Verkehr 17.12.1999, 17:23 Uhr

Zu Königs Geburtstag für Bangkok eine neue Bahn

Die 10-Mio.-Einwohner-Metropole Bangkok droht am eigenen Verkehr zu ersticken. Zum 72. Geburtstag weihte König Buhmibol die ersten 23,5 km des Skytrain ein, der im Endausbau täglich 680 000 Fahrgäste transportieren soll.

Ohne einen Baht öffentlicher Mittel stellte Siemens Verkehrstechnik als Führer eines Firmen-Konsortiums das erste Massenverkehrsmittel der thailändischen Metropole Bangkok auf seine Stelzen. Die Stadt stellte lediglich den Baugrund zur Verfügung und eine 30-jährige Betriebsgarantie. Damit ist das „Turn Key Project“ auch zum international beachteten Schlüsselprojekt solcherart finanzierter Transportprojekte geworden. Sogar der US-Kongress hat Beobachter nach Bangkok zur Schlüsselübergabe geschickt.
Dass die Stadt den Skytrain bitter nötig hat, daran kann niemand zweifeln, der schon einmal versucht hat, die Stadt – sei es als Tourist oder zu geschäftlichen Zwecken – zu durchqueren. Der Verkehrskollaps- das Wort Stau wäre dem, was sich in den heißen Straßen der Stadt nahezu rund um die Uhr ereignet, ist untertrieben – ist längst zum Dauerzustand geworden. Termine einzuhalten gelingt seit Jahren nur noch, wenn der Gesprächspartner zu Fuß zu erreichen ist. 82 % aller Transportleistungen werden zurzeit per Auto, Taxi, Bus oder Motorrad bewältigt, schilderte Dr. Bhichit Rattakul, Governor von Bangkok, die Verkehrssituation der 10-Mio.-Metropole, anlässlich der Schlüsselübergabe durch Siemens-Bereichsvorstand Hans-Dieter Bott. „Heute ist ein sehr wichtiger Tag für die Stadt Bangkok, für ihre Bürger und ihre Besucher“, würdigte der Governor die Fertigstellung des Skytrain.
„Nach Jahrzehnten der Diskussion, des Verhandelns und der Planung übergibt Siemens den Skytrain dem Betreiber. Schon bald werden die Bürger Bangkoks ihre Stadt ganz neu erleben.“ Ganz besonders freute sich der Bürgermeister, dass die Stadtbahn pünktlich zum 72. (fünf mal zwölf Jahre) Geburtstag des vom Volk hochverehrten Königs Bhumibol fertig wurde, der die Bahn denn auch am 5. Dezember ihrer Bestimmung übergab.
Und trotzdem ist der Erfolg des neuen Verkehrsmittels nicht so sicher, wie man angesichts der bisherigen Zustände glauben möchte: Denn was in anderen Metropolen der Welt längst zur Kostbarkeit geworden ist – Zeit -, scheint den Einwohnern Bangkoks längst nicht so viel wert zu sein. Jedenfalls viel weniger als die recht hohe Preisdifferenz zwischen einer Fahrt im Bus für ein paar Baht mit allen Konsequenzen und der Fahrt mit dem Skytrain, der immerhin bis zu 40 Baht kosten kann.
So blieb der ganz große Ansturm in den ersten Tagen aus. Statt der erwarteten 300 000 Fahrgäste täglich sind es zunächst nur 200 000 geworden. Immerhin leben in der „cashman-area“, den Gebieten links und rechts der Trasse, von denen die Verkehrsplaner hoffen, dass sie sich auf die neue Bahn locken lassen, mehr als 1 Mio. Menschen. Und wenn erstmal die heute noch parallel zum Skytrain operierenden Buslinien derart verlegt sein werden, dass sie als Zubringer-Linien operieren, dann werden wohl auch mehr Fahrten verkauft werden können. Wenn sich dann auch noch herumspricht, dass der Zug auf Stelzen seine Fahrgäste nicht nur pünktlich und zuverlässig, sondern auch höchst komfortabel an ihr Ziel bringt, kann der Erfolg nicht ausbleiben.
Zwei Linien hat die Baugemeinschaft, bestehend aus Siemens und Italian-Thai Development in fünf Jahren Planungs- und Bauzeit auf die Beine gestellt. 1994 erteilte die Bangkok Transit System Corporation (BTSC) nach Erteilung einer 30-jährigen Betriebsgarantie durch die Stadtoberen den beiden Firmen den Auftrag für Planung, Konstruktion und Bau einer schlüsselfertigen Hochbahn. Siemens Verkehrstechnik übernahm Leitung und Koordination des Gesamtprojektes und war verantwortlich für die gesamte technische Infrastruktur und das rollende Material. Italian-Thai Development steuerte die gesamte Bauleistung inklusive Ausführung bei.
Das Projekt – zwei Linien mit einer Gesamtlänge von mehr als 23 km, doppelgleisig auf einer aufgeständerten Trasse mit 24 Stationen – musste vollständig im laufenden Verkehr durchgezogen werden, denn zusätzliche Staus durch umfangreiche Straßensperrungen wollte sich die Regierung nicht leisten. Das hätte die Akzeptanz der neuen Bahn von vornherein gemindert, glaubten die Stadtoberhäupter. So durfte zeitweise nur in den Nachtstunden gearbeitet werden.
Der Skytrain wurde in jedem Detail auf die besonderen Bedürfnisse der thailändischen Metropole zugeschnitten. Das Ergebnis ist eine aufgeständerte zweispurige Trasse auf 12,5 m hohen Betonstelzen. Die Stelzen stehen wiederum auf je vier Gründungspfählen von 55 m Tiefe. Dadurch nimmt die Bahn zwischen den Stationen lediglich in der Mitte der jeweiligen Straße den Raum für die Stelzen in Anspruch. Nur unter den Stationen muss der Autoverkehr etwas mehr Platz machen.

