Verkehr 22.02.2008, 19:33 Uhr

„Wir kooperieren leidenschaftlich gerne“  

VDI nachrichten, Münster, 22. 2. 08, mav – Das Image des grünen Weltverbesserers hat Peter Ronge abgestreift. Wollte er als Student noch möglichst viele Menschen zu überzeugten (Liege-)Radfahrern machen, will der Geschäftsführer der Tubus GmbH heute vor allem erstklassige Gepäckträger herstellen und sein Unternehmen an die Spitze führen.

Ronge: Zuerst war es ein Experiment. Für Liegeräder gab es Mitte der 80-er Jahre kaum Komponenten. Und es wurden fast ausschließlich Drahtgepäckträger angeboten, obwohl sie statisch einer Rohrkonstruktion unterlegen sind. Also habe ich angefangen, die ersten Konstruktionen selbst in Nachtsitzungen zusammenzulöten.

Im ersten Jahr habe ich 60 Träger verkauft, im zweiten Jahr 300. Damit bin ich an eine Grenze gestoßen und musste mich entscheiden, ob ich die Herstellung professionalisiere. Da das Geschäft mit den Liegerädern nicht viel einbrachte, habe ich mich auf diese Sparte verlegt und Tubus gegründet.

VDI nachrichten: Gepäckträger sind nur ein kleiner Teil des Fahrrads. Und Ihre Gepäckträger sind speziell für sehr anspruchsvolle Kundschaft. Wie groß ist die Nische, in der Sie sich bewegen?

Ronge: Als wir 1987 begonnen haben, war das ein Nischenmarkt. Mittlerweile nicht mehr. Wir sprechen über ein Volumen von rund 250 000 ganz hochwertigen Trägern, die allein in Europa jedes Jahr verkauft werden. Daran haben wir mit der Marke Tubus den größten Marktanteil.

Dazu kommt der Markt der Mittelklasse-Räder im Preissegment 500 € bis 1200 €. Davon werden europaweit rund 4 Mio. Stück pro Jahr verkauft. In diesem Segment entwickeln wir uns zu einem der wichtigsten europäischen Gepäckträger-Zulieferer. Wir beliefern heute die meisten europäischen Fahrradhersteller.

VDI nachrichten: Wie haben Sie das Wachstum finanziert? Hatten Sie Beteiligungskapital?

Ronge: Nein, mein Unternehmen soll in Unternehmerhand bleiben. Deshalb kam und kommt Beteiligungskapital für mich nicht in Frage. Mezzanine-Kapital wurde uns schon angeboten, aber das ist mir zu teuer.

Die Sparkasse hingegen begleitet uns sehr engagiert. Wie sich unsere Finanzierung weiter entwickelt, müssen wir sehen, denn wir wachsen sehr stark. In diesem Jahr werden wir den Umsatz voraussichtlich verdoppeln, und in den folgenden Jahren erwarten wir jährliche Zuwächse von 200 % bis 300 %.

VDI nachrichten: Woher rührt das starke Wachstum?

Ronge: Das Fahrrad ist mittlerweile als Verkehrsmittel anerkannt, neben seiner zunehmenden Beliebtheit im Sport und in der Freizeit. In jüngster Zeit wirkt sich zudem der hohe Benzinpreis aus. In Holland etwa wird Radfahren steuerlich besonders gefördert. Wer zum Arbeitsplatz radelt, kann eine höhere km-Pauschale geltend machen als der Autofahrer. Branchenstudien zufolge wird das Fahrrad weiter enorm an Prestige gewinnen. Immer mehr Leute werden aufs Rad steigen – und dafür immer mehr Geld ausgeben.

VDI nachrichten: Wie haben Sie Ihre Marke bekannt gemacht?

Ronge: Wir akquirieren zuerst die kleinen OEMs. Was bei denen erfolgreich läuft, das schauen sich die großen Produzenten ab. Der kleine Hersteller ist fast immer der Innovativere. Und was innovativ ist, findet Resonanz. In den Fachmagazinen sehen wir heute bis zu 80 Abbildungen von Rädern mit Tubus-Gepäckträgern.

Außerdem war ich der Erste, der einem Fahrradgepäckträger einen Namen gegeben hat, nicht nur eine Teile-Nummer. Meine ersten Gepäckträger-Modelle hießen Fly und Cargo. Daraus sind inzwischen echte Technik-Klassiker geworden, die wird es in 20 Jahren noch so geben. Darauf bin ich stolz.

VDI nachrichten: In Internetforen werden teils einzelne Schweißstellen Ihrer Tubus-Gepäckträger so heiß diskutiert, dass Sie sich da schon selbst zu Wort gemeldet haben. Welche Rolle spielt das Internet für Ihr Unternehmen?

Ronge: Das Internet stellt für uns eine große Chance im Einkauf dar. Auf der anderen Seite kann es einem gefährlich werden, wenn Kunden die Qualität der Produkte öffentlich in Zweifel ziehen. Wenn sich in den Foren etwas hochschaukelt, was unseren Ruf schädigen könnte, dann halten wir dagegen und gehen im Zweifel auch harsch gegen Unterstellungen vor.

