Metallindustrie 07.09.2012, 11:00 Uhr

Arbeitgeberverband Gesamtmetall: Kannegiesser gibt Amt auf

Martin Kannegiesser, Präsident des Metallarbeitgeberverbandes, gibt sein Amt auf. Nachfolger wird der Heidelberger Unternehmer Rainer Dulger. Die Aussichten für die deutsche Metall- und Elektroindustrie seien gut, meint Kannegiesser. Die nächsten Jahre auf den Weltmärkten aber werden geprägt sein vom Auftreten neuer „Wettbewerber, die mit anderen Bandagen kämpfen“.

Rainer Dulger tritt die Nachfolge von Martin Kannegiesser an.

Rainer Dulger tritt die Nachfolge von Martin Kannegiesser an.

Foto: Gesamtmetall

„Nichts“ – kurz und bündig antwortet Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser auf die Frage, was er heute anders machen würde, auch wenn er einräumt, dass Entscheidungen aus der jeweiligen Situation heraus beurteilt werden müssten.

Am 14. September gibt Kannegiesser, der jetzt siebzig ist und zwölf Jahre an der Spitze des einflussreichen Arbeitgeberverbandes der Metall- und Elektroindustrie stand, dieses Amt ab. Sein Nachfolger wird der Heidelberger Unternehmer Rainer Dulger.

Für Kannegiesser, Unternehmer aus Vlotho in Ostwestfalen, ist der Rückzug von der Verbandsspitze auch Anlass, nach vorn zu blicken. Für seine Branche ist er optimistisch. Die deutsche Industrie habe sich im Wettbewerb in den klassischen Industrieländern in Europa und Nordamerika gut behauptet, „um es ganz vorsichtig auszudrücken“.

Kannegiesser: Neue Wettbewerber kämpfen mit harten Bandagen

Aber auf den Weltmärkten treten neue Wettbewerber auf „aus anderen Ordnungssystemen, die mit anderen Bandagen kämpfen“. Kannegiesser denkt an China, aber Unternehmen von dort werden nicht die einzigen sein, die mit Macht den Unternehmen aus dem Westen Konkurrenz machen werden.

Was Kannegiesser mit Sorge betrachtet, ist die zentrale Steuerung von Märkten in China. Zwar gebe es dort marktwirtschaftliche Elemente und Wettbewerb, aber im Hintergrund ständen staatliche und politische Instanzen, die dafür sorgen, dass ein Produkt oder ein Unternehmen als strategisch wichtig identifiziert und gefördert werde. Das würde westliche Firmen benachteiligen. Kannegiesser sieht daher eine große Aufgabe der kommenden Jahre darin, China in das internationale Wettbewerbsregime einzubinden – eine schwierige Aufgabe für ein Land mit anderen kulturellen Wurzeln, räumt er ein.

Kannegiesser: “Versuchung des Protektionismus” nimmt weltweit zu

Derzeit sei die „Versuchung des Protektionismus“ weltweit wieder groß, nicht nur in China, auch in Europa. Hier ist es der französische Staatspräsident François Hollande, der die nationale Automobilindustrie stützen will. Dem Protektionismus hält Kannegiesser die Idee einer offenen Welt entgegen, wie sie bei der Gründung der Vereinten Nationen 1945 Pate gestanden habe. Eine Welt ohne Handelshemmnisse sei für die stark spezialisierte deutsche Industrie lebensnotwendig.

Auch in den nächsten Jahren werde die deutsche Metall- und Elektroindustrie gut aufgestellt und in den meisten Sparten wettbewerbsfähig bleiben, ist Kannegiesser sicher. Aber es kommen neue Herausforderungen auf die Unternehmen zu. Künftig gehe es weniger um die Optimierung vorhandener Techniken – eine besondere Stärke der deutschen Industrie –, sondern um die Entwicklung neuer Techniken, z. B. in der die Antriebstechnik für Elektro-Automobile. In einem Wettbewerb mit Unternehmen, die, wie chinesische Firmen, staatlich gefördert werden, sei das für westliche Unternehmen nicht ohne Risiko.

