kein falscher Eindruck entsteht. TPK hilft uns nicht nur auf dem Mobilfunkmarkt. Das Unternehmen hat vor allem Kunden in der Konsumgüterindustrie, denen wir künftig auch unsere Kunststoffformteile anbieten können. Jedes Display braucht schließlich ein Gehäuse oder einen Einbaurahmen.

VDI nachrichten: Mit dem Gemeinschaftsunternehmen wollen Sie schon 2007 bis zu 700 Mio. € umsetzen, das wäre beinahe eine Verdoppelung des aktuellen Jahresumsatzes. Ist das nicht eine allzu optimistische Prognose?

Gut: Nein, wir sind relativ sicher, dass wir diese Zahl tatsächlich erreichen. Die taiwanesische Familie Chiang, die hinter TPK steht, hat dreißig Jahre Erfahrung in der Elektronikfertigung. Die neue Fabrik, die wir jetzt im chinesischen Xiamen bauen, basiert auf erprobten Technologien. Außerdem haben wir konkrete Aufträge vorliegen, die das Werk 2007 auslasten. Ich bin selbst alle 14 Tage vor Ort, um mir ein Bild zu machen. Vorserien laufen bereits auf der Anlage, die Massenproduktion wird Mitte bis Ende Oktober beginnen.

VDI nachrichten: Ist der Deal nicht dennoch mit hohen Risiken verbunden? Viele deutsche Firmen haben mit Joint Ventures in China nicht gerade positive Erfahrungen gemacht¿

Gut: Das ist richtig, aber ich bin dennoch sehr zuversichtlich. In den Verträgen haben wir die Rechte und Pflichten beider Partner ganz klar definiert. Entscheidender aber ist, dass wir mit der Chiang-Familie ja schon länger zusammenarbeiten. Sie waren an unserem China-Geschäft über eine dritte Gesellschaft beteiligt, ein Mitglied der Familie Chiang, Michael Chiang, leitet für Balda das gesamte Asiengeschäft. Wir fangen also nicht bei null an.

VDI nachrichten: Aber Joint Ventures sind doch meist Übergangslösungen. Wer wird langfristig das Sagen haben?

Gut: Das kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. In den Verträgen werden natürlich mögliche Szenarien beschrieben, aber darüber haben wir Vertraulichkeit vereinbart.

VDI nachrichten: Wenn Ihre Pläne aufgehen, werden Sie schon 2007 mehr als 60 % Ihres Umsatzes in Asien machen. Bis 2010 dürfte der Asien-Anteil auf 75 % steigen. Macht es da noch Sinn die AG von Bad Oeynhausen aus zu führen?

Gut: Das ist eine berechtigte Frage. Wir dürfen uns nicht auf den Standpunkt stellen, wir sind ein deutsches Unternehmen, also muss alle Verantwortung auch hier konzentriert sein. Was wir brauchen, ist eine globale Matrix. Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden nach sachlichen Gesichtspunkten vergeben. Deshalb kann es auch sein, dass künftig etwa bestimmte Key Accounts an den asiatischen CEO berichten.

VDI nachrichten: Aber die Holding bleibt in Bad Oeynhausen?

Gut: Auf absehbare Zeit ja. Für die Zentrale in Bad Oeynhausen sprechen auch technische Gründe. Wir haben hier die Forschung und Entwicklung für die Kunststoffverarbeitung konzentriert, hier entstehen die Innovationen für den Werkzeugbau. Und nicht zuletzt steht hier das modernste Werk für Kunsststoffverarbeitung in Europa.

VDI nachrichten: Aber Ihr Drang nach Osten verunsichert die Mitarbeiter doch sicher. Fürchtet man nicht, dass hier über kurz oder lang die Lichter ausgehen?

Gut: Ich will gar nicht bestreiten, dass es eine gewisse Irritation gibt. Aber wer die Sache nüchtern betrachtet, wird erkennen, dass wir so handeln müssen. Die Handyhersteller haben ihre Produktionszentren nach Asien verlagert, dahin, wo sie das größte Wachstum erwarten. Als ich vor dreieinhalb Jahren hier angefangen habe, hätte uns Nokia beinahe ausgelistet, weil wir in Asien nicht genügend präsent waren. Damals waren wir noch ein rein deutsches Unternehmen. 95% unseres Umsatzes haben wir hier gemacht.

VDI nachrichten: Dass die Aktionäre von Balda von der Expansion in Asien profitieren, liegt auf der Hand. Aber was ist mit den Beschäftigten hier? Müssen die nicht langfristig um Ihre Stellen fürchten?

