Verkehrssicherheit 11.12.1998, 17:20 Uhr

Trotz harter Arbeit meist ein langes Leben

Crash-Tests haben Konjunktur, Dummies werden zu Hauptdarstellern in Werbefilmen und PR-Kampagnen. Aber trotz ihrer harten Arbeit haben sie in der Regel ein langes Leben.

Schon das Zuschauen schmerzt. Auf einem Stahltisch sitzt Eurosid-1, die Beine ausgestreckt, den Oberkörper aufgerichtet. Langsam bewegt sich ein Pendel von seiner Seite weg, die 24 kg schwere Stahlröhre wird in die Höhe gezogen, verharrt einen Moment, wird ausgelöst und knallt genau auf die Hüfte von Eurosid-1. Mit einem dumpfen Geräusch fliegt er gegen die gepolsterte Wand neben dem Tisch. Zwei junge Männer blicken von ihren Monitoren auf, packen ihn, setzen ihn in Position, und schon wird das Pendel langsam wieder nach oben gezogen.
Testobjekt Eurosid-1 macht einen etwas bemitleidenswerten Eindruck. Als reines Seitenaufpralldummy (Sid – Side Impact Dummy) fehlen ihm die Unterarme, er hat nur drei Rippenbögen. In dem kleinen Laborraum steht ein halbes Dutzend Monitore, verkabelt mit verschiedenen Marterinstrumenten, mit denen ganze Dummies oder einzelne Teile wie die Rippenbögen, das Genick oder Fußgelenke getestet und kalibriert werden können.
Auf der Erde Kartons mit teilweise noch verpackten Dummyteilen. Erstaunlich, wie schwer ein Bein sein kann, wenn man es in der Hand hält – genau 12,8 kg – oder ein Kopf mit seinen 6,3 kg. Dazwischen auch Teile, die eindeutig auf Kinderdummies schließen lassen. Im Hintergrund knallt Eurosid wieder gegen die Wand, diesmal hat ihn das Pendel an der Schulter getroffen.
Dieses kleine, spartanisch eingerichtete Labor ist das Herzstück des einzigen namhaften europäischen Herstellers von Dummies, der TNO Crash Dummies BV in Delft.
Im Süden der Kachelstadt liegt der Technologiepark der TNO, einer der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft vergleichbaren Einrichtung. Crash Dummies BV war noch vor wenigen Jahren Teil der TNO-Forschungseinrichtung für Straßenverkehrssicherheit in diesem Technologiepark, wurde ausgegliedert und ist jetzt mit 20 Mitarbeitern „die kommerziell erfolgreichste Ausgründung von TNO“, so Jan van Dijke, verantwortlicher Manager bei Crash Dummies BV.
Neben dem Labor eine größere Halle, auf einer Laufschiene steht ein Schlitten mit einem Kindersitz, auf dem ein kleiner, ziemlich mitgenommener Dummy festgeschnallt ist. In einer anderen Ecke der Halle hockt ein nagelneuer Kinderdummy im gelben Neoprenanzug. „Unser Spitzenprodukt“, stellt van Dijke vor, „Q3, der erste Kinderdummy, der für Seitenaufpralltests und Frontaltests verwendet werden kann.“
Kein Dummy kann alles. Also gibt es Erwachsenendummies für Frontalzusammenstöße, ein Markt, der vor allem vom US-Hersteller First Technology beherrscht wird, zudem Dummies für Seitencrash-Test, die von Amerikanern wie auch von TNO Crash Dummies hergestellt werden, und Kinderdummies, die in der hochentwickelten Form des Q3 bis jetzt ausschließlich von den Holländern gebaut werden.
Die Einzelteile kommen von der englischen Crash-Dummies-Tochter Ogle TNO Safety Products Ltd. in Letchworth, 70 km nördlich von London, werden in Delft zusammengesetzt und zertifiziert.
Dummies herzustellen ist ein aufwendiges Geschäft: Biomechanische Daten über die Stabilität von Knochen und Haut, über Gewicht und Größe bis zur Beweglichkeit der Gelenke werden von wissenschaftlichen Einrichtungen, in Deutschland vor allem von den Universitäten Heidelberg, München und Hannover, erhoben und fließen in die Entwicklung ein, ebenso wie die detaillierte Analyse von Unfallfolgen, aber auch Tests mit Leichen. Jede Dummy-Generation kommt dem menschlichen Vorbild etwas näher. Eurosid-1 ist 72 kg schwer und 175 cm groß.