Die erste Erweiterung ist schon fest eingeplant

Zum Start können stündlich 22 500 Passagiere in jeder Richtung transportiert werden. Die Züge mit je drei Wagen folgen einander mit einem zeitlichen Abstand von 135 s. Wenn die Bahn erst einmal von der Bevölkerung voll angenommen sein wird, können die Züge bis auf sechs Wagen verlängert werden.
Im Bereich der Zentralstation, wo sich Sukhumvit-Linie und Silom-Linie kreuzen, trennen sich die Fahrspuren in zwei Ebenen übereinander. Damit können Umsteiger ohne Plattform-Wechsel in den neuen Zug einsteigen.
1,7 Mrd. Dollar mussten insgesamt von privaten Investoren für die Verwirklichung des Projektes aufgebracht werden, da sich die Regierung darauf zurückzog, den Baugrund und die Betreibergarantie zu stellen. Damit wurde das Projekt zum ersten öffentlich finanzierten Infrastrukturprojekt weltweit. Ein Drittel der Mittel brachte die Betreibergesellschaft BTSC mit Hilfe thailändischer Investoren auf, die allerdings während der Asienkrise in schwere Turbulenzen gerieten und das Projekt gefährdeten. Zwei Drittel wurden von einem Syndikat von etwa 30 Banken aufgebracht. Allen voran die Kreditanstalt für Wiederaufbau, der Siam Commercial Bank und der International Finance Corporation, innerhalb der World Bank für private Finanzierungen verantwortlich.
Für die Siemens Verkehrstechnik ist der Skytrain sowohl technisch als auch hinsichtlich der Finanzierungsseite ein Modell für den asiatischen Markt. Hans-Dieter Bott: „Der Markt für schienengebundene Transportmittel wird in Asien jährlich um etwa 4 % wachsen. Als einer der Hauptanbieter können und wollen wir diese steigende Nachfrage mit zuverlässigen und wirtschaftlichen Lösungen befriedigen.“ rok
Im Bereich der zentralen Umsteige-Station des Skytrain trennen sich die Fahrspuren und fahren zwei übereinander liegende Plattformen an. Dadurch können die Passagiere auf derselben Plattform von einer Linie in die andere umsteigen.
Schlüsselübergabe: Bhichit Rattakul, Governor Bangkok , und Kasame Chatikavanij, Cairman der Bangkok Mass Transit System Company , empfangen den symbolischen Schlüssel für den Skytrain aus den Händen von Premchai Karnasuta, Präsident der Italian-Thai Development Company, und Hans-Dieter Bott, Vorstandsmitglied der Siemens Verkehrstechnik.

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur oder Physikerin / Physiker (Uni-Diplom/Master) als Wissenschaftliche Referentin / Wissenschaftlicher Referent (m/w/d) für Schallschutz / Erschütterungsschutz Bonn, Dresden
PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Produktmanager (m/w/d) Automotive – Bereich Entwicklung Schwelm
Presswerk Krefeld GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Presswerk Krefeld GmbH & Co. KG Konstrukteur Kaltmassivumformung (m/w/d) Krefeld

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Verkehr

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.