Gut: In den fünf deutschen Werken beschäftigen wir in der Spitze gut 2000 Mitarbeiter, ich hoffe, dass wir die auf Dauer an Bord halten können. Das hängt stark davon ab, wie schnell es uns gelingt auch mit der Touchscreen-Technologie neues Geschäft für Europa zu generieren. Denn klar ist, dass in Europa der Umsatz mit Mobiltelefonen schrumpft. Den Trend können wir nicht aufhalten.

VDI nachrichten: Auch nicht durch Lohneinbußen und längere Arbeitszeiten?

Gut: Nein, das bringt uns nicht wirklich weiter. Wir wollen, dass die Belegschaft auch künftig anständig verdient und am Unternehmnenserfolg partizipiert. Zurzeit verhandeln wir mit dem Betriebsrat über eine Gewinnbeteiligung. Auch in Europa lässt sich noch viel Geld verdienen. Aber ohne motivierte und ehrgeizige Mitarbeiter schaffen wir das nicht.

VDI nachrichten: Aber auch mit engagierten Leuten ist es ja offenbar schwierig. Seit vier Jahren versuchen Sie schon, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Doch die Umsätze sind minimal und statt schwarzer Zahlen schreiben Sie etwa in der Medizintechnik Verluste¿

Gut: Das stimmt so nicht. In der Medizintechnik erreichen wir in diesem Jahr die Gewinnschwelle und dürften auf rund 15 Mio. € Umsatz kommen. Das ist schon ganz ordentlich. 2007 wollen wir diesen Wert fast verdoppeln. In fünf Jahren sind bis zu 80 Mio. € Umsatz drin.

Ich gebe zu, wir haben vielleicht am Anfang unterschätzt, wie hoch die Eintrittsbarrieren in diesem Markt sind. Man braucht einen langen Atem, weil es strenge Auflagen gibt, weil Genehmigungen eingeholt werden müssen.

VDI nachrichten: Bisher fertigen Sie Inhalationsgeräte und Stechhilfen für Diabetiker. Was kommt hinzu?

Gut: Über Produkte kann ich noch nicht sprechen. Wir haben aber Entwicklungsaufträge von mehreren Kunden, die in den kommenden Jahren den zusätzlichen Umsatz bringen werden. Und die Fertigung entfällt fast ausschließlich auf die deutschen Werke.

VDI nachrichten: Im Moment macht Balda noch rund 90 % des Umsatzes mit Handyherstellern. Wie schnell können die neuen Geschäftsfelder aufholen?

Gut: Unser Ziel ist, in einigen Jahren 30 % des Umsatzes in neuen Märkten zu machen, und damit die Abhängigkeit von der Mobilfunkbranche zu verringern. Wir werden in jeden Markt gehen, in dem kleine Kunststoffteile in großer Menge benötigt werden. Immer vorausgesetzt, dass man damit auch Geld verdienen kann.

VDI nachrichten: Apropos Geld verdienen. Seitdem ihr Mehrheitsgesellschafter Bernd Fennel im vergangenen Jahr seine Anteile verkauft hat, forcieren Sie das Wachstumstempo vor allem in Asien. Vielleicht auch, weil angelsächsische Hedgefonds inzwischen größere Aktienpakete halten?

Gut: Da sind Sie auf der falschen Fährte. Unsere Wachstumsstrategie war längst beschlossen, als Herr Fennel ausgestiegen ist. Was wir tun, kommt ausschließlich aus den Märkten heraus, aus den Anforderungen unserer Kunden, den technologischen Chancen, die sich uns bieten. Der Markt treibt uns – nicht die Finanzmärkte.

VDI nachrichten: Also die Fondsmanager machen keinen Druck, den schwächelnden Aktienkurs durch spektakuläre Transaktionen zu pushen?

Gut: Nein, vielleicht würde es mancher gerne tun, aber bisher arbeiten wir so, wie wir es für richtig halten. Und der Erfolg gibt uns Recht¿

VDI nachrichten: Wobei die Zahlen für das zweite Quartal ja alles andere als erfreulich waren. Umsatz und Gewinn sind zurückgegangen. Der Aktienkurs sackte weiter ab¿

Gut: Im zweiten Quartal hatten wir in der Tat Probleme mit einem Kunden, der seine Produktionsabrufe reduzieren musste. Für das Gesamtjahr sind wir aber weiter optimistisch. So ein Dämpfer lässt sich nie ganz ausschließen. Es zeigt aber nur, dass man ein Unternehmen wie Balda nicht führen kann, wenn man nur die kurzfristigen Erwartungen der Finanzmärkte im Kopf hat. Am Ende des Tages muss die Bilanz stimmen. Das wird langfristig auch von den Anlegern honoriert.

PETER SCHWARZ

Von Peter Schwarz
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