Die Stärken der deutschen Metall- und Elektroindustrie sieht der scheidende Gesamtmetall-Präsident in der Fähigkeit, Wissen aus unterschiedlichen Gebieten zu einer Gesamtlösung zu verbinden und daraus neue Geschäftsfelder zu erschließen. Voraussetzung dafür seien exzellentes Personal und ein Bankensystem, das sich mehr der Industrie zuwendet und nicht mit sich selbst spielt, sagt Kannegiesser mit einem Schuss Ironie.

Die aktuellen konjunkturellen Eintrübungen will Kannegiesser nicht überbewerten. Sollten aber Unternehmen über einen längeren Zeitraum nicht ausgelastet sein, wie 2008/2009, sieht er Handlungsbedarf von Seiten der Politik. „Dann muss wieder über ein Instrument zur Bewältigung der Krise nachgedacht werden.“

Kannegiesser sieht in Kurzarbeit ein Instrument zur Krisenbewältigung

Er hat dabei Kurzarbeit im Blick, aber mit der Variante, dass die Beschäftigten nicht einen Teil der Zeit zu Hause bleiben, sondern im Betrieb Zukunftsprojekte in Angriff nehmen, zu denen man im normalen Geschäftsgang nicht komme, z. B. Umstellungen in Fertigungs- oder Arbeitsabläufen. Die Lasten dafür sollten zwischen Beschäftigten, Unternehmen sowie Steuer- oder Beitragszahlern aufgeteilt werden.

Die Amtszeit von Kannegiesser an der Spitze von Gesamtmetall fiel in eine Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher Umbrüche: Technologieschübe, die Internationalisierung der Unternehmen, der Aufstieg der Schwellenländer und ein steigender Kostendruck prägen die Weltwirtschaft seit den 80er-Jahren und haben auch die deutschen Metall- und Elektrounternehmen kräftig durcheinandergewirbelt.

Die Verunsicherung ging so weit, dass auch bewährte Institutionen wie die Tarifautonomie infrage gestellt wurden. Die Tarifbindung der Unternehmen ging zurück, die Gewerkschaften verloren Mitglieder.

Neue Tarifpolitik war der Ausweg aus der Kostenfalle

„Preise und Kosten waren vielfach zu hoch“, sagt Kannegiesser rückblickend. Die Gefahr habe bestanden, dass die Metall- und Elektroindustrie in Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Für die Arbeitgeber lag der Ausweg in einer neuen Tarifpolitik, die sich durch mehr Betriebsnähe auszeichnet. 2004 wurde das sogenannte Pforzheimer Abkommen geschlossen, mit dem ein Paradigmenwechsel in der Tarifpolitik eingeläutet und den Betrieben Spielraum eingeräumt wurde.

Seit dem Pforzheimer Abkommen habe sich auch der Stil zwischen Arbeitgebern und IG Metall geändert, sagt Kannegiesser. Der Umgang sei sachlicher geworden, der Austausch enger. Es gebe einen ständigen Dialog, nicht nur in Tarifrunden.

Unter Kannegiessers designiertem Nachfolger Rainer Dulger soll dieser tarifpolitische Kurs beibehalten werden. Details zu seinen Vorstellungen gibt er vor der Wahl nicht preis. Aber er rechnet damit, dass es künftig mehr Öffnungsklauseln geben wird – was aber nicht bedeute, wie er einschränkt, dass die aktuellen Regelungen nicht ausreichen.

Mit Blick auf den bevorstehenden Wechsel an der Spitze der IG Metall – der Erste Vorsitzende Berthold Huber hatte angekündigt, dass er sein Amt 2013 aufgeben wolle – meint Dulger, er könne mit jedem reden: „Ich werde mit jedem vertrauensvoll zusammenarbeiten.“ „Schmusekurs“ sei aber nicht das richtige Wort, um das neue Verhältnis zwischen IG Metall und Arbeitgebern zu beschreiben. 

Von Wolfgang Heumer/sta

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