Aber bisher hatten wir nicht wirklich Probleme damit. Im Gegenteil: Wir haben eine große Fangemeinde, die uns sogar informiert, wenn schädliche Gerüchte über unsere Produkte kursieren.

VDI nachrichten: Aber 100 %ige Fehlerfreiheit können Sie doch gar nicht garantieren¿

Ronge: Nein, umso wichtiger ist es, den Händlern zu vermitteln, dass sie uns voll vertrauen können. Deshalb geben wir umfangreiche Garantien. Defekte Träger werden von uns innerhalb kürzester Frist analysiert und ersetzt. Allerdings haben wir pro Jahr nicht mehr als sechs solcher Garantiefälle¿

VDI nachrichten: In den Foren geht es oft darum, dass ein bestimmter Träger mit einem anderen Bauteil kollidiert oder mit einer Tasche nicht zusammenpasst. Gibt es da keine Standards?

Ronge: Es ist in unserer Branche eine weit verbreitete Krankheit, dass jeder für sich hin bastelt. Da achtet etwa der Ballonreifenhersteller nicht auf die Rahmenbreite oder die Schutzbleche, die der OEM verwendet.

Wir hingegen kooperieren leidenschaftlich gern. Zum Beispiel bei der Halterung für Bügelschlösser. Da haben wir gemeinsam mit dem Schlosshersteller Abus und dem Befestigungsspezialisten Klickfix einen Träger auf den Markt gebracht. Bei dem Modell wird das Bügelschloss während der Fahrt zwischen Trägerstreben und Hinterrad in einer Klickhalterung eingerastet. Da kollidiert es auch nicht mit den Gepäcktaschen.

Bei unserer Marke Racktime gibt es inzwischen eine ganze Produktlinie mit Rastplatten für Körbe, Fahrradanhänger oder Getränkekistenhalter.

VDI nachrichten: Sie produzieren seit Jahren in China. Wie kommt ein – mit Verlaub – kleiner Mittelständler dazu, ein solches Abenteuer einzugehen?

Ronge: Das hat mit Abenteuer nicht viel zu tun. Zum einen finden Sie hier in Deutschland nur wenige gute Fachleute, die sich auf das Schweißen von Edelstahl und Titan verstehen. Und damit wird es auch eine Preisfrage. Nach China bin ich durch Zufall gekommen. Eines Tages nahm ein Norweger Kontakt zu mir auf, der in China lebt, und fragte mich, ob ich meine Gepäckträger nicht im Werk eines befreundeten chinesischen Unternehmers fertigen lassen wolle. Nachdem wir uns etwas kennen gelernt hatten, habe ich zugestimmt. Der chinesische Unternehmer starb wenige Monate später unerwartet. Daraufhin habe ich ein Unternehmen in China gegründet und die Anlagen übernommen.

VDI nachrichten: War das damals schwierig?

Ronge: Nein, damals wurde es uns einfach gemacht und von der regionalen Verwaltung etwa so positiv begleitet, wie die Ansiedlung eines Großunternehmens in Münster behandelt würde. Allerdings gab es damals schon strenge Umweltauflagen, die teils abstrus wirken. So wurden wir bei einer Lärmmessung im Betrieb als „zu laut für die Nachbarn“ eingestuft. Draußen, außerhalb der gut isolierten Mauern, wurde jedoch nicht gemessen.

VDI nachrichten: Haben Sie keine Angst kopiert zu werden?

Ronge: Ich habe in China ganz bewusst einen Standort gewählt, wo es nur wenige Firmen unserer Branche gibt. Das reduziert die Fluktuation der Mitarbeiter – ein Mittel, das Know-how im Unternehmen zu halten. Ansonsten laviere ich mich mit relativ wenigen Schutzrechten durch. In der Regel reicht der Vorwurf der Herkunftstäuschung aus, um vorgerichtlich eine Einigung mit dem Kopierer zu finden.

VDI nachrichten: Wie sieht das Fahrrad von morgen aus?

Ronge: Das Fahrrad wird modularer werden. Es gibt dann nur noch ein Fahrrad für alle Einsatzzwecke. Morgens wird es zum Brötchenholen genutzt, am Nachmittag für die ausgedehnte Radtour und am Wochenende zum Mountainbiking. Schutzbleche, Gepäckträger, Beleuchtung, Taschen – alles wird sich schnell an- bzw. abbauen lassen. Abends muss das Fahrrad wieder sauber und aufgeräumt aussehen. Dazu setzen sich dezentere Designs durch, es wird weniger Mehrfarbigkeit von Rahmen und Komponenten geben. Leise, edel, massiv – nichts darf knirschen oder klappern am Rad der Zukunft. mav

Ein Beitrag von:

  • Martin Volmer

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Wirtschaft, Konjunktur, Wirtschaftspolitik.

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