„In den letzten Jahren hat sich das Interesse deutlich verlagert“, so van Dijke. Früher stand die Sicherheit von Kopf- und Brustraum im Vordergrund. „Jetzt, nachdem fast alle Autos zu den Sicherheitsgurten noch Airbags haben, kümmern wir uns mehr um Verletzungen von Beinen und Füßen.“
Die Entwicklung eines neuen Dummies kostet mehrere Millionen DM, bei der Entwicklung von Eurosid-1 hat TNO mit anderen Forschungseinrichtungen fast zehn Jahre zusammengearbeitet, dann über ein Jahr getestet. Die Europäische Kommission hat das Projekt mitfinanziert.
Gut 200 Kinder- und Seitenaufpralldummies verkauft TNO Crash Dummies im Jahr an Automobilhersteller, aber auch an Produzenten von Kindersitzen und Airbags. Ein Kinderdummy kann bis zu 25 000 DM kosten – ohne Meßelektronik. Je nach elektronischer Ausrüstung, den Sensoren, die das Crashverhalten aufzeichnen, kann ein solcher Dummy dann schnell bis zu 100 000 DM kosten.
Kein Wunder, daß so ein Dummy von denen, die ihn nutzen, gehegt und gepflegt wird. Ein solcher Nutzer ist der TÜV Automotive in Garching, im Norden von München. TÜV Automotive ist eine Tochter des TÜV Süddeutschland und bietet Ingenieurdienstleistungen bei der Verbesserung der aktiven und passiven Sicherheit im Automobilbau an. Zentrum ist die Crash-Anlage – eine lange Halle, an deren Ende ein massiver 100-t-Zementblock steht. Durch die Halle laufen die Schienen für den Rammbock, der für die Seitenaufprallversuche genutzt wird. „Seitenaufpralltests haben derzeit Konjunktur“, erklärt Lothar Wech, Chef von TÜV Automotive, und so finden fast täglich Autos in dieser Halle ihr Ende.
Die Testfahrer sitzen nebenan in einer kleinen Werkstatt, gut ein Dutzend Dummies, alle, wie passend, im Rollstuhl. „Das macht es uns leichter, sie zu bewegen, so Bernd Jacob, beim TÜV Automotive für die passive Sicherheit zuständig.
Um ihre Köpfe hängen Kabel, manches „Gesicht“ ist bunt angemalt, um die Aufschlagstelle im Airbag zu markieren. Hier und da fehlt ein Kopf oder eine Hand, auf der Werkbank sitzt ein kopfloser Kinderdummy, der Stahldraht, der den Kopf mit dem Körper verbindet, ist gerissen. Gewissenhaft wird alles wieder repariert, der kurze Draht kostet gut 100 DM, ein Kopf von einem Frauendummy 4000 DM. Ein neuer Erwachsenendummy wird, je nach elektronischer Ausrüstung, bis zu 250 000 DM teuer.
Doch gut gepflegt, haben Dummies ein erstaunlich langes Leben. „Sie halten bis zu zehn Jahren und länger“, so die Erfahrung von Lothar Wech, und das, obwohl manche täglich und sogar noch öfter ran müssen. Je nach Test werden zwischen 15 und bis über 100 verschiedene Daten aus dem ganzen Körper des Dummy aufgenommen, über Kabel in Datenspeicher transportiert, die meist im Kofferraum untergebracht sind. Nach jedem Versuch werden die Dummies überprüft, nach jedem fünften neu kalibriert.
Doch je mehr man weiß, umso mehr will man wissen. So geht es auch den Unfallforschern und Sicherheitstechnikern. Deshalb wird jetzt schon sowohl in den USA wie in Europa an Dummies mit inneren Organen gebaut. „Je besser das Werkzeug“, so Wech, „umso besser die Ergebnisse in den Tests.“
Was die Dummybauer derzeit am meisten beunruhigt, ist die Zersplitterung des ohnehin kleinen Markts aufgrund der unterschiedlichen Zulassungsregularien in Europa und den USA. „Es ist“, erklärt van Dijke in seinem Delfter Labor, „noch immer so, daß wir Dummies für Europa und Dummies für die USA bauen“. Das aber soll sich langsam ändern. Amerikaner, Japaner und Europäer entwickeln derzeit an einem gemeinsamen Seitenaufpralldummy, dem ,Worldsidi. Bis dahin müssen Eurosid-1 und seine amerikanischen Kollegen die Schläge einstecken.
W. MOCK

Von W. Mock
Von W. Mock

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